Ehemaliger KSV-Spieler jetzt in der 2. Bundesliga

"Ich bin froh, mein Bein noch zu haben": Kasseler Fußballer Tim Knipping drohte die Amputation

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Tim Knipping muss durch Training sechs Zentimeter Muskelumfang am Oberschenkel wieder aufbauen. Als Erinnerung an die Verletzung bleibt ihm eine 37 Zentimeter lange Narbe.

Kassel. Er hat Bilder auf seinem Smartphone, deren Anblick allein vielen Menschen schon reicht, um schnell wegzuschauen. Tim Knipping aber konnte nicht wegschauen.

Er konnte diese Bilder auch nicht einfach löschen. Denn diese Bilder zeigen ihn. Genauer gesagt den linken Unterschenkel des Fußballers.

Wer ihm zuhört, der weiß sofort, dass hinter dem Kasseler, der derzeit beim Zweitligisten SV Sandhausen unter Vertrag steht und früher für den KSV Hessen Kassel spielte, eine schlimme Zeit liegt. Eine Zeit, in der dem Linksfuß nicht nur das Karriereaus, sondern auch die Amputation seines Unterschenkels drohte. Und eine Zeit, in der für ihn die Aussage „Es geht aufwärts“ einen ganz neuen Wert erhalten hat.

Zwei Sätze erzählen Knippings Drama: „Mein Unterschenkel war komplett aufgespalten.“ Und: „Ich hatte die schlimmsten Schmerzen meines Lebens. Schmerzen, gegen die nicht einmal mehr Tabletten geholfen haben.“

Was also war geschehen? Letztes Spiel der Saison, Sandhausen gegen Nürnberg. Letzte Aktion in der Nachspielzeit beim Stand von 0:2. Nach einem Kopfballduell verletzt er sich ohne Fremdeinwirkung beim Aufkommen schwer am Bein. Kommt mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik. 

Die erste Diagnose Unterschenkelbruch erscheint fast noch harmlos gegen das, was folgt. Denn nach der ersten Operation, bei der ihm ein Nagel in den Unterschenkelknochen eingesetzt wird, gibt es Komplikationen.

Im Bein baut sich enormer Druck auf. „Ich hatte das Gefühl, es wird zerquetscht. Ich habe die Station fast zusammengeschrien. Erst habe ich noch am ganzen Körper gezittert, dann konnte ich nicht mal mehr zittern.“

Die Diagnose der Ärzte lautet: Kompartmentsyndrom. „Die Wahrscheinlichkeit, das zu erleiden, liegt bei Unterschenkel- oder Unterarm-Verletzungen bei 30 Prozent.“ Knipping gehört zu diesen 30 Prozent. Auf die Not-Operation folgt der nächste Schock. Sein Bein ist geöffnet, ein spezieller Schutzschwamm steckt in der Wunde. „Das zu sehen, war extrem heftig. An Fußball war da überhaupt nicht zu denken.“ Und: „Es war kurz vor knapp, dass die Ärzte mir meinen Unterschenkel hätten abnehmen müssen. Denn der Druck hätte Nerven und Muskeln zerstört. Ich bin froh, mein Bein noch zu haben.“

Knipping nimmt den Kampf um die Gesundheit an. Vom ersten Tag an sind seine Eltern Peter Knipping und Birgit Witzke an seiner Seite. Fahren, wann immer es ihnen möglich ist, aus Kassel nach Ludwigshafen, wo ihr Sohn im Krankenhaus liegt. Enge Freunde kommen aus Berlin, aus Köln, um ihn aufzubauen. Auch Sandhausen nimmt Anteil. Mitspieler schauen vorbei, Trainer, Sportdirektor, der Präsident. „In schweren Zeiten sieht man, wer da für einen ist. Für all die Unterstützung bin ich sehr, sehr dankbar.“ Vier weitere Operationen sind nötig, um die Wunde zu verschließen. Immerhin: Er kommt ohne Hauttransplantation aus.

25 Tage liegt Knipping im Krankenhaus. Während sich sein großer Unterschenkel-Nerv Millimeter um Millimeter regeneriert, macht er Fortschritte, die fast schon Siebenmeilenstiefeln ähneln.

Seit 1. Juni bringt ihn Mario Greuel im Therapiezentrum in Kempen bei Düsseldorf wieder auf die Beine. „Ich habe die Kleinigkeiten des Lebens neu wertzuschätzen gelernt: Mal einfach im Lokal etwas essen zu können.“ Und natürlich und vor allem: keine Schmerzen zu haben. Auch wenn sich die Gedanken an Schmerz in ihn eingegraben haben. „Ich habe trainiert, sie aus dem Kopf zu bekommen.“ Seit drei Wochen sind die Krücken weg. Sechs Zentimeter Muskelumfang hat Knipping verloren, die gilt es, wieder aufzubauen.

Mit dem Ball: Tim Knipping hat schon wieder Kontakt.

„Ich bin sehr, sehr zufrieden mit dem Verlauf“, sagt er. Ein paar lockere Pässe hat er sogar schon wieder mit dem Fußball gespielt. Sein Ziel: „Im Oktober wieder auf dem Platz zu stehen.“ Läuft alles glatt, erinnert dann nur noch eine 37 Zentimeter lange Narbe am linken Unterschenkel an die schlimmste Zeit seines Lebens.

Knipping ist nicht der einzige Nordhesse beim SV Sandhausen, der diese Woche übrigens mit einer ungewöhnlichen Trikot-Aktion für Schlagzeilen gesorgt hat. Auch Teamkollege Nejmeddin Daghfous kommt aus Kassel. Die beiden kennen sich schon länger.

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