Vorstandsmitglied des KSV Hessen erzählt von seinem Jahr mit den Löwen

Jens Rose: "Nochmal in der A-Klasse anzufangen, hätte der Verein nicht überlebt“

Hat das Mikrofon beim KSV Hessen wieder in der Hand: Jens Rose kehrte 2017 in den Vorstand der Löwen zurück und blickt mit uns auf sein Jahr mit dem KSV zurück. Foto: Hedler

Kassel. Langweilig war das Jahr des Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel sicher nicht. Erst ein überraschend guter Saisonverlauf, dann die Insolvenz, nun die die sportliche Talfahrt.

Wir haben Vorstandsmitglied Jens Rose zum Mittagessen getroffen. Rose über...

...die erste Jahreshälfte, in der er noch nicht im Amt war: „Vor der Mitgliederversammlung Ende Juni gab es die klare Aussage des Oberbürgermeisters Christian Geselle, dass er bereit wäre, in den Aufsichtsrat zu gehen. Voraussetzung war, dass ich im Vorstand mitarbeite. Daraufhin habe ich mich kurz mit meinen Kindern beraten. Die haben gesagt: ‘Papa, du hast es schon so oft gemacht. Du musst es jetzt noch einmal machen.’ Der Verein war in der Insolvenz. Ich kenne mittlerweile durch die vergangenen 20 Jahre Abläufe, Personen, die vielleicht helfen können.“

...über die drohende Insolvenz:„Es haben sich immer mehr aus dem Aufsichtsrat zurückgezogen. Das ist in den seltensten Fällen ein gutes Zeichen. Da hat man schon gemerkt, dass irgendetwas extrem schwierig wird. Gar nicht im sportlichen Bereich. Da lief es ja ziemlich gut. Am Schluss kam dann das Insolvenzverfahren. Aber ich war in den letzten vier Jahren in die internen Abläufe nicht eingebunden. Ich habe mich zurückgehalten. Aber in der Situation wirst du gefordert und gebraucht. Da sagst du: Okay.“

...über den Tag, als die Insolvenz eingereicht wurde: „Es gab vorher schon immer mal Gespräche, als jemand angerufen und gefragt hat: ‘Was würdest du jetzt in meiner Situation machen?’ Da hat man schon gemerkt: Entweder kommt jetzt ein weißer Ritter, der sagt ‘Komm, ich helfe euch’, oder es geht vor den Baum. “

...über das Ende der vergangenen Saison mit der 1:2-Niederlage in Saarbrücken, durch die klar war, dass das Insolvenzverfahren den Abstieg bedeutet hätte: „Wahrscheinlich hing das auch mit einer gewissen Verunsicherung bei den Spielern zusammen. Man hat ja fast schon darauf gewartet: Wann passiert es denn? Aber im Endeffekt war es genau die richtige Entscheidung vom Vorstand, die Saison zu Ende zu spielen. Das Risiko wäre zu groß gewesen. Es ist jetzt natürlich nicht leichter geworden. Pleite, Hauptsponsor weg, das Vereinheim weg – fehlt noch etwas?“

...über die Gespräche mit der Familie: „Meine Kinder haben mich da unterstützt. Mein Sohn hat so einen Spruch gebracht. Er hat gesagt: ‘Papa, bei mir in der Klasse hat einer gesagt, du sollst das wieder machen.’ Sie gehen wieder mit ins Stadion. Wir unterhalten uns mehr, beschäftigen uns mehr mit dem Verein. Jetzt müssen wir sehen, dass wir die wirtschaftlichen Punkte wieder hinbekommen.“

...über seine Beweggründe, wieder einzusteigen: „Die Gefahr wäre hoch gewesen, wenn sich jetzt keiner kümmert, dass es keinen Verein mehr gegeben hätte. Es hätte auch sein können, dass der Insolvenzantrag mangels Masse abgelehnt wird. Dann hätte ein leeres Haus da gestanden und eine ganze Menge von Jugendlichen und Spielern der ersten Mannschaft, die keinen Vertrag und keine Perspektive hier in Kassel haben. Noch einmal in der A-Klasse anzufangen, das hätte der Verein nicht überlebt.“

...über die Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin: „Sie hat einen sehr guten Job gemacht. Und jetzt fehlt nur noch der krönende Abschluss, der Abschluss der Planinsolvenz. Mit der Hoffnung verbunden, dass der Verein hoffentlich Ende Januar schuldenfrei arbeiten kann.“

...über die Aktionen der Fans:„Wichtig ist, dass die Fans ganz viel unternommen haben. Da war sich keiner zu schade, überall mitzuhelfen. Das ist die Grundlage, die ein Traditionsverein hat. Das ist sensationell.“

...über den sportlichen Verlauf der Saison: „Am Anfang habe ich gedacht, wir hätten kein sportliches Problem, sondern ein wirtschaftliches. Jetzt bin ich der Meinung, wir haben ein sportliches.“

...über Trainer Tobias Cramer:„Er ist regional und stolz darauf. Er trägt das Jugendkonzept mit. Das ist die Grundlage, auf der wir aufbauen müssen. Der KSV Hessen muss ein Ausbildungsverein sein. Wir müssen sehen, dass wir unsere Jugendspieler so lange halten, dass sie Früchte tragen. Wenn nicht, müssen wir sehen, dass eine Ablöse fällig wird.“

...über mögliche Neuverpflichtungen: „Das ist schon realistisch, und wir schauen uns auf dem Markt um. Das macht Offenbach auch, und die haben ihre Insolvenz auch erst seit einem halben Jahr durch.“

...über einen Abstieg in die Hessenliga:„Es kann sein, dass man nicht immer alle Ziele erreicht. Aber dann muss man sehen, dass wir uns so aufstellen, dass wir im nächsten Jahr die Chance haben, vorn mitzuspielen, wieder aufzusteigen. Wenn wir neue Leute dazu holen, dann müssen wir die Verträge so machen, dass klar ist: Wenn wir runtergehen, dann bleiben die dabei. Und wir bringen es dann gemeinsam wieder hoch.“

Jens Rose (56), der in Kassel geboren wurde, war von 2002 bis 2013 mit einer Unterbrechung Vorsitzender des Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel. Zuvor gehörte er vier Jahre dem Aufsichtsrat an. Der Unternehmer führt in dritter Generation den in Kassel ansässigen Familienbetrieb Gleisbau Rose. Rose ist geschieden, lebt aber in einer Beziehung. Er hat zwei Kinder, die beiden 15 Jahre alten Zwillinge Nastasia und Nicolai.

Das Jahr des KSV - eine Chronik 

2. Februar: Dr. Michael Lacher verlässt den Aufsichtsrat des KSV Hessen. 

14. Februar: Trainer Tobias Cramer verlängert seinen Vertrag bis 2020. 

18. Februar: Der KSV startet mit einem 1:1 bei den Stuttgarter Kickers aus der Winterpause. 

24. Februar: Die Löwen besiegen Spitzenreiter Mannheim im Auestadion mit 1:0 und Waldhof-Kapitän Michael Fink kritisiert die Spielweise des KSV. 

28. März: Der KSV gewinnt die dreimal zuvor angesetzte Partie bei Watzenborn-Steinberg im vierten Anlauf mit 2:0. 

23. April: Das Derby in Offenbach endet nach einem Gegentreffer für die Löwen in der Schlussminute mit 2:2. 

27. April: Aufsichtsratsvorsitzender Matthias Hartmann und Finanzvorstand Dirk Lassen informieren über die prekäre wirtschaftliche Lage des Klubs. 

20. Mai: Der KSV verliert das letzte Saisonspiel in Saarbrücken mit 1:2 und beendet die Spielzeit als Zehnter – es ist auch die letzte Partie von Tobias Damm, der Co-Trainer wird. 

13. Juni: Die Vorstandsmitglieder Alexandra Berge und Daniel Bettermann melden Insolvenz für den KSV an – Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin nimmt ihre Arbeit auf. 

19. Juni: Die Löwen starten mit Neuzugang Sebastian Szimayer und ganz vielen jungen Spielern in die Saisonvorbereitung. 

27. Juni: Mitgliederversammlung des KSV – Jens Rose ist zurück im Vorstand, Oberbürgermeister Christian Geselle gehört dem Aufsichtsrat an, den Ex-Löwe Enrico Gaede anführt. 

1. Juli: Darmstadt 98 spendet 10.000 Euro für die Löwen. 

18. Juli: Eisenbach Tresore wird neuer Trikotsponsor. 

21. Juli: Ingmar Merle kehrt zurück und unterschreibt bei den Löwen einen Zweijahresvertrag. 

29. Juli: Der KSV gewinnt den Saisonauftakt vor 4000 Zuschauern im Auestadion mit 2:1 gegen Waldhof Mannheim – die ersten drei der neun Minuspunkte sind aufgeholt. 8. August: 5000 Zuschauer sehen ein 0:2 im Retterspiel gegen den VfL Wolfsburg. 

20. August: Das Hessenderby in Offenbach geht 0:1 verloren – aber die Finanzierung ist bis zur Winterpause gesichert. 

2. September: Der KSV bezwingt Steinbach mit Ex-Trainer Matthias Mink und Ex-Spieler Tim Welker mit 3:0 – der vorerst letzte Sieg für sehr lange Zeit. 

5. September: Das Insolvenzverfahren ist eröffnet. 

23. September: Das neue Maskottchen heißt Totti, ist natürlich ein Löwe und trägt die Rückennummer 47. 

30. September: Holger Brück feiert seinen 70. Geburtstag. 

5. Oktober: Die Ex-Gremien sind entlastet. 9. Oktober: Bei den Stuttgarter Kickers holen die Löwen nach einem 0:3-Rückstand noch ein 3:3. 

18. Oktober: In Stadtallendorf erreicht der KSV das Hessenpokal-Viertelfinale – mit 8:7 nach Elfmeterschießen. 

11. November: Die Löwen beenden die Hinrunde als Letzter. 

15. November: Nach einem 4:1 in Willingen steht der KSV im Halbfinale des Hessenpokals. 

2. Dezember: Mannschaft und Fans fahren nach Stuttgart, die Partie wird allerdings am Spieltag abgesagt, weil die Rasenheizung nicht eingeschaltet wurde. 

14. Dezember: Die Neu-Ansetzung bei der VfB-Reserve verliert der KSV 0:1.

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