Verein in finanziellen Schwierigkeiten

Wenn der Fußball seine Kinder frisst: Analyse zur Lage des KSV Hessen

Wie lange leuchtet das Licht noch für die Löwen? Der KSV Hessen Kassel steckt in der Krise. Ob es weitergeht, ist ungewiss. Foto: Hedler

Kassel. Erstens: Der KSV hat Fehler gemacht. Zweitens: Der Verband hat eine Liga gebastelt, aus der es nur schwer ist, herauszukommen. Drittens: Übersättigung durch beinahe täglichen Spitzenfußball im TV. Eine Analyse zur Lage des KSV Hessen.

Der Fußball ist des Deutschen liebstes Kind. Keine Sportart wird häufiger betrieben, keine häufiger im TV gezeigt. Keine lockt so viele Sponsoren. Keine zahlt ihren Protagonisten solche Summen. Fußball ist Geschäft. Ist Begeisterung. Ist ebenso oft Irrsinn. Der Fußball in seiner Omnipräsenz erschwert das Dasein anderer Sportarten. Und mittlerweile bedroht er auch sich selbst.

Die aktuelle Situation des Regionalligsten KSV Hessen Kassel im Überlebenskampf ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Fußball manchmal seine eigenen Kinder frisst. Wie äußere Zwänge, etwas Pech und eigene Unzulänglichkeiten einen Klub immer tiefer hineinführen in die Sackgasse.

Der KSV hat Fehler gemacht. Er hat es versäumt, die Regionalliga als durchaus auch attraktives Zuhause zu verkaufen. Es ist ihm nicht gelungen, sich langfristig ein Image aufzubauen. Er hat Sponsoren nicht halten können. Trotzdem ist es nicht allzu lange her, da war es nicht schwer, das Auestadion zu füllen. Eine gute Platzierung, ein attraktiver Gegner – die Zuschauer kamen. Beim Aufstiegsspiel gegen Kiel im Juni 2013 hieß es ganz schnell: ausverkauft!

Die Zeiten haben sich geändert. Um den Aufstieg können die Löwen nicht mehr mitspielen. Sie mussten abspecken, regionalisieren, galten als Abstiegskandidat. Es wäre aber zu kurz gedacht, allein daraus sinkendes Interesse zu erklären. Der KSV hat einiges zu bieten. Ein überraschend erfolgreiches, ein sympathisches Team, eine Spielweise, die die Fans mitnimmt. Es gäbe gute Gründe für einen Stadionbesuch.

Trotzdem kommen immer weniger Fans, wird das Überleben immer schwerer. Bei weitem nicht nur für den KSV. Die Gründe? Da ist der Verband, der seinen Vereinen eine Liga gebastelt hat, die eigentlich nichts als eine Falle ist. Wer hier herauskommen will, der muss mächtig strampeln. Meisterschaft heißt nicht Aufstieg. Finanzielle Unterstützung aus TV-Geld gibt es kaum.

Das ist das eine. Das andere Thema lautet: Übersättigung. Tag für Tag sehen wir Fußball der Spitzenklasse auf dem TV-Bildschirm. Unsere Kinder träumen vom Fußball. Von Messi und Ronaldo. Sie tragen Trikots der Bayern und des BVB. Champions League, Bundesliga, das alles ist Event, getragen von höchsten sportlichen Leistungen. Viele von uns wollen Fußball. Aber sie wollen Fußball nur noch in diesem Umfeld, auf diesem Niveau.

Regionalliga ist Bratwurst. Es ist der Ort, wo Fußball wollen schwerer wird. Regionalliga kratzt bestenfalls am Rande des Profitums. Es gibt Gründe, warum ein Torhüter des KSV den Ball nicht blitzschnell über 40, 50 Meter genau in den Lauf des Stürmers werfen kann wie es Manuel Neuer tut. Viele Zuschauer aber machen diesen Unterschied nicht mehr, wenn sie Leistungen und Spiele beurteilen in der Viertklassigkeit.

Es sind aber immer noch die Amateure, bei denen die Wurzeln liegen. Bei denen der Nachwuchs seine ersten Schritte tut. Kein Talent wird direkt in ein Internat hineingeboren. Fragen Sie mal die Nachbarn der Löwen. Fragen Sie beim KSV Baunatal, in Vellmar oder Lohfelden, wieviel Aufwand betrieben wird. Welche Schwierigkeiten es zu überwinden gibt. Und wie gering der Lohn für all das ist. Fußball in den Niederungen bietet keinen Hochglanz. Und hat es deshalb immer schwerer.

Sollen, können wir deshalb sagen: Bitte gehen Sie heute ins Auestadion? Auch wenn der Gegner Stuttgart II heißt. Auch wenn es um wenig geht. Auch wenn Sie vielleicht denken: Er hat es doch mal wieder selbst vermurkst, dieser KSV? Die Antwort kann trotzdem nur lauten: Ja! Bitte gehen Sie ins Stadion.

Es ist schön, dieses Auestadion, wenn auch nicht optimal für Fußball. Weniger schön ist die Vorstellung, dass hier zukünftig die Tore nur einmal im Jahr für den Einlauf des Marathons geöffnet werden. Soweit darf es nicht kommen. Nordhessen muss Fans des Fußballs eine Heimat geben. Deshalb ist jetzt nicht die Zeit der Abrechnung oder der Schuldzuweisung. Es ist die Zeit der Unterstützung. Die Uhr tickt beim KSV. Er benötigt jede kleine Hilfe. Jetzt! Erst wenn die Rettung gelungen sein sollte, kann, nein: muss, die Zeit der Aufarbeitung beginnen. Heute aber kann es nur heißen. Wir wollen Fußball.

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