Neubeginn mit Rose, Geselle und Gaede

KSV nach der Hauptversammlung: Alle Fragen, alle Antworten

Kassel. Der Andrang war groß, der Beginn verzögerte sich um über 20 Minuten – es war keine gewöhnliche Jahreshauptversammlung des KSV. Wir beantworten Fragen und Antworten.

Und dann wurde die Mitgliederversammlung des insolventen Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel zur Mamut-Veranstaltung, bei der 233 Mitglieder Sitzfleisch beweisen mussten. Am Ende standen zwei neu formierte Gremien und eine verschobene Entlastung der alten Führung. Fragen und Antworten zum Abend im Rathaus.

Kam am Ende alles wie erwartet, oder gab es Überraschungen?

Ja, es kam wie erwartet. Die personellen Planspiele im Vorfeld der Versammlung gingen komplett durch. Die wichtigsten Personalien dabei: Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle sitzt im Aufsichtsrat, Rückkehrer Jens Rose im Vorstand. Überraschend war höchstens die Vertagung der Entlastungs-Frage. Und wohltuend, weil auch anders denkbar: Es wurde emotional, blieb aber stets gemäßigt.

Welche Personalentscheidungen fielen konkret?

„Offenheit und Transparenz müssen unsere Themen sein.“ Mit diesen Worten unterstrich der frühere KSV-Kapitän Enrico Gaede seine Kandidatur für den Aufsichtsrat, erntete tosenden Beifall – und wurde bei nur einer Gegenstimme gewählt. Auch Holger Günther und Stefan Hildebrandt erhielten das klare „Ja“ der Mitglieder. Lediglich Jens Lüdecke, einziges Mitglied des alten Gremiums, musste ein paar Gegenstimmen mehr akzeptieren, erhielt aber ebenfalls eindeutige Zustimmung.

So wurde auch der Weg frei für die erwarteten folgenden Personalien. Der neue Aufsichtsrat berief zunächst Christian Geselle und Dr. Fritz Westhelle in sein Gremium. Und er bestimmte Gaede zu seinem Vorsitzenden. Zweite wichtige Amtshandlung: Die Berufung von Jens Rose in den Vorstand – als zunächst einziges Mitglied. Weitere Berufungen werden voraussichtlich bis Ende nächster Woche folgen.

Wie war die Stimmung während der Versammlung?

Anfangs überraschend zurückhaltend und überwiegend sachlich. Das lag auch an den Schuldeingeständnissen von Finanzvorstand Dirk Lassen, der erklärte: „Die Zahlen, die wir zu verantworten haben, haben zu dieser Situation geführt, dafür muss ich mich entschuldigen. Wir haben kräftig gepatzt.“ Und von Aufsichtsratschef Matthias Hamann, der sagte: „Ich begreife es als größte persönliche Niederlage, dass wir Insolvenz anmelden mussten.“

Beim Tagesordnungspunkt Aussprachen wurde es aber deutlich emotionaler, gab es viel Kritik, die sich vor allem abarbeitete an der von Lassen präsentierten Bilanz, die kaum Zahlen umfasste („würde ich im Skatklub nicht akzeptieren“, so ein Mitglied). Im Laufe der Diskussion wurden vor allem konkrete Zahlen und Einblicke in komplette Jahresbilanzen gefordert. Viel Beifall gab es für den Satz: „Diese Versammlung ist der Beweis, wie schlecht die Arbeit war, die hier geleistet wurde.“ Auffällig, dass dabei die Vorstandsmitglieder Alexandra Berge und Daniel Bettermann stets ausgenommen wurden. Lassen lieferte dann viele, viele Zahlen aus dem Geschäftsjahr nach.

Welche Redebeiträge standen im Mittelpunkt?

Mit Spannung waren vor allem die Reden von Oberbürgermeister Christian Geselle und der vorläufigen Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin erwartet worden. Geselle hatte die Versammlung als Hausherr begrüßt. Er bat um Sachlichkeit und eine nach vorn gerichtete Diskussion, wünschte sich Stabilität und Transparenz für die kommenden Jahre. Später nahm er als KSV-Mitglied auch im Punkt Aussprache Stellung.

Jutta Rüdlin erläuterte, warum der einzige gängige Weg zur Rettung wohl eine Planinsolvenz sei. Ihre dringendste Bitte: „Wir brauchen Geduld. Und Geld!“ Als Hauptaufgaben bezeichnete sie das Generieren von Mitteln zur Finanzierung des laufenden Betriebs, die Suche nach Sponsoren und das Erarbeiten des Insolvenzplans gemeinsam mit den neuen Gremien. Mit ihrem offenen und sachlichen Auftreten gewann sie das Vertrauen der Mitglieder.

Wurden Vorstand und Aufsichtsrat entlastet?

Nein. Ihnen wurde die Entlastung aber auch (noch) nicht verweigert – sie wurde verschoben. Ausschlaggebend dafür war ein Vorstoß von Christian Geselle zu Beginn der Aussprache. Fast symbolisch hatte er bei seinem zweiten Redebeitrag des Abends die Krawatte abgelegt und dann gefordert: „Wir brauchen mehr Transparenz. Nur dann lasse ich mich hier berufen.“ Seine Folgerung: An diesem Abend könne über eine Entlastung nicht entschieden werden. Nach einer längeren Diskussion beschlossen die Mitglieder, dass über die Entlastung erst in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung entschieden wird. Bei der müssen die alten Gremien noch einmal einen kompletten Bericht vorlegen.

Gab es so etwas wie einen Gänsehautmoment?

Ja, den gab es in Form von lang anhaltendem Beifall, als der scheidende Aufsichtsrats-Chef Matthias Hartmann Cheftrainer Tobias Cramer als „großartigem Motivator und sportlichem Vordenker“ und dem Team dankte. Da stand die KSV-Familie fest zusammen. Ähnlich war es, als Sebastian Göbel von der Abteilung Herzblut Alexandra Berge und Daniel Bettermann für ihre Arbeit und offene Ohren für die Fans lobte. Und am Ende, da gab’s befreienden Applaus für einen, der kein Wort gesagt hatte: Jens Rose, den alten, neuen Hoffnungsträger.

Hauptversammlung des KSV

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