Dänischer Nationalspieler hat Herzstillstand

KSV-Teammanager Steffen Friedrich über Eriksen-Zusammenbruch: „Nicht getraut, da hinzuschauen“

Steffen Friedrich.
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In seinem Heimatort: Steffen Friedrich sitzt auf einer Mauer in Guxhagen bei einem Termin im vergangenen Jahr.

Steffen Friedrich sagt deutlich: „Ich habe mich nicht getraut, da hinzuschauen.“ Hinzuschauen, wie der dänische Fußballer Christian Eriksen am frühen Samstagabend im Stadion Parken in Kopenhagen minutenlang regungslos auf dem Boden lag.

Rettungssanitäter hatten sich um den 29-Jährigen versammelt, der auf dem Feld zusammengesackt war. Die Augen weit aufgerissen, ins Leere blickend. Herzdruckmassagen wurden vorgenommen. Lange war unklar, wie es Eriksen geht. Irgendwann kam dann die Nachricht, dass er bei Bewusstsein und stabil sei – in einem Krankenhaus in der Nähe. Die Partie wurde tatsächlich fortgesetzt.

Steffen Friedrich ist 27 Jahre alt, bestritt sein letztes Fußballspiel für den Regionalligisten KSV Hessen Kassel aber im Dezember 2015. Bei ihm wurden Herzrhythmusstörungen festgestellt. Auch er war auf dem Rasen zusammengesackt, einmal auch auf der Tribüne. Er musste mehrfach am Herzen operiert werden, ihm wurde ein Defibrillator eingesetzt. Er kennt Situationen wie die, die Eriksen am Samstag durchlebt hat. Mehrmals hat der Defibrillator ihm schon das Leben gerettet. Auch deshalb sagt er: „Ich hatte nicht das Bedürfnis, mir diese Bilder noch einmal anzuschauen.“

Als Eriksen im ersten EM-Gruppenspiel seiner Dänen gegen Finnland kurz vor der Pause zusammenbrach, befand sich Friedrich, der Teammanager des KSV Hessen ist, im Mannschaftsbus auf der Rückfahrt vom letzten Saisonspiel in Gießen (1:3). „Bei mir hat es fünf, sechs Minuten gedauert, bis ich es mitbekommen habe. Einige haben das Spiel auf ihren Handys geschaut. Die Stimmung wurde ganz komisch“, erzählt er. „Aus der Ferne würde ich sagen, dass es kardiologische Ursachen hat. Wir waren alle heilfroh, als wir die Bilder gesehen haben, wie er mit offenen Augen aus dem Stadion transportiert wurde“, sagt er.

Friedrich weiß: „Das Schlimmste hat er überstanden. Alles andere ist total nebensächlich. Es wird nun so viel folgen für ihn. Er ist ein Topspieler. Da geht man davon aus, dass er regelmäßig überprüft wird. Aber es gibt Sachen, die nicht erforscht sind. Wenn man sieht, dass so etwas einem Weltstar auf einer Bühne wie der EM passiert.“ Er sagt aber auch: „Der menschliche Körper kann so viel ab. Fast jeder kann zurückgeholt werden, wenn die Ausrüstung da ist. Alle Personen haben richtig gehandelt. Auf einem normalen Sportplatz wäre es aber sicher nicht so gut ausgegangen.“

Zur Fortsetzung des Spiels hat Friedrich eine klare Meinung: „Jetzt oder morgen – diese Wahl ist unmenschlich. Eine smarte Variante wäre gewesen, abzubrechen und die Partie mit 0:0 zu werten. Ich bin mir sicher, dass jeder Einzelne, der im Stadion war, eine schlaflose Nacht hatte. Wenn du so etwas siehst, dauert es, bis du das verarbeitet hast“, sagt Friedrich. „Die Spieler waren danach wie in Trance. Sicher hat jeder von ihnen nachher in der Kabine gesessen und sich gefragt, was dieser Mist soll.“

Am Samstag kursierte das Gerücht, Eriksen selbst habe aus dem Krankenhaus aufgefordert, dass es weitergeht. Friedrich sagt: „Wenn du gerade wiederbelebt wurdest, bist du nicht zurechnungsfähig. Dir wird Adrenalin gespritzt, du bist froh, dass du dein Leben hast. Diese Entscheidung spiegelt einfach wider, was der Fußball, die Verbände für eine Macht haben. Es geht ums Geschäft.“ (Maximilian Bülau)

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