„Laufe nicht vor Problemen weg“

Interview: KSV-Trainer Cramer über den Kader, Aussichten und Treue zum Verein

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Hat viel Arbeit, seitdem er beim KSV ist: Trainer Tobias Cramer geht mit den Löwen in seine zweite Saison als Cheftrainer. Im Interview spricht er über den Kader, Aussichten und die finanzielle Situation. 

Kassel. Wenn Tobias Cramer am Samstag mit dem Heimspiel gegen Waldhof Mannheim (14 Uhr) in seine zweite Saison als Cheftrainer des Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel startet, dann ist das auch der erste Schritt in eine Mammutaufgabe.

Mit neun Minuspunkten werden die Löwen mindestens bis Spieltag drei das Schlusslicht sein. Im Interview spricht Cramer über das vergangene Jahr, warum er beim KSV geblieben ist und was es für den Klassenerhalt braucht.

Herr Cramer, würden Sie sagen, dass das vergangene Jahr das turbulenteste ihrer Karriere war?

Cramer: Zumindest habe ich unglaublich viel als Trainer erlebt. Wir haben viele Baustellen bearbeiten müssen. Es war stressig, hat aber auch viel Spaß gemacht. Die Mannschaft hat gut funktioniert. Wir haben aus dem Nichts gute Leistungen gezeigt. Es war sehr aufregend.

Bei der aktuellen finanziellen Lage: Wie viel Psychologe müssen Sie derzeit auch für ihre Spieler sein?

Cramer: Die Situation ist ja nicht ganz neu für uns. Schon Anfang der vergangenen Saison war die wirtschaftliche Lage Thema. Auch da haben wir den Etat nach unten geschraubt. Klar ist, dass wir nicht von heute auf morgen gesund arbeiten können. Wir haben da aber nicht so viel reininterpretiert.

Die Erfolge der vergangenen Saison haben sicher auch Begehrlichkeiten an Ihrer Person geweckt. Warum sind Sie beim KSV geblieben?

Cramer: Weil ich schon als Kind gelernt habe, nicht vor Problemen wegzulaufen. Und ich habe eine emotionale Bindung zum Verein. Ich bin jetzt das vierte Jahr hier – zwei als Co-Trainer, jetzt das zweite als Cheftrainer. Ich kann das gut einschätzen, in welchem Umfeld ich hier beim KSV arbeiten darf. Das Trainingsgelände ist zweitligareif.

Sollte der Klub in diesem Jahr die Klasse halten, wäre das aber auch für Sie ein Erfolg.

Cramer: Sicher. Das ist gut für die eigene Reputation. Wenn man so eine Burg erklimmt, ist das wichtig für einen selbst und natürlich für die Spieler.

Es ist bemerkenswert, dass trotz der finanziellen Lage der Großteil des Teams zusammengeblieben ist. Wie kommt das?

Cramer: Die Truppe hat einen unglaublich guten Charakter, alle haben Regionalliga-Niveau. Das haben wir in der vergangenen Saison gesehen. Wir können Spiele verlieren. Aber wir haben immer alles reingeschmissen. Ich war mir sicher, dass wir nicht viele Spieler verlieren werden. Niemand hat aus Panik den Verein verlassen. Dadurch ist unsere Kaderplanung für den Moment auch abgeschlossen.

Unter den Neuen sind viele Jugendspieler. Wer kann den Sprung schon schaffen?

Cramer: Sie haben alle das Niveau. Ein Brian Schwechel, ein Laurin Unzicker oder ein Arne Schütze zum Beispiel. Jetzt müssen sie den Männerfußball kennenlernen. Allein das Training ist eine enorme Umstellung. In der Vorbereitung haben die Jungen teilweise gar nicht mehr gesprochen und sich nach einer Einheit gleich ins Bett gelegt. Sie müssen einfach geduldig bleiben. Wie ein Steven Rakk im vergangenen Jahr. Der hätte sich ohnehin durchgesetzt. Weil er stabil ist und mit seinen Möglichkeiten wenig Fehler macht.

Sebastian Szimayer ist dagegen ein Neuzugang mit Erfahrung. Wie wichtig wird er sein?

Cramer: Sebastian will sich auch selbst noch einmal etwas beweisen. Wenn er zusammen mit Basti Schmeer funktioniert, dann haben wir einen Sturm mit überdurchschnittlichem Regionalliga-Niveau.

Ist die Regionalliga in diesem Jahr noch stärker?

Cramer: Ja, weil zum Beispiel ein Team wie Stadtallendorf aufgestiegen ist. Die haben einen Trainer (Dragan Sicaja), der alle Kniffe kennt. Er wird eine Mannschaft auf den Platz schicken, die um ihr Leben rennt.

Träumen Sie eigentlich manchmal von der „-9“?

Cramer: Das wird zwischendurch sicherlich mal Thema sein. Aber wir sprechen das nicht jedes Mal in der Kabine wieder an. Ich bin mir sicher, dass wir 54 Punkte holen müssen, um in der Klasse zu bleiben. Ich glaube, es wird in diesem Jahr keine sechs Absteiger geben. Von oben kann auch nicht mehr viel runterkommen. 45 Punkte – inklusive der neun Minuspunkte – sollten also reichen. Wir nehmen die Situation als Motivationsschub. Warum sollten wir nicht das schaffen, was Offenbach auch geschafft hat?

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