Wirtschaftliche Parallelen

Insolvenz beim KSV Hessen: So lief’s bei den Kickers Offenbach

Der Fußball-Tempel: Auf dem Bieberer Berg wechseln seit vielen Jahren Hochs und Tiefs wie beim Wetter. Archivfoto:  dpa

Offenbach. Wer im Fußball über Traditionsvereine spricht, kommt zwangsläufig zu einem ungeliebten Dauerthema: Finanzielle Schieflagen, die die Existenz von Klubs latent  bedrohen.

Clubs wie Hessen Kassel, Alemannia Aachen, Rot-Weiß Essen und Kickers Offenbach. Gleich zweimal binnen drei Jahren musste Kickers Offenbach Anträge auf Insolvenz stellen:

2013: Die erste Insolvenz

Am 7. Juni 2013 erfolgte dieser Schritt erstmals, nachdem dem Drittligisten die Lizenz verweigert worden war. Der Deutsche Fußball-Bund hatte eine Liquiditätsreserve von zwei Mio. Euro als „unwiderrufliche Zwangsgarantie“ gefordert, der OFC aber nur einen Darlehensvertrag einer Bank geliefert.

Die Folgen waren gravierend: Der Zwangsabstieg in die Regionalliga machte alle Vereinbarungen hinfällig, der mit neun Millionen Euro hoch verschuldete OFC war zahlungsunfähig. Der Schuldenstand, den Planinsolvenzverwalter Dr. Andreas Kleinschmidt später ermittelte, ließ Fans den Atem stocken: Gläubiger, als größter die Stadt Offenbach mit Unternehmen wie der Stadiongesellschaft, hatten insgesamt 17,3 Millionen Euro eingefordert. Kleinschmidts Sanierungsplan im Frühjahr 2014 sah eine sofortige Rückzahlung von 2,5 Prozent vor, dazu sollten 7,5 Prozent binnen drei Jahren folgen. Am 8. April 2015 verkündete der Insolvenzverwalter dann nach Aufhebung des Verfahrens: „Die Profi-GmbH der Kickers ist schuldenfrei.“

Das war zwar richtig, betraf nur eine Gesellschaft des OFC.

2015: Probleme des Vereins

Nun nämlich plagten den eingetragenen Verein (e.V.) Schulden von rund vier Millionen Euro. Gläubiger hatten im Zuge einer sogenannten „Nachranghaftung“ den gemeinnützigen Klub belastet. Möglich war das, weil bei der Ausgliederung der Profis einst Fehler gemacht worden waren.

Die konsequente Trennung von Profi-GmbH einerseits und Verein andererseits riss tiefe Gräben auf. Daran änderte auch der überraschende sportliche Erfolg 2014/2015 wenig, als die Kickers unter Trainer Rico Schmitt Meister wurden, im DFB-Pokal erst im Achtelfinale an Borussia Mönchengladbach scheiterten. In den Aufstiegsspielen zur 3. Liga aber zog der OFC gegen den 1. FC Magdeburg (0:1, 1:3) den Kürzeren.

Diese neue sportliche Enttäuschung lähmte den Klub und sorgte für große Umwälzungen. Im November 2015 ging fast das komplette Präsidium. Zermürbt durch die Machtlosigkeit während des Insolvenzverfahrens. Die Schuldenthematik im Verein blieb latentes Streitthema. Nur dank Stundungen von Großgläubigern kam der Verein mit Nachwuchsleistungszentrum, Frauenfußball, Handball und Cheerleadern um eine Insolvenz herum.

2016: Der zweite Antrag

Der Auslöser der zweiten Insolvenzanmeldung im Sommer 2016 hatte andere Ursachen, aber beinahe noch gravierendere Folgen. Ein neues Präsidium um den früheren DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn (mittlerweile Fifa-Sicherheitschef) hatte das Ruder übernommen und nach Sichtung der Zahlen der GmbH Umstrukturierungen eingeleitet. Trainer Rico Schmitt musste gehen, auch Geschäftsführer David Fischer. Als kommissarischer Geschäftsführer fungierte Vizepräsident Remo Kutz - und der stellte gegen Ende der Saison 2015/2016 fest: Dem OFC drohe erneut die Zahlungsunfähigkeit. Am 25. Mai 2016 reichte er einen Antrag auf Insolvenz b ein - vier Tage nach Saisonschluss. Der Grund: ein Minus von 900 000 Euro, eine Überschuldung der Profi-GmbH und drohende Zahlungsunfähigkeit. Insolvenzverwalter Kleinschmidt kehrte zurück mit dem Ziel, die Eröffnung des zweiten Verfahrens abzuwenden. Dank zahlreicher Fanspenden, Nachverhandlungen mit Gläubigern und dem Abschluss eines „Retterspiels“ gegen Bayern München gelang das. Am 27. August 2016 zog Kutz den Antrag zurück.

Die zweite Insolvenzanmeldung hatte vor allem sportlich enorme Auswirkungen. Der OFC schraubte den Etat deutlich zurück. Trainer Oliver Reck, im Februar 2016 für Schmitt gekommen, musste mit einem kleinen Kader und mit neuen Spielern aus unteren Ligen auskommen. Vor allem aber startete der OFC mit einem Abzug von neun Punkten, gegen den er vor dem Ständigen Schiedsgericht der Regionalliga klagte - und verlor. Erst einen Spieltag vor Ende retteten sich die Kickers sportlich vor dem Abstieg in die Hessenliga.

Von Jörg Moll

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