Aus in der Nachspielzeit

Das Drama um den KSV Hessen: So grausam ist der Fußballgott

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Ein Bild der Trauer: KSV-Kapitän Frederic Brill sitzt nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen.

„Bis kurz vor Schluss habe ich gedacht, dass es einen Fußballgott in Kassel gibt. Dann war er wieder weg.“ Zwei Sätze, gesprochen von KSV-Geschäftsführer Michael Krannich, die alles sagen.

Nach zwei Stunden, die eigentlich niemand in Worte fassen konnte. Der Fußball-Hessenligist aus Kassel wird nicht an der Aufstiegsrunde zur Regionalliga teilnehmen. Auch ein 3:1 (0:1)-Sieg in Flieden am Samstagnachmittag änderte daran nichts. Denn der Konkurrent Bayern Alzenau drehte in der Nachspielzeit einen Zwei-Tore-Rückstand in Gießen noch in ein Remis (siehe Spielfilm unten). Der unglaubliche Schlusspunkt eines bis dahin aufregenden Tages.

„Ich hatte noch nie so einen bitteren Moment im Fußball. Es ist hart“, sagte Kapitän Frederic Brill. Mehrmals musste er schlucken. Als kurz danach ein Fan zu ihm kam, konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Löwen hatten ein Wechselbad der Gefühle durchlebt.

Auf eine schwache erste Halbzeit, nach der sie 0:1 zurücklagen, folgte eine starke zweite. Ingmar Merle sah nur fünf Minuten nach seiner Einwechslung die Rote Karte wegen einer Notbremse. Doch auch das hielt die Löwen nicht mehr auf. Flieden war platt, der KSV traf erst glücklich durch Tim Brandner. Dann verdient durch Sebastian Schmeer und Jon Mogge.

Trotz des dramatischen Endes: "Es war eine gute Saison"

„Was willst du dazu sagen“, war auch Merle hinterher beinahe sprachlos. „Durch meine Rote Karte kam eigentlich noch mal so ein Aha-Effekt. Aber, wenn du auf eine andere Mannschaft angewiesen bist, ist das immer schlecht.“ Der 29-Jährige dachte aber auch schon einen Schritt weiter: „Persönlich muss ich trotzdem sagen, dass es eine sehr gute Saison war. Es sollte im Fokus stehen, was wir mit diesem jungen Kader erreicht haben.“

Können es nicht fassen: Torwarttrainer Michael Gibhardt (links) und Coach Tobias Cramer verlassen den Platz in Flieden.

Bis alle so weit sind, wird es einige Zeit dauern. Zu groß waren die Schmerzen nach dem dramatischen Ende. Die KSV-Fans standen schon jubelnd auf dem Feld, sie gaben den Spielern Zeichen – ja, es steht 2:0 für Gießen. Das war nach 86 Minuten. Nach 93 stand es in Gießen auf einmal 2:2. Die Blicke gingen auf die Handys. Läuft das Spiel da noch? Ja, aber nicht mehr lange. Dann war es vorbei. Auch für den KSV.

Nur traurige Gesichter im Stadion 

Trainer Tobias Cramer wollte kurz nach dem Spielende nichts sagen. In dem Raum, in dem eigentlich die Pressekonferenz stattfinden sollte, saß er an einem Tisch, das Gesicht von Tränen gezeichnet. Ein Gespräch mit beiden Coaches fand nicht mehr statt. Gegner Buchonia Flieden war durch die Niederlage sicher abgestiegen. Weil Friedberg zeitgleich gewann, hätte das Team ohnehin keine Chance mehr gehabt.

Konsterniert: Niklas Neumann.

So gab es an diesem Nachmittag im Stadion am Weiher nur traurige Gesichter. Und nach der verpassten Aufstiegschance bleiben Fragen beim KSV. Was wird aus Cramer, der nun im kommenden Jahr keinen Vertrag mehr hat? Und wie sieht der Kader im zweiten Jahr Hessenliga aus? Einige Spieler haben verlängert. Mit Adrian Bravo Sanchez, Brian Schwechel und Jan-Philipp Häuser laufen aber auch Verträge wichtiger Spieler aus.

Die Löwen werden wieder angreifen. Sie werden den Aufstieg ein weiteres Mal als Ziel ausgeben. Das ist der Anspruch. Sie werden es wieder versuchen. Auch wenn sie nun wissen, dass der Fußballgott grausam sein kann.

Der Spielfilm

Die Fassungslosigkeit kommt in der Nachspielzeit 

Rückstand, Rote Karte, Partie gedreht, gewonnen und doch nicht glücklich 

Flieden – Gleich mehrere Wechselbäder der Gefühle erlebten die KSV-Fans in Flieden. Hier noch einmal der Spielfilm eines denkwürdigen Samstagnachmittags:

26. Minute: Erster Dämpfer für den KSV, Fabian Schaub trifft nach einem Abstoß zum 1:0 für die Gastgeber. 

31. Minute: Der Löwen-Anhang jubelt, doch Jon Mogge steht im Abseits. Halbzeitpause: Der KSV liegt zurück, zwischen Gießen und Alzenau steht es 0:0. Damit hätten die Bayern den zweiten Platz inne.

 63. Minute: Nächster Rückschlag für die Gäste, Ingmar Merle sieht fünf Minuten nach seiner Einwechslung die Rote Karte wegen Notbremse an Schaub. 70. Minute: Die Löwen ziehen in Unterzahl ein Powerplay auf, Flieden ist k.o. Tim-Philipp Brandner staubt nach einem Torwartfehler von Lukas Hohmann zum 1:1 ab. 

79. Minute: Die KSV-Anhänger rasten zum ersten Mal so richtig aus, weil Sebastian Schmeer die Löwen in Führung bringt und wenig später aus Gießen die Nachricht kommt, dass Cem Kara zum 1:0 getroffen hat. Stand jetzt haben die Nordhessen Platz zwei in der Tabelle erobert.

86. Minute (in Gießen): Obwohl Alzenau die dominante Mannschaft ist, steht es durch das Tor von Noah Michel nun 2:0. In Flieden brandet Jubel auf, die KSV-Fans trommeln mit den Fäusten gegen die Bande. 

Nachspielzeit: Mogge erhöht für die Löwen auf 3:1, in Flieden ist die Entscheidung gefallen. Der bange Blick der Löwen-Anhänger, die längst bei ihrem Team auf dem Platz sind, geht nun nach Gießen, wo gerade der Anschlusstreffer für Alzenau durch Gianluca Alessandro gefallen ist (90.+1). Im Gegenzug hat Gießen die Chance alles klarzumachen, doch Schiedsrichter Volker Höpp pfeift den Vorteil vorher ab. Zum Erstaunen aller zeigt er dem Alzenauer, der letzter Mann war, nur Gelb. Fast im Gegenzug erzielt Salvatore Bari das 2:2 (90.+3). Damit haben die Bayern Platz zwei gesichert, und in Flieden bleibt kollektive Leere und Fassungslosigkeit.

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