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Seit 44 Jahren an der Seite der Löwen: Ralf Liese ist dem KSV Hessen immer treu geblieben

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Von: Maximilian Bülau

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Ralf Liese.
In der Nordkurve vor der Partie gegen den Bahlinger SC am 5. November 2022: KSV-Fans Ralf Liese hat sein Banner aufgehängt und steht vor dem Zaun. © Andreas Fischer

Der 6. November in diesem Jahr war für Ralf Liese kein ganz normaler Tag. An diesem Sonntagmorgen musste der 58-Jährige – wie er selbst sagt – noch einmal duschen, um die letzten Bierreste aus dem Ohr zu bekommen.

Kassel – Einen Tag zuvor hatte Liese in der Nordkurve des Auestadions gestanden und dem Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel bei der Partie gegen den Bahlinger SC zugeschaut. Die Löwen lagen zweimal zurück – und gewannen nach einem Treffer von Hendrik Starostzik in der vierten Minute der Nachspielzeit doch noch 3:2. Im Block 30 gab es Bierduschen für alle. Liese hatte einen Tag später noch damit zu kämpfen.

„So ein Spiel spiegelt den KSV ja eigentlich ganz gut wieder. Du liegst zweimal zurück wegen zwei Elfern und denkst, dass das doch alles nicht wahr sein kann. Und dann gewinnst du doch noch“, berichtet der 58-Jährige. Liese kennt sich aus. Vor 44 Jahren war er das erste Mal im Stadion, sah damals die Partie des KSV gegen den VfR Bürstadt. Liese erinnert sich genau, obwohl seitdem unzählige Spiele hinzugekommen sind. „Es war bei mir wie bei so vielen: Mein Vater hat mich mitgenommen, das hat mich dann angefixt. Seitdem bin ich regelmäßig im Stadion. Es gab Zeiten, als meine ersten beiden Kinder klein waren, da habe ich schon einiges verpasst. Aber insgesamt war ich bei vielen Partien da“, sagt Liese, der einer von drei Fanbeauftragten des KSV ist.

Was wir eigentlich von Liese, der einer der letzten Kuttenträger in der Kurve ist, wissen wollen: Was muss man eigentlich für ein Mensch sein, um diesen teils tragischen Verein so lange als Fan zu unterstützen? „Man muss ein bisschen krank im Kopf sein. Wenn man es einfach haben will, dann wird man Fan von Bayern. KSV-Fans wollen es aber nicht einfach haben. KSV-Fans wollen den emotionalen Stress. Man kommt von der absoluten Hölle in die absolute Euphorie und verliert dabei nie den Glauben. Das beschreibt uns ganz gut“, erklärt er.

An der aktuellen Mannschaft begeistern Liese Moral und Wille. „Deshalb ist die Truppe so authentisch. Wir wissen, dass sie alle semiprofessionell spielen. Dass sie mit dem, was sie verdienen, ihr Leben nicht gestalten können. Da ist es einfach nur besonders, dass sie sich so aufopfern“, erklärt er.

Liese wohnt mittlerweile in Marburg, wenn er ins Auestadion fährt, dann ist er insgesamt auch mal zehn Stunden unterwegs. „Manchmal besuche ich vorher noch meine Mutter in Wilhelmshöhe. Und ich bin keiner, der zehn Minuten vor Anpfiff im Stadion ist und zehn Minuten nach Abpfiff weg. Meist fahre ich zwischen neun und zehn Uhr los und bin gegen 19 Uhr wieder zuhause. „Meine Frau ist ab und zu dabei, aber meistens fahre ich allein. Sie steht total hinter mir und hält mir den Rücken frei. Wenn ich zurück bin, dann erkennt sie sofort, wie das Spiel ausgegangen ist und weiß auch, wann sie besser mal nicht mit mir spricht“, erzählt der 58-Jährige. „Früher dachte ich, dass es besser wird, wenn ich älter werde. Aber ich muss ganz ehrlich sagen: Vor den wichtigen Spielen schlafe ich spätestens zwei Nächte vorher immer noch schlecht und wache andauernd auf. Nach den Partien sitze ich eigentlich immer physisch und emotional erschöpft im Auto und will einfach nur noch ankommen“, berichtet Liese.

Es gab Tiefpunkte für ihn. „Als die Löwen das letzte Mal aus der Regionalliga abgestiegen sind, dazu die Insolvenz, da wusste man ja auch nicht, wie es finanziell weitergehen wird. Da habe ich beim letzten Heimspiel geflennt, richtig geheult. Die Nordkurve ist für mich ja ein zweites Wohnzimmer. Und ich wusste nicht, ob ich zurückkommen kann“, erzählt Liese. „Aber auch die Phase des FC Hessen, da hatte der Verein in vielen Beziehungen nicht mehr die Qualität, die er vorher hatte.“ Aber es gab freilich auch Höhepunkte. Das 1:0 in Offenbach in der vergangenen Saison war so einer. Siege gegen St. Pauli und Schalke. Die Partie 2006 in Frankfurt. „Da hat sich die zweite Hälfte wie acht Stunden angefühlt“, sagt Liese.

Nur eine Sache könnte dazu führen, dass der 58-Jährige irgendwann die Stadiongänge bleiben lässt. „Das Kommerz-Thema. Die Entwicklung des Fußballs seit ein paar Jahren hat dazu geführt, dass ich keine Bundesliga mehr schaue, auch keine Länderspiele. Der Verein muss immer das Heft des Handelns in der Hand haben. Ansonsten ist das irgendwann nicht mehr mein Verein“, so Liese. Bis dahin ist es aber sein KSV. (Maximilian Bülau)

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