Interview über seine Zeit in Kassel, seine Karriere und sein letztes Trikot

Sergej Evljuskin: „Ich geh zufrieden aus dem Fußball“

Viermal Siggi: Evljuskin in seiner letzten Saison beim KSV Hessen (links), sowie 2006 beim VfL Wolfsburg (rechts von oben), 2014 beim KSV und als Knirps.
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So kennen ihn die Fans: Sergej Evljuskin.

Nun ist er nicht mehr da. Nach sechseinhalb Jahren. Mittelfeldspieler Sergej Evljuskin hat den Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel verlassen. Der Polizei-Kommisar ist aus beruflichen Gründen nach Braunschweig gezogen.

Die Löwen, die am heutigen Samstag um 14 Uhr auf dem Kunstrasenplatz gegen den FC Gießen spielen, verlieren nicht nur einen Leistungs-, sondern auch einen Sympathieträger.

Einen, der sich Zeit nahm für Gespräche. Der den Fans stets Rede und Antwort stand. Er blieb dem Verein auch in schweren Zeiten treu, tauchte beim HNA-Yogasommer auf, hielt Lesungen. Denn Evljuskin hat auch ein Buch geschrieben über seine Laufbahn.

Über die Zeit, als er zum besten Spieler seines Jahrgangs in Deutschland gewählt wurde, in Jugend-Nationalmannschaften Kapitän war von Spielern wie Mesut Özil. Co-Autor dieses Buches war der Kasseler Autor Christof Dörr. Der Löwen-Fan hat für uns einen etwas anderen Brief an Evljuskin geschrieben (Artikel unten). Hier spricht aber der 33-jährige Evljuskin selbst über:

Seine Heimat

2015 war ich in Kirgisistan. Es ging um Papiere, die ich für die Nationalmannschaft brauchte, weil ich damals in der WM-Qualifikation spielen sollte. Es war sehr interessant. Verbindungen habe ich aber nicht mehr. Wir sind nach Deutschland gekommen, als ich zwei Jahre alt war. Meine Heimat ist Deutschland. Und meine Heimatstadt ist Braunschweig. Aber in sechseinhalb Jahren ist Kassel eine Art zweite Heimat für mich geworden.

Sein Kassel

Ich habe Kassel und viele Leute in der Stadt lieben gelernt. Meine Freundin Regina, die jetzt mit mir nach Braunschweig gezogen ist, kommt ja auch aus Kassel. Wir werden auch in Zukunft häufig in Nordhessen sein. Und natürlich auch im Auestadion.

Seinen Lieblingsort

Viele Jahre hat sich für mich alles rund ums Auestadion abgespielt. Ich hab ja sogar an der Auestadion-Kreuzung gewohnt. Erst nach dem Umzug habe ich den Vorderen Westen richtig kennengelernt und mich unglaublich wohlgefühlt. Es ist eine optimale Lage und ein toller Stadtteil mit seinen Klubs und Bars, mit den Parks. Man kann wunderbar flanieren im Vorderen Westen. In meinen ersten Jahren war die Kurhessentherme einer meine Lieblingsorte. Und später mein Fitnessstudio Balance. Da konnte ich vor oder nach dem Training immer hin.

Seinen KSV

Es war meine siebte Saison. Wenn du etwas so lange machst, dann machst du das, weil du dich wohlfühlst. Ich werde immer ein Löwe bleibnen. Und es passt, dass auch Braunschweig eine Löwenstadt ist. Der Verein ist für mich wie eine zweite Familie. Ich habe hier unheimlich tolle Menschen, tolle Persönlichkeiten kennengelernt. Was ich immer sehr schön fand: Wie viele Gesichter du kennst bei den Fans, wenn du am Zaun vorbeigegangen bist.

Seine Fans

Ich bin nach den Spielen immer gerne stehengeblieben. Ich habe gerne Gespräche geführt mit unseren Fans, da hatte ich nie Probleme. Klar, es gab Phasen, in denen die Anhänger stinkig waren. Aber ich blicke auf sehr viele positive Momente mit den KSV-Fans zurück. Als besonders habe ich auch die Zeit der Insolvenz empfunden. Da gab es einen Ruck. Und neuen Schwung, weil alle zusammengerückt sind.

Sein letztes Trikot

Das, das ich getragen habe im Spiel, das habe ich natürlich behalten. Zwei andere Trikots habe ich aber verschenkt. Eines hat der Blog 36 bekommen, der es verlosen will. Das andere ging an einen der Sanitäter. Bei ihm bin ich in all den Jahren immer stehen geblieben und wir haben uns unterhalten. Das Trikot hatte ich ihm vorher versprochen. Im Gegenzug habe ich eines seines Vereins bekommen, der TG Wehlheiden.

Seine Karriere

Ich kann nun sagen: Meine Karriere im Profisport ist vorbei. In Kassel gab es diese professionellen Strukturen, auch wenn wir zwischendurch nur fünftklassig waren. Natürlich hätte einiges anders laufen können in meiner Karriere nach den Erfolgen in der Jugend. Aber es ist halt anders gekommen. Und es nutzt ja nichts, aus der Situation muss man dann das Beste machen. Ich kann jedenfalls sagen: Ich gehe sehr zufrieden aus dem Fußball heraus. Der für mich noch nicht zu Ende ist. Ich will den Jungen noch etwas mitgeben.

Sein Fazit

In einem Satz? Das ist schwer. Es gab so viele wichtige Momente. Wenn es einen Satz geben soll, dann den: „Es war aufregend, es war hammergeil.“

Seine Menschen

Es gab in jedem Verein, in jeder Stadt, wichtige Menschen. In Kassel sind Jungs wie Frederic Brill, Adrian Bravo Sanches oder Henrik Giese, um nur einige zu nennen, Freunde geblieben, die bleiben werden. So wie Daniel Reichel, den ich schon aus Wolfsburger Zeiten kenne. Und mit dem ich nun bald beim Landesligisten FSV Schöningen wieder zusammen spiele. Vorbild und Vaterfigur war aber immer mein Bruder Alexander.

Seine Zukunft

Ich fühle mich noch fit. Ein paar Jahre will ich schon noch spielen, wenn auch jetzt in anderen Ligen. Beruflich will ich als Kommisar lernen und dann sehen, wohin mich das führt. Ich habe durch den Beruf Sicherheit, das wollte ich auch für die Familie. Ich freue mich jetzt aber vor allem auf Braunschweig. Dumm nur, dass ich wegen Corona derzeit wenig machen kann.

(Von Frank Ziemke)

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