"Man hat einen Nachteil, wenn man die Dinger nicht trägt"

Fast alle Spitzenläufer tragen ihn: Ist dieser Laufschuh von Nike ein Wunder oder Doping?

Der Neil Armstrong des Laufens: Eliud Kipchoge rannte den Marathon am Samstag als erster Mensch unter zwei Stunden. An den Füßen hatte der Weltrekordler den „AlphaFly“ von Nike, der den Kenianer wie ein Katapult nach vorn getragen haben soll.
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Der Neil Armstrong des Laufens: Eliud Kipchoge rannte den Marathon am Samstag als erster Mensch unter zwei Stunden. An den Füßen hatte der Weltrekordler den „AlphaFly“ von Nike, der den Kenianer wie ein Katapult nach vorn getragen haben soll.

Dieser Laufschuh von Nike ist so ein Renner, dass ihn selbst Spitzenathleten von Adidas heimlich tragen. Angeblich katapultiert er Läufer nach vorn. Ist das schon Doping?

Als Jens Nerkamp Ende September mit 46 000 Läufern an der Startlinie des Berlin-Marathons stand, kam er sich unter den anderen Spitzenathleten sehr einsam vor. „Alle um mich herum trugen den grünen oder pinken Schuh von Nike“, sagt der 30-Jährige vom Laufteam Kassel, der in 2:14:54 Stunden bester Deutscher wurde – in einem Treter von Adidas und nicht im angeblichen Wunderschuh „Vaporfly Next%“ des US-Sportartikelherstellers.

Spätestens seit dem vorigen Samstag ist die neue Konstruktion von Nike das Gesprächsthema in der Laufszene. Da rannte Eliud Kipchoge in Wien den Marathon als erster Mensch unter zwei Stunden. An seinen Füßen hatte der Kenianer eine bislang streng geheime Weiterentwicklung des „Vaporfly Next%“. In Kipchoges „alphaFly“ sind drei Carbon-Platten und zwei runde Luftpolster eingebaut, die wie ein Katapult wirken sollen. Angeblich hat man bei jedem Schritt das Gefühl, bergab zu laufen.

Schon bei seinem ersten Versuch, die Zwei-Stunden-Barriere zu durchbrechen, half dem Ausnahme-Athleten 2017 die revolutionäre Technik. Die erste Version nannte Nike „Vaporfly 4%“ – angeblich weil der Schuh die Laufökonomie um vier Prozent verbessert.

Das klang nach genialem Marketing. Aber fünf der besten Marathonzeiten wurden zuletzt in dem Nike-Modell erzielt – auch der unglaubliche Weltrekord der Kenianerin Brigid Kosgei, die in Chicago die 16 Jahre alte Bestzeit um 81 Sekunden verbesserte. In Berlin hörte Nerkamp von einem Manager, dass man einen eklatanten Nachteil habe, „wenn man die Dinger nicht trägt“.

Selbst manche Athleten, die bei Adidas unter Vertrag stehen, nutzen die Nike-Schuhe heimlich. Sie sollen drei Streifen aufgemalt haben, damit nicht auffällt, dass sie fremdgehen. Allerdings hat das seinen Preis. Der „Vaporfly Next%“ kostet 275 Euro, soll aber schon nach etwa 250 Kilometern hinüber sein. Mit jedem Kilometer läuft man einen Euro runter.

Und dann ist der „AlphaFly“ so hässlich wie jene Ugly-Sneaker, die bei jungen Leuten Kult sind. An der Ferse ist die Sohle rekordverdächtige 51 Millimeter dick. Aber auch mit High-Tech wiegt der Nike-Schuh nur 185 Gramm.

Jürgen Thomas vom Kasseler Laufladen hat bislang zwei Paar „Vaporfly Next%“ verkauft. Trotzdem fragt der Experte: „Wann fängt technisches Doping an? Wann kann man die Schuhe mit den Carbon-Federn von Oscar Pistorius vergleichen?“ Mit seinen Prothesen verwickelte der beinamputierte 400-Meter-Läufer den Sport vor Jahren in eine Moraldebatte.

Auch Nerkamp ist hin- und hergerissen. Der Nordhesse, der noch einen Ausrüster sucht, würde den „Vaporfly Next%“ gern ausprobieren. Aber er hat auch von einem Spitzenläufer gehört, der sich im Wunderschuh einen Ermüdungsbruch zuzog: „Vielleicht ist die Muskulatur gar nicht für den Schuh ausgelegt.“ Womöglich kann ihn nur jemand wie Kipchoge tragen. Und der scheint nicht von dieser Welt zu sein.

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