Vieles, was die Kasseler Löwen erlebt haben, erlebten auch die Kickers

So nah und doch so fern: KSV und Offenbacher Kickers haben einiges gemeinsam

Heißes Duell unter Flutlicht: Im Frühjahr 2010 verloren Enrico Gaede (links) und der KSV Hessen im Hessenpokal-Finale in Fulda gegen Offenbach (hier Nils Teixeira). Archivffoto: Fischer

Kassel. Am Sonntag also ist es wieder einmal soweit: Um 14 Uhr treffen auf dem Bieberer Berg die hessischen Traditionsklubs Kickers Offenbach und KSV Hessen Kassel aufeinander.

Vor dem Duell lässt sich festellen: Sie sind sich nah. Aber eben doch so fern. Die Nähe ist nicht nur geografischer Natur, sie gilt auch für die Geschichte. Vieles, was die Kasseler Löwen erlebt haben, erlebten auch die Kickers. Das gilt sportlich. Das gilt finanziell. Aktuell macht der KSV das durch, was der OFC bereits hinter sich gebracht hat: Einen Insolvenzantrag und damit verbunden der Abzug von neun Punkten. Es gibt also viele Gemeinsamkeiten. Trotzdem ist die Rivalität groß zwischen den beiden. Die Fans sind sich spinnefeind, gerade nach einigen Vorfällen in jüngster Vergangenheit. Schlechte Nachrichten gibt es für die Gäste vor dem Spiel: Lucas Albrecht wird doch nicht dabei sein. Das Knie des Innenverteidigers hielt im Training den Belastungen noch nicht stand.

Brungs und Zauber-Paule

Der KSV Hessen war schon immer ein Sprungbrett für talentierte Fußballer. Mirko Dickhaut ging 1993 von den Löwen zu Eintracht Frankfurt, Dirk Bakalorz wechselte 1986 vom KSV zu Borussia Mönchengladbach, und Holger Brück und Gerd Grau gingen einst aus Kassel zu Hertha BSC Berlin.

Aber mehr noch brachten die Offenbacher Kickers bekannte Spieler heraus. Die späteren Weltmeister Uwe Bein und Rudi Völler ließen beim OFC erstmals aufhorchen, ehe sie eine große Karriere starteten, Michael Kutzop wurde nach seinem Abschied aus Offenbach bei Werder Bremen eine feste Größe, und der langjährige Bundesliga-Torjäger Dieter Müller ist am Bieberer Berg bis heute eine Legende – wenn man so will: das Pendant zu Thorsten Bauer, dem Fußball-Gott der Löwen.

Etliche namhafte Trainer waren ebenfalls beim OFC tätig: Peter Neururer, Jörn Andersen, Dragoslav Stepanovic, Ronny Borchers, Lothar Buchmann, Niko Semlitsch und und und. Aktuell hat mit Oliver Reck ein ehemaliger Erstliga-Profitorwart von Werder Bremen an der Seitenlinie das Sagen.

Unter den Übungsleitern, die beim Traditionsverein aus Offenbach Regie führten, ist auch ein Mann, der beim KSV Hessen erfolgreich war: Franz Brungs heuerte sowohl bei den Kickers als auch bei den Löwen zweimal als Coach an. 1987 ging er sogar direkt vom Main zum Erzrivalen an die Fulda.

Auch ein Spieler hinterließ bei beiden Klubs einen nachhaltigen Eindruck: Paul Koutsoliakos stand von 1989 bis 1991 in Kasseler Diensten. Später spielte „Zauber-Paule“ für den OFC. In jüngerer Vergangenheit waren Wechsel zwischen den Vereinen eher die Ausnahme. 2016 verabschiedete sich Sascha Korb Richtung Kassel. Gabriel Gallus war einige Jahre zuvor den umgekehrten Weg gegangen.

OFC spielte Europapokal

Manche ältere Fußball-Fans werden beim Namen Offenbacher Kickers zuerst an das Jahr 1970 denken. Durch den damaligen OFC-Präsidenten Horst-Gregorio Canellas wurde bekannt, dass im Abstiegskampf Spiele verschoben worden waren: der Bundesliga-Skandal. Den ohnehin als Absteiger feststehenden Offenbachern wurde die Lizenz entzogen.

Im Gegensatz zum KSV Hessen gehörten die Kickers einige Jahre der höchsten Klasse an – insgesamt sieben Spielzeiten. In der Ewigen Tabelle der 1. Bundesliga liegt der OFC an 29. Stelle. Zum letzten Mal waren die Offenbacher in der Serie 1983/84 erstklassig. Der größte Erfolg war der Sieg im DFB-Pokal 1970 – wohlgemerkt als Zweitligist. Im Europacup schieden die Südhessen im gleichen Jahr in der ersten Runde gegen Brügge aus.

War sowohl beim KSV Hessen Kassel als auch bei den Offenbacher Kickers als Trainer tätig: Franz Brungs. Foto: nh

Die Löwen waren vor allem 1985 dicht dran an der 1. Bundesliga. Zwei Spieltage vor Ende hatte der KSV als Tabellenführer alles in der eigenen Hand. Dann spielte er aber im heimischen Auestadion nur 2:2 gegen Hannover 96 und holte auch kurz darauf in Nürnberg nicht den fehlenden Punkt: Gegen den Club gab es eine 0:2-Pleite. Später mussten die Kasseler bis in die Kreisliga runter.

Während der OFC 2008 ein Gründungsmitglied der neu eingeführten 3. Liga war, verpasste der KSV die direkte Qualifikation dafür. 2013 wurden die Löwen Staffelsieger in der Regionalliga Südwest, scheiterten aber anschließend in den Playoffs an Holstein Kiel. Das gleiche Schicksal ereilte zwei Jahre später die Kickers, die gegen den 1. FC Magdeburg das Nachsehen hatten.

Im Hessenpokal lieferten sich die beiden hessischen Traditionsklubs in den vergangenen Jahren immer wieder heiße Duelle. 2010 verlor der KSV etwa vor 4400 Zuschauern in Fulda im Finale 1:2 gegen den OFC.

Beide spielen in modernen Arenen

18 737 Zuschauern bietet das Kasseler Auestadion Platz, seit es in den vergangenen 15 Jahren schrittweise umgebaut und modernisiert worden ist. Offiziell eröffnet wurde es 1953. Prunkstück ist die neue Haupttribüne. Neben den Spielen des KSV werden hier auch Leichtathletik-Veranstaltungen ausgetragen. 2011 und 2016 fand die Deutsche Meisterschaft im Aue-stadion statt. Auch die U 21-Nationalmannschaft und die DFB-Frauen waren zu Gast.

Der Bieberer Berg in Offenbach trägt mittlerweile den Namen Sparda-Bank-Hessen-Stadion. Klingt nicht nach Tradition. Genau genommen ist es das auch nicht. Das Stadion wurde in den Jahren 2011/12 komplett neu gebaut – an der Stelle des alten, das seit 1921 in Betrieb war, Kuriose Geschichte am Rande: 1997 erhielt der Berg eine Anzeigentafel, die drei Jahre später abgebaut wurde. Sie war nur für ein einziges Spiel in Betrieb.

Die neue Arena hat Platz für 20 500 Zuschauer. Ungewöhnlich: Die Kickers-Fans sind auf der Gegengeraden untergebracht. In Kassel stehen die Fans in der Nordkurve. Beim letzten Heimspiel gegen Offenbach drangen einige in den Innenraum ein. Das zeigte, wie sehr die Rivalität zwischen beiden Lagern sich zuletzt aufgeheizt hat. Klar, in so einem Derby stehen sich beide Seiten immer extrem ablehnend gegenüber. Nachdem OFC-Anhänger Kasseler Ultras bei einem Auswärtsspiel im Saarland überfielen und ein Banner stahlen, ist die Lage eskaliert. Das Banner wurde bei eben diesem letzten Heimspiel von den Gäste-Fans präsentiert. Zuletzt gab es Übergriffe Kasseler Anhänger gegen Offenbacher auf einem Autobahn-Parkplatz. Bleibt nur die Hoffnung, dass die Stimmung sich langsam wieder beruhigt. Es soll hitzig sein im Derby. Aber bitte ohne Krawall.

Insolvenzen inbegriffen

Sie sind gebeutelt, die Löwen und die Kickers. In der Vergangenheit. Und in der Gegenwart ohnehin. Den KSV erwischte es erstmals 1993. Der verschuldete Hauptverein ging hoch verschuldet in Konkurs. Die Fußball-Abteilung wurde ausgegliedert und als FC Hessen Kassel am Leben gehalten. Aber auch das ging nicht lange gut. Im November 1997 drückten auch den FC Hessen Kassel 1,8 Millionen Mark Schulden. Wieder ging es zum Amtsgericht. Das letzte Spiel des FC Hessen Kassel fand am 13. Dezember 1997 statt.

Die Neugründung des KSV folgte unter Urgestein Holger Brück im Februar des folgenden Jahres. Lange Jahre blieb es ruhig, sportlich ging es anfangs zügig bergauf. Doch am 13. Juni dieses Jahres musste der KSV erneut einen Insolvenz-Antrag stellen.

Mit Pleiten kennen sie sich auch in Offenbach bestens aus. Bereits 1988/89 war den Kickers wegen eines Formfehlers die Lizenz entzogen worden. In der jüngsten Vergangenheit musste der OFC diesen Gang gleich zweimal antreten. Zunächst 2013 auf Druck des DFB. Nach und nach kristallisierte sich ein unglaublicher Schuldenberg von über 17 Millionen Euro heraus. Der Zwangsabstieg aus der dritten in die Regionalliga war die Folge. 2016 folgte der nächste Insolvenzantrag, der aber schließlich wieder zurückgezogen werden konnte.

Der Abzug von neun Punkten für die neue Saison aber blieb bestehen. Und so dient der Rivale aus Offenbach plötzlich auch als Vorbild für den KSV. Die Kickers schafften trotz des Handicaps im Vorjahr souverän den Klassenerhalt und den Schulterschluss mit den Anhängern. So möchten es die Löwen nun auch hinbekommen.

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