Gegen Pirmasens alles verspielt

Wie der KSV vor 50 Jahren in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga scheiterte

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Kein Tor: Der Schuss von Horst Assmy (nicht im Bild) geht knapp vorbei. Die Kasseler Ernst Kuster und Rolf Fritzsche (weiße Trikots) verfolgen gespannt den Ball. Hannovers Torwart Horst Podlasly kann aufatmen. Szene aus dem Spiel zwischen Hannover 96 und dem KSV Hessen, das am 27. Juni 1964 im Niedersachsenstadion 3:1 für Hannover 96 endete.

Kassel. Die Entscheidung war am 25. April gefallen. Die ersten Absteiger aus der im August 1963 gegründeten Fußball-Bundesliga hießen 1. FC Saarbrücken und Preußen Münster. Und weil es als Unterbau fünf Regionalligen gab, mussten die beiden Aufsteiger in einer Extra-Runde ermittelt werden.

Zu den acht Teams, die sich große Hoffnungen machten, in der Saison 1964/65 der Eliteklasse anzugehören, zählte auch der KSV Hessen. Die Mannschaft von Trainer Walter Müller war vor dem FC Bayern Süddeutscher Meister geworden und galt in der Gruppe 2 zusammen mit Alemannia Aachen als Favorit. Der FK Pirmasens und Hannover 96 waren als Punktelieferanten für den KSV und die Alemannia vorgesehen. Es sollte anders kommen.

6. Juni: KSV Hessen gegen Hannover 96 1:2 

30 000 Zuschauer erwarten im Kasseler Auestadion voller Vorfreude ein Fußballfest und gleich zum Auftakt einen Sieg ihres KSV. Der spielt in der ersten Halbzeit tatsächlich wie ein künftiger Erstligist, ist in allen Belangen überlegen und geht in der 25. Minute durch Hans Michel mit 1:0 in Führung. Beide Mannschaften kommen aber wie verwandelt aus den Kabinen, und nun ist plötzlich Hannover das bessere Team. Der Ausgleich ist nur noch eine Frage der Zeit und fällt in der 77. Minute durch Gräber. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Nur eine Minute später erzielt erneut Gräber den Treffer zum 2:1 für 96. Zwölf Minuten später gehen 30 000 Zuschauer enttäuscht nach Hause und haben den Glauben an den Aufstieg des KSV schon verloren.

10. Juni: Alemannia Aachen gegen KSV Hessen 1:2 

Vier Tage später sind die KSV-Fans wieder fest davon überzeugt, dass ihr Klub ab August dem Oberhaus angehören wird. Das Müller-Team gewinnt ausgerechnet das vermeintlich schwerste Spiel und hat in Aachen einen grandiosaen Auftritt. Peter Jendrosch bringt seine Mannschaft in der 54. Minute in Führung, und Horst Assmy sorgt 20 Minuten später für das 2:0. Nachdem Breuer zehn Minuten vor Schluss einen Elfmeter verwandelt hat, wird es nochmal brenzlig, aber Kassels Torwart Karl Loweg hält mit fantastischen Paraden den Sieg fest.

14. Juni: KSV Hessen gegen FK Pirmasens 1:4 

Kopfballduell: Kassels Peter Jendrosch (rechts) und sein Aachener Gegenspieler Kriescher. Beobachter sind die Kasseler Rolf Fritzsche (hinten links) und Hans Alt.

Drittes Spiel, dritte Überraschung: Im Heimspiel gegen den FK Pirmasens ist der KSV favorisiert, aber der 13. Juni wird der Tag, an dem der KSV Hessen den Aufstieg verspielt. Die Löwen agieren offensiv, aber lassen sich auskontern und liegen bereits nach 15 Minuten durch Dausmanns Treffer 0:1 zurück. Jendrosch gelingt zwar schon eine Minute später der Ausgleich, doch das ist Strohfeuer, denn Pirmasens kontert mit Brill, und nach 29 Minuten steht es 2:1 für die Gäste aus der Pfalz. Kapitulski (43./Foulelfmeter) und Dausmann (60.) erzielen die Treffer zum 4:1 für Pirmasens. Deren Spielmacher Helmut Kapitulski verhöhnt die Löwen, indem er sich auf den Ball setzt, und der Zorn des Publikums richtet sich wegen des Elfmeters gegen den Berliner Schiedsrichter Treichel, der das Auestadion auf Schleichwegen verlassen muss.

21. Juni: FK Pirmasens gegen KSV Hessen 2:4 

Der in der Regionalliga so heimstarke KSV trumpft in der Aufstiegsrunde zunächst nur auswärts auf. Eine Woche nach der 1:4-Heimniederlage spielt die Müller-Elf in Pirmasens grandios auf, obwohl die Chancen auf den Aufstieg mittlerweile minimal sind. Der Mann des Tages heißt Horst Assmy, der drei Tore schießt, während Ernst Kuster den 4:2-Triumph komplettiert. Peter Jendrosch aber macht den Kapitulski und setzt sich auf den Ball.

24. Juni: KSV Hessen gegen Alemannia Aachen 2:0 

Es bleibt dabei: Der KSV ist auswärts stark und zu Hause schwach. Dennoch gibt es im Auestadion einen 2:0-Sieg gegen Alemannia Aachen, den Kuster (4. Minute) und Jendrosch (17.) schon früh sicherstellen.

28. Juni: Hannover 96 gegen KSV Hessen 3:1 

Vor dem Spiel in Hannover hat der KSV Hessen nur noch eine minimale Aufstiegschance, denn er muss mit vier Toren Unterschied gewinnen, um die Niedersachsen noch vom ersten Tabellenplatz zu verdrängen. Aber das Wunder von Hannover bleibt aus, denn beim 1:3 sind die Löwen deutlich unterlegen. Vier Minuten vor Schluss erzielt Jendrosch den Ehrentreffer, nachdem Heiser und Rodekamp (2) ihre Mannschaft mit 3:0 in Führung gebracht hatten. So landet der KSV Hessen in der Gruppe 2 mit 6:6 Punkten auf dem zweiten Tabellenplatz, während Hannover 96 (10:2) zusammen mit Borussia Neunkirchen - dem Sieger der Gruppe 1 - aufsteigt.

Die Spieler

In den sechs Begegnungen der Aufstiegsrunde hat der KSV Hessen 14 Spieler eingesetzt

Tor: Karl Loweg (76 Jahre, lebt heute in Bad Homburg), Karl-Willi Nolte 77/Bad Wildungen)

Abwehr: Dieter Vollmer (geboren: 1935 - gestorben: 2012), Hans Alt (1938 - 2000), Rainer Istel (72/Münster), Heiner Dittel (76/Aschaffenburg)

Mittelfeld: Hans Michel (77/Marbella), Helmut Huttary (70/Luzern), Rolf Fritzsche (80/Kassel), Peter Jendrosch (1939 -2008)

Angriff: Joschi Burjan (79/Bergshausen), Horst Assmy (1933 - 1972), Ernst Kuster (1940 - 1982), Gerd Becker (70/Breidenbach)

Trainer: Walter Müller (1928 - 1995)

Von Gerd Brehm

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