"Gefahr, dass Hemmungen fallen": Interview über die Ultras beim KSV

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Sie machen alles für ihre Mannschaft: Ultras feuerten beim Hessenpokal-Halbfinale im April 2011 die Löwen an. Mit Erfolg. Der KSV Hessen Kassel gewann das Spiel gegen die Offenbacher Kickers mit 2 zu 1.

Kassel. Am Samstag beginnt die Rückrunde für den KSV Hessen Kassel in der Regionalliga Süd. Besonders unterstützt wird die Mannschaft von den Ultras. Über diese Fangruppierung sprachen wir mit Dennis Pfeiffer.

Der Fan-Sozialarbeiter hat seine Bachelor-Abschlussarbeit über die Kasseler Ultras, einen Kreis von 30 bis 50 Personen, geschrieben. Es gibt zwei Gruppen in Kassel, die Scena Chassalla 913 und die LunatiKS, die mit ihren Choreographien und Gesängen die Löwen lautstark unterstützen.

Das vergangene Jahr war nicht gut für den KSV, weder für den Verein, die Spieler noch die Fans. Mit welcher Haltung gehen die Ultras in die Rückrunde?

Dennis Pfeiffer: Man wird sich zusammenraffen, um die Mannschaft und den neuen Trainer zu unterstützen. Durch seine kritischen Aussagen über den Aufsichtsrat hat Uwe Wolf viele Sympathien bei den Ultras gewonnen. Dadurch hat er sich gleich Respekt verschafft.

Ansonsten ist das Verhältnis zwischen Ultras und Vereinsspitze nicht mehr so gut wie früher?

Pfeiffer: Durch den Weggang von Jens Rose und Thorsten Bauer haben die Anhänger zwei Identifikationsfiguren und damit auch Vereinsbindung verloren. Wenn diese abhanden kommt, dann besteht die Gefahr, dass bei den Fans gleichzeitig Hemmungen fallen. Ich sehe in Kassel derzeit die Gefahr, dass neben Protesten verstärkt Pyrotechnik zum Einsatz kommen könnte. Da muss sich der KSV unbedingt bewegen.

Sie plädieren dafür, dass der KSV ein Fanprojekt bekommt?

Pfeiffer: Das ist überall notwendig, wo es viele Fans gibt. Solche Projekte sind erforderlich, um den jungen Menschen Perspektiven aufzuzeigen. Ein Fanprojekt ist nichts anderes als Sozialarbeit.

Welche Rolle spielt Gewalt?

Pfeiffer: Gewalt ist Bestandteil der klassischen Fankultur. Unter Gewalt verstehe ich aber nicht nur Handgreiflichkeiten, sondern aufgrund der Konsequenzen auch den Fahnenklau gegnerischer Ultra-Gruppen. Die Kasseler Ultras gelten aber als eher zurückhaltend.

Was unterscheidet die Ultras von den Hooligans?

Pfeiffer: Bei den Ultras steht der Fußball im Mittelpunkt, den Hooligans geht es in erster Linie, wenn auch nicht ausschließlich, darum, auf die Anhänger der gegnerischen Mannschaft zu treffen. Sie suchen direkt die Gewalt. Wenn Ultras gewalttätig werden, dann ist das in der Regel eine Reaktion auf eine Aktion der Polizei oder sie wollen andere Fußballfans solidarisch unterstützen.

Wenn über Ausschreitungen bei einem Fußballspiel berichtet wird, dann wird die Berichterstattung von den Ultras in der Regel scharf kritisiert. Können Ultras mit Kritik nicht umgehen?

Pfeiffer: Es gibt drei Dinge, denen die Ultras gegenüber sehr misstrauisch sind: Das sind die Medien, die Polizei und die Fußballverbände. Die Ultras fühlen sich von den Medien oft ungerecht behandelt. Wenn über bengalische Feuer in Stadien berichtet und dies als Akt der Gewalt dargestellt wird, dann werden die Ultras leicht in eine Ecke gedrängt, in die sie nicht gehören.

Kassel stand immer im Ruf, viele rechtsextreme Fans zu haben. Kürzlich sollen sich KSV-Anhänger bei Auswärtsspielen ausländerfeindlich verhalten haben. Wie stehen die Ultras dazu?

Pfeiffer: Es gab in jüngster Vergangenheit zwei bis drei rechte Ausfälle einer anderen Fangruppierung, die mit den Ultras nichts zu tun hat. Im Gegenteil: Die Ultras haben sofort eingegriffen, als einzelne Mitglieder der neuen Gruppe am 4. Dezember beim Spiel in Frankfurt Affenlaute von sich gegeben haben, als ein farbiger Spieler am Ball war. Rassismus wird von Ultras bekämpft.

Es gibt viele ausländische Spieler, aber wenige Fans mit Migrationshintergrund. Gibt es Kasseler Ultras mit ausländischen Wurzeln?

Pfeiffer: Leider noch zu wenige. Vielleicht sind es eine handvoll.

Und welche Rolle spielen die Frauen?
Es sind immer mehr junge Frauen im Block der Ultras in der Nordkurve zu sehen.

Pfeiffer: Die gehen noch hauptsächlich wegen ihrer Freunde ins Stadion. In Kassel gibt es noch keine Ultra-Unterorganisation für Frauen wie in anderen Städten. Die Mädels engagieren sich aber auch. Sie haben kürzlich Unterschriften für die Initiative „Perspektive KSV gesammelt, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung herbeizuführen. Ansonsten spielen bei den Ultras Männlichkeitsrituale schon eine große Rolle.

Was sind das für Rituale?

Pfeiffer: Das ist das ständige Kräftemessen mit den männlichen Fans der gegnerischen Mannschaften. Wer ist lauter? Wer ist kreativer? Die Ultras sind eigentlich eine relativ normale Jugendkultur. Bei ihr steht aber nicht die Musik, sondern der Fußball im Mittelpunkt. Dass Grenzen von den jungen Erwachsenen ausgetestet werden und sie auch mal über die Stränge schlagen, liegt auch an der Altersstruktur. Die Ultras sind zwischen 16 und 25.

Welche Motivation haben diese jungen Männer?

Pfeiffer: Die Jungs glauben und wissen, dass sie zum Sieg des KSV beitragen können. Entsprechende Rückmeldungen gab es auch von der Mannschaft.

Wie viel Zeit kostet das?

Pfeiffer: Inklusive Spiele um die 15 Stunden pro Woche neben Arbeit, Schule oder Studium. Die Ultras sagen allerdings, 24 Stunden am Tag. Bei ihnen gibt es keine doppelte Identität wie bei den Fans früher, die sich nur am Wochenende auf den Fußball konzentriert haben. Die Ultras sagen über sich, dass es nur eine Identität als Ultra gibt.

Zur Person:

Dennis Pfeiffer (34) arbeitet seit 2010 als Fan-Sozialarbeiter für den KSV Hessen Kassel. Die 25 Stunden im Monat für die Honorarkraft werden vom Jugendamt der Stadt Kassel finanziert. Gleichzeitig studiert er einen Masterstudeingang der Sozialen Arbeit an der Universität Kassel.

Seine Bachelorarbeit hat er über die Ultras in Kassel geschrieben. Dafür hat er auch Interviews mit mehreren Ultras geführt. Pfeiffer ist seit 1989 Fan des KSV Hessen Kassel und schaut sich die Heimspiele im Auestadion aus der Nordkurve aus an. Der 34-Jährige ist verheiratet und lebt in Schauenburg. (use) 

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