Blick zurück und nach vorn

KSV-Trainer Tobias Damm im Interview: „Dieser Umbruch ist zu groß“

Tobias Damm.
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Hat mit den Löwen souverän die Klasse gehalten: KSV-Trainer Tobias Damm.

Tobias Damm kam als ungeschlagener Chefcoach in die Fußball-Regionalliga Südwest. Nach einer grandiosen Aufholjagd mit dem KSV Hessen Kassel in der Hessenliga und 31 Punkten aus elf Spielen sowie dem Aufstieg am Grünen Tisch hielt diese Serie bis zum 5. Spieltag.

In der abgelaufenen Spielzeit landete der 37-Jährige mit dem KSV auf dem zwölften Rang und stand nie auf einem Abstiegsplatz. Im Interview äußert sich Damm dennoch skeptisch, was die Zukunft angeht, schätzt die Stärke der Liga in der kommenden Saison ein und sagt, welche und wie viele Spieler er am 10. Juli beim Trainingsauftakt gern bei sich hätte.

Herr Damm,...
Moment, ich würde Ihnen gern einen Vorschlag für die Überschrift dieses Interviews geben.
Das ist ungewöhnlich. Aber gern.
Dieser Umbruch ist zu groß.
Darüber wollten wir ohnehin mit Ihnen sprechen. Können Sie das so offen sagen?
Das kann ich. Ich bin immer ehrlich. Ich glaube, dass manche im Verein erst beim letzten Heimspiel und der Verabschiedung der Spieler realisiert haben, was uns wegbricht. Die Hälfte derer, die gehen, waren Stammspieler.
Haben Sie die Sorge, dass Spieler nicht gleichwertig ersetzt werden können?
Dass die Mannschaft verjüngt werden soll, da bin ich voll dabei. Das habe ich auch selbst gesagt. Ich habe Lust darauf, junge Spieler weiterzuentwickeln. Es geht aber nicht nur mit 19- und 20-Jährigen. Natürlich kann ich mich von Spielern trennen. Dann brauche ich aber auch einen Plan, wie es danach weitergeht.
Fehlt dem KSV da ein Scoutingsystem?
Wenn man irgendwann höher spielen möchte, sollte man etwas in dieser Art aufbauen.
Eine andere Variante wäre guter Kontakt zu Beratern, denen man vertrauen kann.
Entscheidend ist ja, dass man überhaupt Kontakt zu den Beratern hat. Dass man das zulässt. Das ist ab der Regionalliga das tägliche Geschäft.
Werden wir mal konkret: Was brauchen Sie, damit Sie ohne ganz große Sorgen in die neue Saison gehen können?
Fünf bis sechs Spieler. Zwei Innenverteidiger, zwei Stürmer, einen für die Außenbahn.
Und die sollen dann bestenfalls auch schon zum Trainingsstart da sein.
Natürlich. Bei so einem Umbruch im Kader wären es suboptimal, wenn Spieler erst spät dazustoßen. Einer oder zwei – das geht immer. Das ist auch normal für eine Transferphase.
Andersherum gefragt: Sind diese Sorgen nicht auch hausgemacht?
Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich gern weiter mit Mahir Saglik, Adrian Bravo Sanchez und Alexander Mißbach gearbeitet hätte. Zwei der drei hätte man halten können. Dann hätte man sicher auch zwei, drei Baustellen im Kader. Aber nicht so viele.
Wenn wir auf die Regionalliga im kommenden Jahr schauen – wie schätzen Sie diese ein?
Die Ansprüche werden nicht niedriger, die Qualität wird nicht abnehmen. Davon bin ich überzeugt. Der eine oder andere hat ja vermutet, dass einige Vereine an Corona noch kaputtgehen werden. Es geht aber keiner kaputt. Die Liga wird auf keinen Fall schwächer. Sie wird auch nicht finanzschwächer.
Was macht Ihnen trotzdem Hoffnung?
Die Spieler, die noch da sind. Und die, die hoffentlich noch kommen werden.
Nehmen wir einen Aram Kahraman. Der hat sich enorm entwickelt, könnte eine Lücke stopfen.
Das Potenzial ist nicht nur bei ihm da. Bei Aram ist es ja so, dass wir die Qualität immer gesehen haben. Deswegen hat er einen Vertrag bekommen. Bislang waren einfach zentrale Mittelfeldspieler vor ihm, an denen er nicht vorbeigekommen ist. Die waren einen Tick besser. Aber er hat sich an denen auch hochgezogen. Er hat eine super Einstellung. Ich habe ihm immer gesagt, dass er da sein muss, wenn sich die Chance ergibt. Das hat er getan. Und jetzt hat er die Chance, Stammspieler zu werden.
Blicken wir auch noch einmal zurück auf die Saison.
Es war eine außergewöhnliche. Sie hat richtig Körner gekostet, für die Spieler, die Trainer und das gesamte Team. Jeder hat zum Schluss nur noch das Ende herbeigesehnt. Aber es ist richtig gut, was wir geleistet haben. Ich habe vorher gesagt, dass wir 55 Punkte brauchen, um sicher drin zubleiben. 53 sind es geworden.
Es war aber auch eine seltsame Saison für den KSV. Siege gegen Spitzenteams, Niederlagen gegen Mannschaften von unten. Immer wieder.
Das ist ganz viel Kopfsache, hat mit der Konzentration zu tun. In den Heimspielen gegen Steinbach und Frankfurt war die Jungs da. In Balingen hatten wir dagegen das Spiel im Griff, haben aber einfache Fehler gemacht.
Woran liegt das?
Wenn ich das wüsste ...
Na gut, wird denn vielleicht alles noch einmal besser, wenn die Fans wieder da sind?
Das denke ich schon. Ihr Fehlen war ein klarer Nachteil für uns. Ich glaube, es wäre richtig geil geworden mit unseren Fans in diesem Jahr. Die Mannschaft lebt ja auch immer von der Stimmung.
Und vielleicht locken diese Fans ja auch den einen oder anderen Spieler noch nach Kassel?
(lacht) Sie sind für diese Liga auf jeden Fall außergewöhnlich. Das steht fest. (Frank Ziemke und Maximilian Bülau)

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