Eine Packung hat die Wirkung von drei Zigaretten

Kick fürs Gehirn: Immer mehr Sportler schwören auf Lutschtabak Snus

Snus, smokeless tobacco products pictured in Helsinki, Finland on January 29, 2016. LEHTIKUVA / VESA MOILANEN - FINLAND OUT. NO THIRD PARTY SALES. |
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Zum Chillen und Aufputschen geeignet: Dosen des Lutschtabaks Snus.

Fußballer wie Marco Reus und Handballer der MT Melsungen schwören auf Snus. Der Lutschtabak aus Schweden soll Flügel verleihen. Experten warnen jedoch vor den Gesundheitsgefahren.

Für Michael Allendorf ist es wie die Zigarette danach. Nach dem Training schiebt sich der Handballer des Bundesligisten MT Melsungen gern eine Packung Snus zwischen Oberlippe und Kiefer. "Das hilft beim Runterkommen und Entspannen", sagt der 31-Jährige. Der schwedische Oraltabak ist derzeit, das kann man sich nicht verkneifen, in aller Munde - allerdings nicht zum Chillen wie beim Melsunger Linksaußen Allendorf, sondern um sich aufzupushen.

Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln nennt Snus (ausgesprochen: Snüs) einen "Kick fürs Gehirn", weil eine Packung die Wirkung von drei Zigaretten hat. Und der Boulevard titelt: "Bundesligaprofi gesteht: Fußballer putschen sich mit Kautabak auf." Das ist erst einmal falsch, da Snus nicht zum Kauen ist. Der Tabak löst sich im Mund beim Lutschen auf. Damit er nicht so bitter schmeckt, ist er mit Wasser, Salz und Aromen angereichert.

In Schweden, wo der spezielle Oraltabak vor fast 100 Jahren erfunden wurde, greifen mehr Männer zu Snus (21 Prozent) als zur Zigarette (18 Prozent). Und auch hierzulande wird er immer populärer, obwohl er außer in Schweden europaweit verboten ist. Laut anonymen Quellen des Norddeutschen Rundfunks nutzt ein Viertel aller Profis in der Fußball-Bundesliga Snus. Zuletzt wurden Dortmunds Nationalspieler Marco Reus und Englands ehemaliger Fußballer des Jahres, James Vardy (Leicester City), mit entsprechenden Dosen gesehen.

Damit folgen die Kicker dem Trend aus anderen Mannschaftssportarten wie Handball und Eishockey. Allendorf weiß, dass einige Spieler der Kassel Huskies auf Snus schwören, und schätzt, dass 25 Prozent der Handballer den Tabak konsumieren. Für die ist es ein Vorteil, einen Kollegen aus Schweden im Team zu haben, der nach Reisen in die Heimat ein paar Packungen mitbringt.

Bei der MT Melsungen profitiert man von Torwart Johan Sjöstrand. Der 31-Jährige, der bereits für die Spitzenteams SG Flensburg-Handewitt, FC Barcelona und den THW Kiel zwischen den Pfosten stand, nutzt Snus seit 15 Jahren - und zwar "immer wenn ich Bock habe", wie er sagt, meistens vor und nach dem Spiel. Dass jetzt über die leistungssteigernde Wirkung gesprochen wird, versteht Sjöstrand nicht. Diesbezüglich bringe Snus nichts.

Gesund ist der Lutschtabak, dessen Name so niedlich und wohltuend wie Smoothie klingt, aber auch nicht. 28 krebserregende Stoffe sind in ihm enthalten. Der Stoff geht direkt ins Gehirn. Konsumenten fühlen sich laut Studien schnell körperlich und mental belastbarer. Aber sie können auch schnell abhängig werden. Zudem kann dauerhafter Konsum das Zahnfleisch schädigen. Auch deshalb hat die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada Snus auf die Bobachtungsliste gesetzt. Dort sind allerdings auch Stoffe wie Koffein notiert, ohne die ganz viele Nichtsportler keinen Arbeitstag überstehen würden. Sportwissenschaftler Froböse würde es trotzdem verbieten.

Bei der MT sieht man das gelassener. Schlussmann Sjöstrand hat wegen Snus noch keinen Ärger mit seinem Zahnarzt bekommen, wie er lachend sagt. Und sein Kollege Allendorf versichert, dass er ohne Probleme aufhören könnte: "Ohne Snus zittern uns nicht die Hände."

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