Leistungsträger vom KSV Hessen arbeitet jetzt in Braunschweig

Muss Sergej Evljuskin den KSV Hessen berufsbedingt verlassen?

Sergej Evljuskin.
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Für Fans und Teamkollegen ist er Siggi: Sergej Evljuskin spielt seit 2014 für den KSV Hessen. Sein Job führt in nun nach Braunschweig.

„Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es ohne ihn in der Kabine ist. Siggi ist einer der Wichtigsten bei uns.“ Gesagt hat das Lukas Iksal über Sergej Evljuskin.

Kassel – Sie sind Teamkollegen beim Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel. Heute treten sie ab 14 Uhr im Auestadion gegen Rot-Weiß Koblenz an. Doch die gemeinsame Zeit, sie könnte begrenzt sein. Denn Evljuskin, 32 Jahre alt, Innenverteidiger, defensiver Mittelfeldspieler, Allrounder, Leistungsträger, Fanliebling, hat vor drei Jahren angefangen, für die Karriere nach der Karriere zu planen. Dieser Weg führte ihn zur Polizei. Drei Jahre Studium. „Wie es dann immer so ist. Man sagt sich: Es sind noch zwei Jahre. Noch ein Jahr. Noch die Bachelor-Arbeit. Und auf einmal ist der Tag da“, sagt Evljuskin.

Dieser Tag war der vergangene Donnerstag. Der 1. Oktober 2020. Dienstbeginn bei der Autobahnpolizei Braunschweig. Eine Entscheidung, die Evljuskin bewusst getroffen hat. Niedersachsen und nicht Hessen. Zurück in die Heimat für den 32-Jährigen. Denn in Braunschweig wuchs er auf, seine Familie lebt heute noch dort, bei seiner Schwester kommt er zunächst einmal unter. Eine Wohnung hat er noch nicht, er pendelt viel. Seine Freundin lebt in Kassel. Und dann ist da ja noch der KSV Hessen. „Ich habe Vertrag bis nächstes Jahr. Und ich habe noch richtig Lust“, sagt er. Aber: „Es ist auch eine Belastung mit dem Dienst und der Entfernung. Bis zum Winter bleibe ich auf jeden Fall hier. Dann wollen wir uns zusammensetzen und schauen, wie es in dieser Zeit funktioniert hat“, sagt der in Kirgisistan geborene Fußballer, der in den U-Nationalmannschaften zusammen mit Jérome Boateng, Mesut Özil und Benedikt Höwedes spielte.

Sie alle sind Jahrgang 1988. Boateng, Özil, Höwedes – und Evljuskin. Und der heutige Spieler der Löwen war zeitweise sogar Kapitän einer Nachwuchs-Nationalmannschaft, der einige spätere Weltmeister angehörten. Wer sein Buch „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“ gelesen hat, kennt die Geschichte. „Wenn ich zum Beispiel Höwedes und André Schürrle sehe, muss ich sagen: Hut ab. Ich könnte so früh nicht mit dem Fußball aufhören. Mir würde etwas fehlen. Mir fehlt schon nach zwei Tagen etwas“, sagt Evljuskin. Anders als einige Weltmeister von 2014 – und das ist vielleicht der Unterschied – betreibt er diesen Sport noch, weil „ich ihn liebe“. Den Fußball. Und seinen Verein. Den KSV Hessen.

„Ich habe momentan ein lachendes und ein weinendes Auge. Ich freue mich, weil das Studium vorbei ist und ich den nächsten Schritt machen kann. Aber umso länger man in einem Verein ist, desto schwieriger wird es, ihn zu verlassen. Nach sechs Jahren in Kassel fällt es schwer“, sagt der 32-Jährige. „Wenn ich mich wohlgefühlt habe, dann bin ich immer lange geblieben. Der KSV ist ein cooler Verein mit tollen Fans. Ich bin nicht der Einzige, der schon länger da ist. Das zeichnet uns aus. Andere Klubs wechseln jedes Jahr zwölf bis 15 Spieler aus. Da kann nichts wachsen.“

Er selbst ist in Kassel gewachsen, älter geworden. „Hier war eigentlich immer was los. Nur in meinem ersten Jahr war es etwas ruhiger. Dann kam die Insolvenz. Abstieg. Kein Aufstieg wegen Punktabzug. Am Ende noch Corona.“ Sagt Evljuskin, und man merkt ihm an, dass er das kein bisschen negativ meint. Langeweile wollte er auch nicht. Er möchte aber auch jeden Tag da sein, und das kann er nun nicht mehr. Den Fans, die er – wie er sagt – teilweise persönlich kennt, die Gesichter, die Namen, will er die Hoffnung auf einen Verbleib noch nicht komplett nehmen. „Ausschließen kann man nie irgendwas. Am Ende müssen aber beide Seiten eine Entscheidung treffen“, sagt er.

Er selbst will sich auch noch gar nicht ausmalen, wie es sein könnte, wenn er den KSV verlassen muss. „Da denke ich noch nicht dran. Aber es ist schön zu hören, wenn Mitspieler wie Lukas so etwas über mich sagen. Wir verstehen uns alle gut. Ich gehöre ja irgendwie zu den alten Haudegen und bin einfach gern in der Kabine. Davon leben wir ja auch. Von den Jungs, den Gesprächen, mal zu schnacken. Wir brauchen dieses Zusammensein“, sagt Evljuskin. Und noch hat er das in Kassel. (Maximilian Bülau)

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