Mittelfeldspieler spricht über seine sieben Jahre bei den Löwen

Vor seinem letzten Spiel für den KSV: Enrico Gaede im Interview

Zum Abschluss noch einmal das Feierbiest: Enrico Gaede stimmt nach dem Gewinn des Hessenpokals vor den Fans die Humba an. Foto: Hedler

Nach sieben Jahren beim KSV Hessen beendet Enrico Gaede am Samstag gegen Offenbach seine Karriere als Fußballer. Im Interview blickt er zurück – und auch ein bisschen nach vorn.

Enrico Gaede, kurz vor Ihrem letzten Spiel Ihrer Karriere stellen sich doch viele die Frage, ob der Enno nicht zu früh aufhört. Stellen Sie sich die Frage auch?

Gaede: Nein, ich stehe hinter meiner Entscheidung. Mir ist solch ein Abschied lieber als ein Abschied auf Raten. Ich will nicht zu denen gehören, bei denen es irgendwann mal heißt, sie hätten den Absprung nicht geschafft. Außerdem bin ich ein Kopfmensch und kein Bauchmensch. Ich habe mir die Entscheidung sehr genau überlegt. Und wenn sie dann erst einmal in der Welt ist, stehe ich zu ihr.

Sie haben die Entscheidung auch nach einer für Sie enttäuschenden Vorrunde getroffen. Würden Sie heute anders entscheiden? 

Gaede: Wohl nicht. Aber ich bin schon stolz darauf, dass ich nach der Winterpause noch einmal beweisen konnte, was ich kann. Zumal mir nicht klar war, warum ich in der Vorrunde kaum gespielt habe. An meiner Fitness lag es zumindest nicht. Aber ich habe das akzeptiert und die Situation intern mit Trainer Matthias Mink besprochen. Alles, was ich wollte, war eine faire Chance nach der Winterpause. Die habe ich bekommen. Ich habe mich noch einmal durchgesetzt, deshalb verspüre ich Zufriedenheit.

Sie waren nach dem Pokalhalbfinale und dem Finale der Held. Bekommen Sie nun die Anerkennung, die Sie stets verdient gehabt hätten, die Ihnen aber nie so recht zuteil wurde? 

Aktualisiert um 9.17 Uhr.

Gaede: Natürlich ist es toll, inmitten von Hunderten Fans zu stehen und die Humba anzustimmen. Diese Atmosphäre saugst du auf, da bekommst du Gänsehaut. Und welcher normale Arbeitnehmer bekommt schon mal solch eine Rückmeldung? Aber: Die Anerkennung von außen war mir nie so wichtig. Für mich war wichtig, dass die Mannschaft funktioniert - und dass ich Anerkennung bekomme vom Trainer, von den Mitspielern und damit von denen, die meine tägliche Arbeit mitbekommen.

Das klingt sehr bescheiden.

Gaede: Der frühere KSV-Pressesprecher Herbert Pumann hat mal über mich geschrieben, dass ich kein Mann der ersten Reihe bin - aber einer, der den Spielern in der ersten Reihe den Weg aufzeigt. Das hat es sehr gut getroffen. Gegen Wehen war ich der gefeierte Held, weil ich das Goldene Tor gemacht habe. Aber das Ding muss ich machen, daran führt kein Weg vorbei. Entscheidend ist auch hier die Situation davor gewesen. Aber die bleibt nicht so lange im Gedächtnis.

SV?

Gaede: Das lässt sich nicht in einem Satz zusammenfassen. Ich habe viele Freunde gefunden, Erfolge gefeiert, Misserfolge gehabt. Wenn ich allein unsere Meistersaison 2013 nehme und das direkte Scheitern in den Playoffs zur Dritten Liga: Da sind wir von der absoluten Euphorie in ein tiefes Loch gefallen. Da war alles drin.

Gibt es nicht diesen einen KSV-Moment, der mehr als alle anderen im Gedächtnis bleibt? 

Gaede: Warum fragen Sie nicht direkt, ob die Stadiondurchsage beim 0:4 gegen Hoffenheim noch präsent ist?

Wir hatten eher an etwas Positives gedacht – etwa an das angesprochene Tor gegen Wehen. 

Gaede: Klar, das ist auch noch sehr nah. Und natürlich gab es viele sehr schöne Momente. Da denke ich zum Beispiel auch an den 1:0-Sieg gegen die zweite Mannschaft des 1. FC Nürnberg gleich in meiner ersten Saison 2008/2009 hier. Das war am 1. Mai. Es waren 11 000 Zuschauer im Stadion. Das war großartig. Mit dem Sieg sind wir Tabellenführer geworden.

Tor von Thorsten Bauer in der zweiten Halbzeit.

Gaede: Wahrscheinlich stand er wieder irgendwie mit dem Rücken zum Tor, und dann hat er den Ball reingewurschtelt. Das war schon klasse.

War das im Rückblick zugleich Ihre Lieblingssaison? 

Gaede: Ja. Wir haben damals einen Hurra-Fußball gespielt, der mir heute bei all den Teams, die auf dem Platz vor allem von einer guten Organisation leben, etwas fehlt. Trainer Mirko Dickhaut hat den Fußball damals zugelassen, weil er die Begebenheiten vor Ort kannte. Der stand vor dem Spiel in der Kabine und hat gesagt: Da draußen sind 6000 Leute – was soll ich euch groß von Taktik erzählen? Er hat eine Euphorie in einem neu zusammengestellten Team erzeugt, die einzigartig war. Wir haben damals weit über unsere Verhältnisse gespielt, was auch an der tollen Atmosphäre lag.

Trotzdem hat am Ende etwas gefehlt. 

Gaede: Es hat immer irgendetwas gefehlt.

Hadern Sie jetzt? 

Gaede: Ja, ich ärgere mich, dass es nie geklappt hat mit dem Aufstieg in die Dritte Liga, aber ich verzweifele daran nicht. Verzweifeln müssen die Schalker, dass sie 2001 nicht Meister geworden sind, weil sie nichts ändern konnten. Bei uns war 2009 Heidenheim einen Tick besser, in den Aufstiegsspielen gegen Kiel vor zwei Jahren waren wir unterlegen. Das müssen wir akzeptieren. Selbst 2011 lag es am Ende an uns, auch wenn die Situation sehr unglücklich war. Wir haben uns bis zur Winterpause zwölf Punkte Vorsprung erarbeitet, dann sind zwei Vereine insolvent – und unser Vorsprung schmilzt am grünen Tisch.

Ist der KSV auf einem guten Weg? 

Gaede: Ich drücke dem Verein die Daumen.

Das hört sich skeptisch an. 

Gaede: Sicher muss sich im Umfeld noch einiges tun. Wenn du als Verein nicht so viel Geld hast, musst du schauen, dass der Nachbau stimmt und junge Spieler aus dem Verein nachrücken. Das war bisher kaum der Fall. Aber in dieser Hinsicht passiert schon etwas.

Werden wir Sie beim KSV in anderer Funktion erleben? 

Gaede: Es gab bisher keine Gespräche darüber oder Gedanken in diese Richtung.

Der Dortmunder Sebastian Kehl macht nun nach dem Ende seiner Karriere eine Weltreise. Haben Sie ähnliche Pläne? 

Gaede: Ich habe leider keine Zeit für eine Weltreise. Ich verändere ein paar Sachen in meiner Wohnung – und dann muss ich wieder ganz normal arbeiten. Aber ich kann jetzt schon einen Urlaub für Oktober buchen. Das ist ein Luxus, auf den ich mich freue und den ich 17 Jahre nicht hatte. Da war jedes Wochenende ausgebucht mit Fußball. Das wird jetzt anders sein. Ich habe mittlerweile eine Nichte in Hildesheim, und es ist sehr schön, sie jetzt auch einmal spontan samstags besuchen zu können.

Also werden Sie Sebastian Kehl erst einmal nicht treffen? 

Gaede: Die Weltreise hatte ich ja schon während meiner Zeit als Fußballer. Da bin ich in Ecken gekommen, die ich normalerweise nie bereisen würde. Wenn ich an unser Trainingslager mit dem KSV in Tadschikistan mit dem Flug über Riga denke, dann muss ich sagen, dass ich doch sehr viel erlebt habe und viel gesehen durch den Fußball. Das hat mir auch eine gewisse Lebenserfahrung eingebracht, für die ich dankbar bin. Nach Mallorca oder Ibiza kommt man schnell, aber nach Tadschikistan?

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