Erster Aufstiegstrainer seit Hamann

KSV-Trainer Tobias Damm im Interview: „Irgendwann waren wir wie im Rausch“

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Nachfolger und Vorgänger: (links) Tobias Damm, Cheftrainer des KSV Hessen, und Dietmar Hirsch, der im vergangenen Jahr entlassen wurde. 

Kassel – Er begann die Saison als Co-Trainer und beendete sie nach langem Bangen als Aufstiegstrainer.

Tobias Damm hatte entscheidenden Anteil am Erfolg des Fußball-Hessenligisten KSV Hessen Kassel. Ein Interview über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Löwen.

Herr Damm, wie fühlt sich das eigentlich an, plötzlich Aufstiegs-Trainer zu sein?

Natürlich gut. Ich war sehr erleichtert nach diesem ganzen Hin und Her. Als der Aufstieg endlich entschieden war, bin ich in ein kleines Loch gefallen. Das hat sich körperlich bemerkbar gemacht. Die Anspannung war einfach sehr hoch zwischen all den Telefonaten und Videokonferenzen. Nun bin ich einfach froh, dass es gut ausgegangen ist.

Wie groß kann Freude sein über einen Aufstieg auf diesem Weg?

Ich freue mich sehr, vor allem für die Mannschaft, aber auch für die Fans und den gesamten Verein. Alle haben viel investiert für unser Ziel. Und auch wenn es am Ende keine sportliche Entscheidung war: Nach der Serie mit zehn Siegen und einem Unentschieden haben wir uns diesen Aufstieg auch verdient.

War die Entscheidung gerecht?

Natürlich hätten wir den sportlichen Weg immer bevorzugt. Wir hätten gern auch Aufstiegsspiele gespielt. Ich verstehe die Enttäuschung in Göppingen und Koblenz. Aber den besten Quotienten hatten nun mal wir, das haben wir uns erspielt. Also ist es eine gerechte Entscheidung.

Was hätten Sie getan, wenn die Entscheidung anders ausgefallen wäre?

Dann hätten wir auch damit leben müssen. Wie weit wir auf dem Klageweg gekommen wären, hätten wir dann sehen müssen. Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass es vier Aufsteiger geben muss.

Als Sie den Job im letzten Oktober von Dietmar Hirsch übernahmen – haben sie da am Aufstieg gezweifelt?

Was heißt gezweifelt. Aber ja. Damals mussten wir kleine Brötchen backen nach dem verpatzten Start. Wir hatten riesigen Rückstand auf die Spitze. Der Aufstieg war da weit weg.

Gehen wir noch einen Schritt zurück in den letzten Sommer. Da waren Sie Co-Trainer. Jetzt sind die der erste Aufstiegstrainer seit Matthias Hamann 2006. Hätten Sie das je für möglich gehalten?

Jedenfalls war es nicht abzusehen. Der Verein wollte einen Vollzeit-Trainer und hatte ihn. Ich habe einen Beruf bei Volkswagen und kam daher nicht in Frage.

Wie schwer fiel es Ihnen dann, „Ja“ zu sagen, als es um Hirschs Nachfolge ging?

Ganz ehrlich? Den Gedanken, „Nein“ zu sagen, den gab es nie. Es war natürlich einiges zu koordinieren. Mit der Familie. An der Arbeit. Aber wenn ich beim KSV als Cheftrainer in Frage komme, dann mache ich das.

Hatten Sie in dem Moment auch Sorge, dass es nicht besser werden könnte?

Angst hatte ich nicht, dann hätte ich es nicht gemacht. Ich wusste, dass es eine große Herausforderung wird. Die größte Aufgabe war es, schnell wieder in die Erfolgsspur zu finden.

Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Posten als Co- und als Cheftrainer?

Das ist definitiv ein großer Unterschied.

Sie haben die Mannschaft ja auch vorher mit betreut. Seit Sie Cheftrainer sind, hat sich aber viel geändert.

Dietmar Hirsch und ich waren schon häufig unterschiedlicher Meinung. Aber das ist normal. Wichtig ist, dass man mit einem gemeinsamen Ergebnis vor die Mannschaft tritt.

Konnten Sie immer voll dahinterstehen?

Wenn ich ehrlich bin, war das manchmal schon schwierig. Aber ich bin absolut loyal.

Also hätten Sie personell ab und zu andere Entscheidungen getroffen?

Das hätte ich sicher. Man muss auch sagen: Die letzten Wochen hat Dietmar Hirsch dann allein entschieden.

Wie war Ihr Gefühl zu Beginn des Jahres? Hatten Sie Sorge, dass die Winterpause den guten Lauf stören könnte?

Natürlich. Die Pause war lang, da weißt du nicht, wo du stehst. Wir hatten den Vorteil des Pokalspiels gegen Baunatal. Da haben wir einige Erkenntnisse gesammelt und konnten noch einige Dinge verändern. Dann kam Haddamar. Dort hat vieles bis alles geklappt.

Sie haben überwiegend auf das gleiche Personal gesetzt, selbst bei den Wechseln. Heutzutage eher ungewöhnlich, oder?

Wir sind gut gestartet. Irgendwann waren wir wie im Rausch. In dieser Situation hast du keinen Grund, Personal auszutauschen.

Haben die, die selten oder gar nicht zum Einsatz kamen, das verstanden?

Das ist sicherlich schwierig. Aber sie haben ja gesehen, wie erfolgreich wir waren. Ich habe auch immer das Gespräch gesucht, versucht, ihnen die Dinge zu erklären. Da ist mein Vorteil, dass ich die Spieler gut kenne.

Jetzt also Regionalliga, sobald Corona es zulässt. Wie groß ist die Vorfreude?

Riesig. Die Lust auf die neue Saison ist einfach nur riesig. Ich merke das jeden Tag, in jedem Gespräch. Wenn ich mit meinen Spielern spreche, dann merkt man deutlich: Die haben unheimlich Bock. Das ist Wahnsinn. Sie sagen: Hauptsache Regionalliga.

Was ist möglich?

In der Regionalliga? Wir sind nicht aufgestiegen, um nur um die goldene Ananas zu spielen. Wir wollen weiterhin mutig, mit viel Leidenschaft und Teamgeist Fußball spielen. Dann sind wir unangenehm. Wir wollen etwas erreichen.

Es wird allerdings eine lange Saison. In Ihrem Team sind mehrere Spieler über 30. Trägt der jetzige Kader diese Belastung?

Wir haben jetzt schon jede Position doppelt besetzt. Das ist wichtig. Ich wünsche mir natürlich, dass wir noch zwei Neuzugänge bekommen können. Das Angebot ist riesig, das Telefon steht nicht still. Durch die Corona-Lage ist es ein guter Markt für Vereine. Ich denke, wir können Spieler mit hoher Qualität bekommen, die vielleicht nicht mehr ganz so teuer sind wie früher. Entscheidend ist, dass sie ins Team passen.

Welches Spielerprofil schwebt Ihnen da vor?

Priorität hat einer mit Tempo über außen, der auch zentral spielen kann.

Auch mit Blick auf Corona: Wenn Sie sich eine Saison wünschen könnten, wie sähe sie aus?

Vor allem stelle ich sie mir mit unseren Fans vor. Die haben sehr gefehlt, als der Aufstieg feststand. Ich bin aber auch stolz, welch gutes Bild sie in den harten Corona-Wochen abgegeben haben. Ich freue mich auf die Fans. Und die Mannschaft freut sich noch mehr. Natürlich wünsche ich mir, dass wir frei bleiben von schweren Verletzungen. Wenn wir fit bleiben, dann ist dieses Team regionalligatauglich. Definitiv.

Zur Person: 

Tobias Damm (36) wurde in Homberg geboren und lebt heute dort. Für Mainz 05 kam er in der Bundesliga zum Einsatz. Seit 2010 ist er beim KSV Hessen. 2017 beendete er seine aktive Karriere und wurde Co-Trainer, seit Oktober 2019 ist er Cheftrainer. Damm ist verheiratet und hat zwei Kinder, eine Tochter (11) und einen Sohn (9).

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