Klub kann Schulden in Höhe von etwa 2,5 Millionen Euro nicht mehr bedienen

KSV Hessen meldet Insolvenz an: Was passiert ist, wie es weiter geht

Kassel. Am Dienstag hat der KSV Hessen Kassel Insolvenzantrag beim Amtsgericht gestellt. Wir schauen auf die Reaktionen und darauf, wie es weitergehen könnte.

Der gestrige Tag

Berge und Bettermann stellen Antrag

Es war neun Uhr am Dienstagmorgen, als der Schritt vollzogen wurde, der sich längst abgezeichnet hatte. Alexandra Berge und Daniel Bettermann, Vorstandsmitglieder des KSV Hessen Kassel betraten das Kasseler Amtsgericht an der Frankfurter Straße. Sie beantragten die Insolvenz für den Fußball-Regionalligisten. Beim zweiten Besuch zwei Stunden später wurden sie begleitet von Dirk Lassen, ebenfalls Vorstandsmitglied, und Rechtsanwalt Albrecht Striegel, zugleich Aufsichtsratsmitglied der Löwen.

Um 13.30 Uhr, so wird es später in den Öffentlichen Bekanntmachungen stehen, wird „die vorläufige Verwaltung des Vermögens des Antragstellers angeordnet“. Als Insolvenzverwalterin wird Rechtsanwältin Jutta Rüdlin eingesetzt. „Sie wird sich zeitnah um die Bestandsaufnahme kümmern“, sagte Matthias Grund, Pressesprecher des Amtsgerichtes. Rüdlin betreute bereits 2014 die Abwicklung der insolventen Kasseler Eissporthallen-Betriebsgesellschaft (KEBG), die damals hinter den Kassel Huskies stand.

Es ist der vorläufige Schlussstrich unter die Finanzprobleme des KSV – aber noch längst nicht das Ende im Überlebenskampf. Der endgültige Entschluss für Insolvenzantrag, von unserer Zeitung im Vorfeld für diese Woche angekündigt, kam offenbar auch auf Druck derer zustande, die sich zukünftig an die Rettung des Patienten machen wollen. Sie hatten den Gremien ein Ultimatum bis zum Mittwoch gestellt.

Berge und Bettermann kamen dem um einen Tag zuvor – wohl auch, weil Vorschläge für die Auftsichtsratswahlen bis Dienstagabend eingereicht werden mussten. „Mit der jetzigen Gremiums-Mannschaft gab es keine Chance mehr, den Verein für Sponsoren interessant zu machen“, sagt Bettermann. Und weiter: „Der Druck von außen ist stärker geworden, der Schritt war schließlich unausweichlich.“ So hat dann auch Aufsichtsrats-Chef Matthias Hartmann seinen Rücktritt bereits erklärt. Finanzvorstand Dirk Lassen hatte diesen Schritt in den vergangenen Wochen ebenfalls mehrfach angedeutet, auch mit dem Rückzug von Wolfgang Linnenbrink ist zu rechnen.

Die Reaktionen

Das Team rückt zusammen

Tobias Damm

Er ist froh, endlich Klarheit zu haben. „Natürlich ist es eine Meldung, die nicht schön ist. Aber wir werden diese Situation jetzt annehmen und mit Leben füllen“, sagt KSV-Teammanager Steffen Friedrich. Am Dienstagmorgen informierte er die Mannschaft, die von ihm nun fortlaufendend über die aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten wird. Die ersten Reaktionen seien Fragen nach der Zukunft gewesen. „Bei mir hat aber noch niemand angerufen und um eine Vertragsauflösung gebeten“, ergänzt er. Die Situation werde die Mannschaft reifen lassen. „Wir werden die neun Punkte mit dem gleichen Engagement aufholen, das wir in der vergangenen Saison gezeigt haben“, kündigt er an.

Ex-Kapitän und Co-Trainer Tobias Damm spricht von einem „kleinen Schock“, der die Nachricht gewesen sei. „Wir Spieler können die wirtschaftliche Situation nicht beeinflussen.“ Doch auch Damm richtet den Blick nun nach vorn: „Wir wissen, dass es eine Mammutaufgabe wird, gerade wenn man sieht, welche Teams in der Liga mitspielen. Aber die Mannschaft rückt nun enger zusammen. Ab Montag werden wir alles Weitere im Team besprechen.“

Das Sportliche

Trainer Tobias Cramer ist optimistisch

Tobias Cramer

Aus sportlicher Sicht steht fest, dass die Mannschaft von Tobias Cramer in der kommenden Saison mit einem Abzug von neun Punkten starten muss. Der Trainer hatte zusammen mit Team-Manager Steffen Friedrich die Information über die Einreichung des Insolvenzantrages am Montag durch die Gremien erhalten. „Wir wissen jetzt, was Sache ist, und werden uns dementsprechend vorbereiten. Wer mich kennt, der weiß, dass ich den Kopf nicht in den Sand stecke“, sagte Cramer.

Vor dem Trainingsauftakt am kommenden Montag gehe der Trainer weiter davon aus, in der nächsten Saison mit seinem Team Regionalliga zu spielen. „Der Kader ist nahezu komplett besetzt. Angesichts des Punktabzuges fehlen uns vielleicht noch ein bis zwei gestandene Spieler, aber das ist dann abhängig von der Wirtschaftlichkeit und finanziellen Situation“, so Cramer.

Die mögliche Zukunft

Kommt das Duo Geselle/Rose?

Hat der KSV Hessen nach dem Insolvenzantrag eine Aussicht auf Rettung? Die Beantwortung dieser Frage wird vor allem an den Personen hängen, die nach der Mitgliederversammlung am 27. Juni im Kasseler Rathaus die Gremien Aufsichtsrat und Vorstand bilden. Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass ein Duo die Geschicke der Löwen leiten wird: Christian Geselle, der künftige Kasseler Oberbürgermeister, und Jens Rose, langjähriger Vorstandschef des KSV.

Jens Rose

Beide waren in den vergangenen Wochen hinter den Kulissen bereits aktiv bei der Suche nach Auswegen aus der Misere. Die Planspiele sehen vor, dass Geselle sich für den Aufsichtsrat zur Wahl stellt, umgeben von Mitstreitern. Albrecht Striegel, bereits jetzt Mitglied des Gremiums, könnte dann beispielsweise weiter dabei sein, ebenso Jens Lüdecke. Zudem soll ein prominenter früherer Sportler als Aushängeschild gefunden werden. Thorsten Bauer wird dafür aber wohl nicht zur Verfügung stehen. Der Rekordtorschütze des KSV, der den Verein an vielen Fronten unterstützt, hat Ämter stets mit der hohen beruflichen und privaten Belastung abgelehnt. Ein weiterer Kandidat könnte Ex-Kapitän Enrico Gaede sein.

Christian Geselle

Der Aufsichtsrat beruft bei den Löwen den Vorstand. Hier gilt Jens Rose als Geselles Wunschkandidat. Die Rückkehr des früheren Vorstandschefs, unter dessen Regie der Verein den Aufstieg in die Regionalliga geschafft hatte, würde in der Fanszene auf geteiltes Echo stoßen. Fakt ist aber: Mit ihm würde viel Herzblut in den Verein zurückkehren. Und: Der Gleisbau-Unternehmer hat auch in jüngster Vergangenheit stets finanzielle Unterstützung für die Löwen geleistet, ohne großes Aufheben darum zu machen.

Der Begriff Insolvenz

Plan und Punktabzug

Insolvenzen können Unternehmen treffen, Privatpersonen – oder eben auch Sportvereine, wie den KSV Hessen. Wie es mit ihm weitergeht hängt von den Gläubigern, dem Gericht und der Vermögenslage ab. Doch grundsätzlich gilt: Eine Insolvenz endet nicht automatisch damit, dass der Verein von der Bildfläche verschwindet.

Was genau versteht man unter einer Insolvenz?

Das Wort kommt vom lateinischen „solvere und bedeutet „lösen“. Wer insolvent ist, kann seine Verbindlichkeiten nicht mehr vollständig ablösen oder hat mehr Schulden als Vermögen – oder steht kurz davor. In diesen Fällen muss bei Gericht ein Insolvenzantrag gestellt werden. Das kann der Betroffene selbst tun aber auch ein Gläubiger, der auf seinen Forderungen sitzengeblieben ist.

Wo wird ein Insolvenzantrag gestellt und wie geht es dann weiter?

Der Insolvenzantrag muss bei dem Amtsgericht eingereicht werden, in dessen Bezirk der Schuldner seinen Gerichtsstand hat. Beim KSV ist das Kassel. Als nächstes sieht sich das Gericht die Unterlagen an und bestellt einen Insolvenzverwalter. Zudem muss geklärt werden, ob so viel Vermögen vorhanden ist oder hereinkommt, um das Verfahren durchziehen zu können – schließlich müssen Gerichtskosten und Insolvenzverwalter bezahlt werden.

Beim KSV gibt es möglicherweise eine Planinsolvenz. Hätte sie Vorteile?

Ja. Bei dieser Spielart des Insolvenzverfahrens wird ein Plan ausgearbeitet, wie man den Verein sanieren und damit erhalten kann. Die Vorschläge können auch als eine Art Gesamtpaket mit dem Insolvenantrag bei Gericht eingereicht werden. Die Mehrheit der Gläubiger muss diesem Plan zustimmen. Wenn sie das tut, kann der Verein einigermaßen selbstständig weitermachen. Ein weiterer Vorteil: Ein Verein, der in der Planinsolvenz steckt, kann sich seine Lizenz erhalten. Die Pleite wird nach den Statuten des Deutschen Fußballbundes in der Regel mit neun Punkten Abzug bestraft. Das traf in diesem Jahr zum Beispiel die Drittligisten VfR Aalen und FSV Frankfurt sowie Regionalligist Kickers Offenbach.

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