Ein Diskussions-Anstoß

Wege für den KSV: Wie sind die Löwen jetzt zu retten?

Kassel. Der KSV Hessen startet im August in eine Saison, die sicher eine der schwersten seit der Regionalliga-Zugehörigkeit wird.

Der Verein hat zwei Millionen Euro Verbindlichkeiten, die Ansprüche wurden entsprechend zurückgeschraubt. Von Aufstieg ist keine Rede mehr. Im Gegenteil: Es geht wohl nur noch darum, den Abstieg irgendwie zu vermeiden.

Aber nicht nur rein sportlich befindet sich der Verein am Scheideweg. Es geht um die Zukunftsfähigkeit des großen Ganzen. Längst ist zu befürchten, dass die Pleite droht, selbst wenn Finanzvorstand Dirk Lassen eine Insolvenz kürzlich ausgeschlossen hat. Die Lage ist prekär: Selbst die Einnahmen aus dem Anfang August anstehenden Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten Borussia Mönchengladbach sollen schon verbraucht sein. Es geht nur noch darum, die Löcher zu stopfen. Ein Unterfangen ohne Aussicht auf Erfolg?

Nicht ganz: Die Situation könnte auch eine Chance sein für den Verein, sich so zu verändern, dass er doch noch die Wende hin zum Guten schafft. Nur wie? Auf dieser Seite versuchen wir aufzuzeigen, was im Argen liegt und wo der Verein ansetzen könnte, um wieder nach oben blicken zu können – gedacht als Anstoß zur Diskussion.

Mehr Geschlossenheit

Alle Gruppen zusammenführen

Der KSV Hessen ist längst ein Verein von verschiedenen Gruppierungen, die nicht zueinanderfinden. Hier ist die Fraktion um Dirk Lassen, die aktuell das Sagen hat, dort die Fraktion um Holger Brück und seinen Schwiegersohn Claus Schäfer, dort der ehemalige Präsident Jens Rose, dort der zuletzt zurückgetretene Vorsitzende Hans-Jochem Weikert. Ihnen allen liegt der KSV am Herzen. Das Problem ist nur, dass es eher ein Gegeneinander als ein Miteinander gibt. Dabei wäre dies in dieser Situation mehr als erforderlich. Das hieße aber, dass die aktuelle Führung Machteinbußen hinnehmen müsste – allen voran Finanzvorstand Dirk Lassen.

Seit ein paar Wochen der Cheftrainer bei den Löwen: Tobias Cramer, hier ein Bild aus dem Juni.

Dabei ist fast allen im Verein klar, dass Lassen nicht nur als Sponsor wichtig ist, sondern auch in seiner Arbeit hinter den Kulissen – aber als Wortführer und Sprachrohr des Vereins eben nicht die erste Wahl. Flammende und Zusammengehörigkeits-Gefühl erzeugende Ansprachen an die Mitglieder – diese Feststellung ganz ohne Vorwurf – sind nicht sein Ding. Dafür bedarf es eines anderen. Eine Möglichkeit, die intern wohl auch diskutiert wird: dass Lassen wieder in den Aufsichtsrat wechselt – und ein Neuer, oder auch ein alter Bekannter als Frontmann auftaucht.

Egal wie: Ziel muss es sein, alle Gruppen zu integrieren. Derzeit ist der KSV davon weit entfernt. Selbst ein altgedientes Vereinsmitglied wie Adi Hildebrand soll vergrault worden sein. Auch ein Gönner wie Andreas Fehr knurrt offenbar, weil der KSV ohne dessen Wissen Adrian Bravo-Sanchez vom Fehr-Klub FSC Lohfelden verpflichtet hat.

Für den KSV wäre derzeit aber vor allem eins wichtig: größtmögliche Geschlossenheit in einem größtmöglichen Kreis. Es ist ebenso platt wie richtig: Derzeit hilft den Löwen vor allem: demonstrativ zusammenrücken. Sich interessant machen. Die eigenen Befindlichkeiten hinten anstellen. Damit die Krise gemeistert wird.

Mehr Offenheit

Transparenz kann helfen

Welches ist der Satz, der in den vergangenen Jahren am häufigsten zu hören war bei den Löwen? „Die Gremien arbeiten gut zusammen.“ Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat verbreiteten ihn fast schon mantraartig. Oberstes Kriterium dieser guten Zusammenarbeit scheint zu sein: Nichts ist nach außen gedrungen! Dieses Denken stammt noch aus Krisenzeiten rund um die Ausbootung von Thorsten Bauer, der Entlassung von Trainer Mirko Dickhaut, dessen Nachfolger Christian Hock sowie später von Geschäftsführer Giuseppe Lepore.

Vergessen wird dabei: Etwas mehr Offenheit zur rechten Zeit kann guttun. Bestes Beispiel ist dafür die letzte Mitgliederversammlung, auf der die Gremien der Versammlung die schlechte Finanzlage präsentieren mussten. Wie das geschah, das war eher befremdlich. Am Ende wusste wohl kaum eines der Mitglieder, wie der Schuldenanstieg gegenüber dem Vorjahr nun genau zustande gekommen ist – und ebenso wenig, wie der Weg aus der Schuldenfalle aussehen könnte. Gremien und Mitglieder gingen eher im Frust auseinander. Mehr Transparenz im Vorfeld hätte für deutlich mehr Verständnis sorgen, im besten Fall sogar Zusammengehörigkeitsgefühl stärken können.

Mehr Kreativität

Selbstironie schadet nicht

Der KSV hat einen Kaffee auf den Markt gebracht und Ahle-Wurscht-Touren veranstaltet. Das ist alles schön und gut. Aber am Ende hat es nicht viel gebracht – vor allem keine neuen Sponsoren. Die Zahl der Unterstützer ist in den vergangenen Jahren drastisch gesunken. Daran änderte auch Vermarkter Michael Pfeffer nichts, der Ende des vergangenen Monats gegangen ist.

Nun liegt es an seinem Nachfolger Michael Krannich, neue Sponsoren zu akquirieren. Kein leichter Job, zumal der KSV zuletzt zu sehr vertraut zu haben scheint auf Hauptsponsor VW, der Ende der nun anstehenden Saison aussteigt. Also bedarf es einer gewissen Fantasie bei der Suche nach neuen Unterstützern – aber auch eines kreativen Konzepts. Dazu muss der KSV sich einig sein, was er sein will, er kann nicht immer nur auf seine Tradition verweisen und darauf, dass er ein schlafender Riese ist – zumal er zuletzt eher Negativschlagzeilen gemacht hat, die mit der Marke KSV Hessen verbunden sind.

Vielleicht reicht ein Blick in die jüngere Vergangenheit: Als der KSV 2008 schon einmal nach dem Hickhack um Sponsor Mehmet Göker fast am Ende lag, ging er in die Saison mit dem Slogan: arm, aber sexy. Das kam durchaus an. Ein wenig Selbstironie kann neben Ehrlichkeit nie schaden bei der Vermarktung.

Womöglich weckt dies dann auch das Interesse nicht nur der Zuschauer, sondern auch der Sponsoren. Es ist zu hören, dass das Kasseler Softwareunternehmen Micromata durchaus als Hauptsponsor infrage käme.

Mehr Mut

Ruhig anecken

Wer in schweren Situationen steckt, der muss auch Mut beweisen. Mut zum Beispiel, auch Unpopuläres zu tun. Sich freier zu machen davon, dass zu jeder Idee, jeder Personalie auch gleich Kritiker auftauchen. Derzeit scheinen die Löwen zu häufig getrieben von der Sorge, bloß nicht anzuecken.

Natürlich ist es so, dass beispielsweise bei der Spekulation über mögliche Rückkehrer in den Verein wie Jens Rose, Mirko Dickhaut, Matthias Hamann sogleich auch Kritiker und Nörgler auf den Plan treten, warnen, Foren und Plattformen vollschreiben. Ja und? Kann das entscheidend sein bei den Überlegungen, was dieser Verein benötigt?

Jede Idee ist in dem Augenblick tot, in dem sie darauf überprüft wird, wer denn daran wohl etwas auszusetzen haben könnte. Der KSV aber kann sich in der derzeitigen Lage nicht groß um mögliche Kritiker scheren. Das bindet ihm nur die Hände.

Mehr Sachverstand

Wissen vor Ort nutzen

Es ist nicht so, dass die Verantwortlichen des KSV nicht mit Herzblut bei der Sache sind. Allerdings fehlt es an sportlichem Sachverstand, was auch nichts Ungewöhnliches ist: Die Verantwortlichen sind Ehrenamtliche, die sich in ihrer Freizeit um den KSV kümmern.

Wo es an Professionalität mangelt, da passieren Fehler leichter. Es ist kein Geheimnis mehr, dass bei der Vertragsgestaltung für Stürmer Sylvano Comvalius unachtsam vorgegangen worden ist: Der Vertrag von Comvalius, mit einem Monatsgehalt von angeblich 8000 Euro Spitzenverdiener, sollte sich bei einer bestimmten Anzahl von Pflichtspielen verlängern. Da im Kontrakt aber nur von Spielen die Rede ist, übersprang Comvalius mithilfe von Einsätzen bei Testbegegnungen die Hürde. Sein Vertrag verlängerte sich. Um ihn aufzulösen, zahlte der KSV rund 30 000 Euro.

Früher Trainer beim KSV: Mirko Dickhaut.

Dieses Beispiel zeigt, dass es an den Schaltzentralen mehr braucht als nur Herzblut. Das gilt für die bürokratische Abwicklung, das gilt auch für den sportlichen Bereich. Derzeit ist Trainer Tobias Cramer ziemlich auf sich allein gestellt. Ihm zur Seite steht mit Steffen Friedrich ein junger und derzeit erkrankter Spieler als Teammanager. Mehr nicht.

Wie wichtig zumindest ein Teilzeit-Sportdirektor ist, hat das Engagement André Schuberts vor zwei Jahren bewiesen. Der KSV sollte zusehen, das in der Stadt vorhandene Wissen zu nutzen, auch wenn er dabei auf alte Namen zurückgreifen muss. Der von Mirko Dickhaut wird immer wieder genannt, er wäre sicher eine Lösung – ebenso wie Matthias Hamann. Beide Ex-Trainer bringen den nötigen Sachverstand ein, vor allem Hamann hat beste Verbindungen. Natürlich kostet das Geld, aber selbst wenn sie nur als Berater tätig sind, kann dieses Duo helfen,

Ebenfalls denkbar: Ex-Spieler Enrico Gaede, der als Co-Trainer im Gespräch war, zu integrieren. Das würde Identifikation schaffen.

Mehr positives Denken

Die Liga annehmen

Seit Jahren heißt es beim KSV Hessen und dessen Umfeld nur: „Wir müssen raus aus dieser verdammten vierten Liga.“ „Die Region hat mindestens einen Drittligisten verdient.“ „Eigentlich gehören wir in die zweite Liga.“ Und, und, und.

Das ist alles schön und gut. Die Gegebenheiten sind aber nun einmal so, dass ein Aufstieg in Liga drei selbst dann nicht sicher ist, wenn ein Verein viel Geld investiert und überlegen Meister in seiner Staffel wird. Denn dann kommt es zur Lotterie in den Playoffs – der KSV hat da auch schon so seine Erfahrungen gemacht.

Also: Warum sich nicht freimachen von dem Gedanken, dass diese vierte Liga nur Schrott ist? Warum nicht diese Liga einfach annehmen und die Teilnahme positiv verkaufen?

Gründe gibt es durchaus. Mit dem 1. FC Saarbrücken, dem FC Homburg, dem SSV Ulm, den Offenbacher Kickers, den Stuttgarter Kickers und Waldhof Mannheim sind immerhin sechs ehemalige Erstligisten am Start, hinzu kommen mit dem KSV selbst, Eintracht Trier, TuS Koblenz, dem FC Pirmasens und Wormatia Worms fünf ehemalige Zweitligisten. Das lässt sich durchaus vermarkten und positiv darstellen.

Wer allerdings nur über Nöttingen, Steinbach, Hoffenheim II und Walldorf jammert, vergrault von vornherein die Zuschauer. Die Aufgabe des positiven Denkens ist aber nicht nur an den KSV gerichtet, sondern an die Liga insgesamt.

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