"Die Leichtigkeit von 2016 fehlt"

Welthandballer Fritz: Darum tun sich die Deutschen bei der EM so schwer

Eine gute Mischung im deutschen Tor: Torhüter Andreas Wolff (rechts) umarmt Silvio Heinevetter. Foto: dpa

Kassel. Die deutsche Mannschaft braucht bei der Handball-EM ein kleines Wunder, um noch das Halbfinale zu erreichen. Der ehemalige Welthandballer Henning Fritz weiß, warum sich der Titelverteidiger so schwer tut.

Ein starkes Spiel gegen Dänemark - aber das deutsche Handball-Nationalteam muss bei der EM in Kroatien um den Einzug ins Halbfinale mächtig zittern. Umso mehr, als nun auch Angreifer Paul Drux ausfällt. Der Berliner erlitt beim 25:26 gegen die Dänen einen Meniskusriss und fällt aus. Für ihn soll Maximilian Janke in den Kader zurückkehren.

Wir haben vor dem letzten Hauptrundenspiel am Mittwoch ab 20.30 Uhr (ZDF) in Varazdin gegen Spanien mit Henning Fritz, Welthandballer von 2004 und Weltmeister von 2007, die Lage bei der Handball-EM analysiert.

Das deutsche Auftreten

Die Situation: Von fünf Spielen gewann der Titelverteidiger zwei. Gegen Dänemark gab es nach großem Kampf ein 25:26.

Henning Fritz sagt: „Das Abschneiden ist nicht so positiv, wie wir es erwartet haben. Wir sind aber immer noch weltspitze. Es ist eine andere Ausgangssituation, wenn du als Titelverteidiger anreist. Da hast du mehr Druck, und da hängt sich jeder Gegner besonders rein. Dem deutschen Team fehlen noch das Selbstverständnis und die Leichtigkeit von 2016. Gegen Dänemark waren Kleinigkeiten ausschlaggebend. Wir haben die Dänen phasenweise dominiert, Julius Kühn hat gegen den Olympiasieger zu seinem Spiel zurückgefunden.“

Die Angriffsleistung

Die Situation: In der Offensive offenbarte die DHB-Auswahl bislang einige Schwächen. Mit Ausnahme des ersten EM-Spiels gegen Montenegro schaffte es die deutsche Mannschaft nicht, mehr als 25 Tore zu werfen.

Fritz sagt: „In der Bundesliga mögen 25 Treffer zu wenig sein. Mit einem solchen Turnier ist dies aber nicht zu vergleichen. Fakt ist allerdings: Das Positionsspiel läuft bei der deutschen Mannschaft nicht so flüssig wie 2016. Unser Team wirft auch weniger Gegenstoß-Tore als beim Titelgewinn vor zwei Jahren. Dadurch fehlt den Jungs etwas Selbstvertrauen. Es ist zwar in den Vorbereitungsspielen gegen Island gut gelaufen, aber das waren nur Tests. Das ist genauso verlässlich wie in einer Glaskugel etwas zu lesen.“

Henning Fritz

Die Taktik

Die Situation: Bei dieser EM setzen viele Mannschaften auf den siebten Feldspieler - und nehmen bei Ballbesitz den Torwart heraus. Die Dänen taten dies in der entscheidenden Phase gegen Deutschland. Damit hatte der Europameister einige Probleme.

Fritz sagt: „Ich bin kein Freund von dieser Variante. Es ist okay, wenn man dieses Mittel mal in einer entscheidenden Phase des Spiels nutzt, aber nicht dauerhaft. Welchen Sinn machen denn da noch Zwei-Minuten-Strafen? Natürlich ist es für die verteidigende Mannschaft schwer, wenn sie einen Mann mehr hat. Ich frage mich allerdings: Warum gelingt es dem angreifenden Team nicht immer, bei dieser Überzahl ein Tor zu machen. In diesem Zusammenhang will ich auch mal eines klarstellen: Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Torwart ins gegnerische Tor trifft, wenn das Gehäuse leer ist. Auch wenn Torhüter dies mittlerweile trainieren, die Entfernung ist groß - etwa 30 Meter.“

Das Spanien-Spiel

Die Situation: Die deutsche Mannschaft hat es nicht mehr in der eigenen Hand. Einen Sieg über Spanien benötigt sie aber in jedem Fall, um weiterkommen zu können.

Fritz sagt: „Die Spanier sind gefährlich. Ich erwarte, dass die Deutschen eine richtige Mauer hinstellen werden. Kein Team hat eine bessere Abwehr, unsere Torhüter Andi Wolff und Silvio Heinevetter sind von der Mischung her mit das Beste, was es gibt. Wenn es ein Endspiel werden sollte, dann kann sich unser Team auf seine mentale Stärke verlassen.“

Der EM-Verlauf

Die Situation: Es gibt viele enge Duelle. Eine Übermannschaft hat sich bislang nicht herauskristallisiert.

Fritz sagt: „Vom Leistungsniveau sind die Teilnehmer eng beieinander. Das war früher nicht immer so. Da überragten Franzosen und Dänen. Bezeichnend für die Ausgeglichenheit ist die deutsche Gruppe, wo mich die Slowenen und Mazedonier überzeugt haben.“

Zur Person

Henning Fritz (43) spielte in der Handball-Bundesliga für Magdeburg, Kiel und die Rhein-Neckar Löwen. 235 Mal lief der Torwart für die deutsche Nationalmannschaft auf. Sein größter Erfolg: der WM-Titel 2007. Er war dabei, als die DHB-Auswahl vor 20 Jahren in Südtirol EM-Bronze gewann. „Das war ein tolles Erlebnis. Wir haben das sehr genossen“, sagt Fritz rückblickend, „von da an haben wir uns langsam Richtung Weltspitze entwickelt.“ Bei Sky fungiert er als Co-Kommentator. Fritz ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt in Östringen.

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