„Wir wollten nicht verlieren“

Interview mit Rolf Fritzsche zum 80. Geburtstag

Rolf Fritzsche

Kassel. Gala Metzner war Weltmeister, und Holger Brück ist das Idol mehrerer Generationen. Zu den herausragenden Fußballern, die das Trikot des KSV Hessen getragen haben, zählt aber auch Rolf Fritzsche. Anlässlich seines heutigen 80. Geburtstages haben wir mit Fritzsche gesprochen.

Burjan, Fritzsche, Kuster, Jendrosch, Becker: Mit diesem Angriff ist der KSV Hessen 1964 als Favorit in die Aufstiegsrunde zur Bundesliga gestartet und schließlich an Hannover 96 gescheitert. Den Spielern wurde damals unterstellt, dass sie nicht aufsteigen wollten.

Rolf Fritzsche: Dummes Zeug. Natürlich wäre es reizvoll gewesen, in der Bundesliga zu spielen. Peter Jendrosch und Helmut Huttary sind dann ja auch gleich zum Karlsruher SC beziehungsweise zum VfB Stuttgart gegangen. Die wären bestimmt gern in Kassel die Stars geblieben.

Und es gab auch mit der Vereinsführung keinen Ärger?

Fritzsche: Wir Spieler wussten, dass unser Trainer Walter Müller trotz seiner erfolgreichen Arbeit nach der Saison abgelöst werden sollte. Das hat nicht jedem gefallen, aber deshalb haben wir nicht absichtlich verloren.

Ist es schmerzlich zu beobachten, in welchem Zustand sich der Klub derzeit befindet?

Fritzsche: Von den Leistungen der Mannschaft bin ich manchmal enttäuscht. Ich kritisiere aber nur ungern Spieler nachfolgender Generationen, denn ich weiß, dass auch wir früher manchmal ganz schönen Mist gespielt haben.

Lassen Sie uns erstmal einen großen Sprung zurück in das Jahr 1959 machen. Damals waren Sie 25 und DDR-Bürger. Was hat Sie angetrieben, die Flucht in den Westen zu riskieren?

Fritzsche: In der DDR war es üblich, talentierte Spieler zu bestimmten Klubs zu delegieren. Ich musste mich 1955 dem ASK Vorwärts Berlin anschließen. ASK steht für Armee-Sportklub.

Das hört sich nach prima Trainingsbedingungen an.

Fritzsche: Die hatten wir, und wir waren auch sehr erfolgreich. Aber ich wollte nicht mehr länger Soldat sein, obwohl wir Fußballer vom normalen Dienst fast immer befreit waren.

Und Sie hatten nicht die Erlaubnis, sich einem anderen Klub anzuschließen?

Fritzsche: Nein, also war ich arbeitslos. Arbeitslose wurden aber im Großraum Berlin auf DDR-Gebiet nicht geduldet. Da kam ein Angebot vom Westberliner Klub Tennis Borussia gerade recht. Die Mauer gab es damals noch nicht, sodass die Flucht gar nicht so spektakulär war.

Warum haben Sie nie für Tennis Borussia gespielt?

Fritzsche: Horst Aßmy, den ich ein paar Jahre später beim KSV Hessen wieder getroffen habe, und ich haben vom Fußball-Verband der DDR keine Freigabe bekommen und wurden gesperrt. Zudem wurde die politische Lage immer bedrohlicher. Ich habe mich sogar in Westberlin nicht mehr sicher gefühlt und schließlich ein Angebot vom FK Pirmasens angenommen, ehe nach nur einem Jahr in Pirmasens einige größere Klubs auf mich aufmerksam wurden.

Das Rennen hat schließlich der HSV gemacht.

Fritzsche: Ja, die Hamburger wollten mich unbedingt, weil sie dringend einen Nachfolger für Klaus Stürmer, der zum FC Zürich gewechselt war, gesucht haben. Und es war reizvoll zwischen Uwe Seeler und Charly Dörfel zu stürmen.

Trotzdem haben Sie Hamburg nach nur einem Jahr Richtung Kassel verlassen.

Fritzsche: Der HSV hatte sich für die Bundesliga qualifiziert, und die Mannschaft sollte zweimal täglich trainieren. Das wollte ich aus zwei Gründen nicht. Wegen einer Knieverletzung konnte ich nicht so oft trainieren, und zudem wollte ich mit 29 nicht ausschließlich auf Fußball setzen. In Hamburg hatte ich im kaufmännischen Bereich bei einer Brauerei gearbeitet. Diese Tätigkeit konnte ich in Kassel fortsetzen. Der Arbeitgeber hieß jetzt nicht mehr Holsten, sondern Herkules.

Wie kam der Wechsel zum KSV Hessen Kassel letztlich zustande?

Fritzsche: Den hat mein alter Kumpel Horst Aßmy, der damals schon eine Saison beim KSV Hessen hinter sich hatte, eingefädelt.

Nach Ihrer Fußballer-Karriere haben Sie sich mit Tennis, Skilaufen und Radfahren fit gehalten. Sind Sie auch mit 80 noch aktiv?

Fritzsche: Ich bin immer noch Skiläufer. Allerdings muss ich wegen einer Hüft- und einer Knieprothese vorsichtig fahren.

Von Gerd Brehm

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