„Ein Tag Liebesentzug reicht“

KSV-Trainer Tobias Cramer über die gute Stimmung und Talente, die es sich zu merken lohnt

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Seit einem guten halben Jahr Cheftrainer des KSV Hessen Kassel: Tobias Cramer.

Kassel. Es geht wieder los für den Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel. Er startet am Samstag mit dem Auswärtsspiel bei den Stuttgarter Kickers (Anpfiff: 14 Uhr) in die Restrückrunde. Im Interview äußert sich Trainer Tobias Cramer zu den Perspektiven.

Herr Cramer, hat Sie eigentlich das bisher gute Auftreten Ihrer Mannschaft selbst überrascht?

Cramer: Überhaupt nicht. Mir war von vornherein klar, dass die Mannschaft in der Lage sein wird, diese Liga stabil zu bespielen, wenn Teamgeist und Hierarchie stimmen. Das hat bemerkenswert gut funktioniert. Und ich fühle mich bestätigt: Das Wort Abstieg habe ich nämlich auch am Anfang der Saison nie in den Mund genommen.

Lebt Ihr Team nicht davon, dass die Hierarchie extrem flach ist?

Cramer: Wenn es um das Verhältnis der Mannschaft zum Trainer geht, ist das sicherlich so. Innerhalb der Mannschaft gibt es aber eine klare Hierarchie, die ich auch eingefordert habe, damit nicht jeder reinredet. Die Etablierten haben das Sagen, weil sie auch charakterlich einwandfrei sind.

Henrik Giese, Tobias Damm ...

Cramer: Genau. Die jungen Spieler hören ihnen zu, sie fügen sich.

Und alle loben die gute Stimmung im Team, was sehr auffällig ist. Wie haben Sie die erzeugt?

Cramer: Sie hat vielleicht auch mit meinem Führungsstil zu tun. Ich gebe dem Team Freiheiten, und das Team gibt mir Freiheiten. Das führt zu guter Stimmung, weil keiner die Freiheiten missbraucht. Wir merken das auch immer an der Rückmeldung derer, die ein Probetraining bei uns absolvieren. Die sind alle begeistert, mit welchem Respekt wir miteinander umgehen. Das ist etwas völlig anderes als das, was ich selbst als 20-Jähriger erlebt habe, als ich mal Gastspieler beim Wuppertaler SV war. Da wurde ich so gut wie nicht beachtet.

Ist es schwerer, eine solch gute Stimmung zu erzeugen, oder sie zu erhalten?

Cramer: Es ist schwerer, sie zu halten. Das habe ich auch während der aktuellen Vorbereitung gemerkt. Da gab es die Tendenz, die Grenzen austesten zu wollen und das eine oder andere nicht mehr so ernstzunehmen. Da musste ich als Trainer gegensteuern. Beim 2:1 gegen Rödinghausen am vergangenen Wochenende waren alle wieder geerdet. Da sind wir mit der Bodenständigkeit aufgelaufen, die uns auszeichnet. Da gab es keinen Fußball mit Hacke, Spitze, eins, zwei drei. Das war ehrlicher Fußball.

Das bedeutet?

Cramer: Das bedeutet, dass wir unsere Stärken einbringen: Laufbereitschaft, Kampfgeist und die Fähigkeit, gut umschalten zu können. Wenn wir uns darauf konzentrieren, sind wir stark.

Reicht eine Ansage, um die Jungs wieder zu erden oder gibt es eine Woche Liebesentzug?

Cramer: Ein Tag Liebesentzug reicht. Dann beäugen wir alles kritisch, und wir sind wieder in der Spur.

Sie haben jüngst Ihren Vertrag um drei Jahre verlängert. Was werden die nächsten Schritte Ihrer Arbeit sein?

Cramer: Das Ziel ist es, die Vereinsphilosophie intensiv weiterzuverfolgen. Wobei: Jedem ist klar, dass wir nicht auf Teufel komm’ raus mit jungen Spielern Regionalligafußball anbieten können. Wir werden immer auch erfahrene, überdurchschnittliche Spieler verpflichten müssen, an denen sich die Jungen orientieren können und die ihnen Vertrauen geben. Ansonsten möchten wir im Nachwuchsbereich noch viel aufbauen – und ich will da mitwirken. Es geht darum, eine hohe Identifikation mit dem Verein, dem Umfeld und der Region zu schaffen.

Sehen Sie im Unterbau schon kurzfristig Potenzial?

Cramer: Ja, absolut. Wenn ich die Wintervorbetreitung nehme, dann brauchen wir uns nicht zu verstecken, wenn es um den Nachwuchs geht. Die jungen Spieler sind da, sie nehmen eine gute Entwicklung. Laurin Unzicker, Brian Schwechel, David Lensch, Michael Voss und Tjarde Bandowski – die Namen sollten wir uns merken. Und Steven Rakk hat den Sprung ja schon geschafft. Wir betrachten die Jungen als großes Glück, und ich werde weiterhin den Mut haben, auf sie zu setzen.

In der Winterpause überzeugten aber nicht nur die Nachwuchsspieler, sondern es sind auch viele Verletzte wieder zurückgekehrt. Gibt es jetzt die Gefahr, dass Sie die Jungen enttäuschen müssen?

Cramer: Wenn das als Gefahr begriffen werden sollte, machen die jungen Spieler etwas falsch. Sie durchlaufen einen Lernprozess, zu dem es auch gehört, die Füße stillzuhalten, wenn sie mal nicht berücksichtigt werden, weil sie Schwankungen unterworfen sind. Ich glaube aber nicht, dass wir Probleme bekommen werden, weil wir alle vernünftig sind und mit einer gewissen Demut an die Sache gehen. Ich zum Beispiel sehe es als Gottesgeschenk an, als hauptamtlicher Trainer arbeiten zu können und nur 82 Kilometer fahren zu müssen, um wieder bei meiner Frau und meinen Kindern zu sein. Das gibt es nicht oft in dieser Branche.

Was wird das Thema dieser Restrückrunde sein für den KSV, der im Mittelfeld verankert ist?

Cramer: Das ist die Gefahr. Wir müssen den Blick immer noch nach unten richten, weil alles eng beisammen ist. Das Ziel muss es sein, die 50 PunkteMarke zu knacken – so schnell wie möglich. Dann sind wir auf der sicheren Seite und können an die Zukunftsplanung gehen.

Wird es nach all den Absagen denn auch noch ein Spiel gegen Watzenborn-Steinberg geben?

Cramer: Definitiv, aber womöglich nicht in Wetzlar.

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