Sie holte WM-Silber in London

Siebenkämpferin Carolin Schäfer: „Die Medaille macht mich ruhiger“

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Sichtlich gerührt: Leichtathletin Carolin Schäfer kämpft während der Siegerehrung bei der WM in London mit den Tränen.

Frankfurt. Siebenkämpferin Carolin Schäfer aus Bad Wildungen ist seit ihrem WM-Silber im August ein Shootingstar der Leichtathletik-Szene. Im HNA-Interview erzählt vom neuen Stress.

Einfach ist es nicht, einen Interviewtermin mit Carolin Schäfer zu bekommen. Seit ihrer Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft in London im vergangenen August hat die Siebenkämpferin ein straffes Medienprogramm zu absolvieren – speziell zum Jahresende. Und nebenbei steckt die Bad Wildungerin in der Vorbereitung auf die kommende Saison. Getroffen haben wir sie trotzdem. Kurz vor Weihnachten. Bei ihrem Lieblingsasiaten im Frankfurter Stadtteil Niederrad, nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt.

Die 26 Jahre alte Leichtathletin bestellt das Gericht Nummer 30. Wie immer. Sie sei mindestens einmal pro Woche hier, sagt sie: „Ich liebe asiatisches Essen.“ Bei gebratenem Gemüse in Kokosmilchsoße, dazu Ente und Reis blickt Schäfer zurück auf das Jahr 2017.

Frau Schäfer, kann es sein, dass Sie Terminstress haben?

Carolin Schäfer: Seit der WM ist es explodiert. Pressetermine ohne Ende. Irgendwann konnte ich mein Gesicht in der Zeitung und im Fernsehen nicht mehr sehen (lacht). Mit so einer hohen Aufmerksamkeit hatte ich nicht gerechnet. Das hat mich gerührt. Anfang November war ich im Trainingslager in Portugal, danach hab ich alle Presseanfragen erst mal nach hinten geschoben, um Ruhe zu haben, den Kopf freizubekommen und um mich um mein Kerngeschäft zu kümmern – den Sport.

Welche Frage haben Sie bei all den Interviews am häufigsten gehört?

Schäfer: Ob ich nach der Silbermedaille noch hungrig sei.

Und?

Schäfer: Mein Trainer Jürgen Sammert hat darauf mal so geantwortet: „Hallo, davor ist doch noch ein Platz frei.“ Ich persönlich glaube, dass das noch nicht alles war. Da sind Reserven. Ich weiß, wie das Gefühl ist. Ich will mehr.

Mal abgesehen von dem Stress: Was hat der WM-Erfolg bei Ihnen ausgelöst?

Schäfer: Innere Zufriedenheit. Die Medaille macht mich ruhiger. Ich wollte unbedingt dieses internationale Edelmetall. Wenn ich mir überlege, wie der Weg bis dahin verlief – krass. Wer hätte nach der WM in Peking vor zweieinhalb Jahren gedacht, dass ich überhaupt zurückkomme? Ich hatte stets einen inneren Drang, war getrieben, bei einer internationalen Meisterschaft Edelmetall zu gewinnen – die Silbermedaille hat mich geerdet.

Ehrenplatz: Die WM-Silbermedaille bewahrt Carolin Schäfer in einer Vitrine auf.

Inwiefern?

Schäfer: Nun ja, es ist zwar schön, in den Sportgeschichtsbüchern zu stehen. Aber was wirklich zählt, ist die Zeit neben dem Sport und nach der Karriere. Der Beruf und vor allem die Familie. Ich versuche, mindestens jede zweite Woche nach Mainz zu meinem Bruder und meinem Patenkind zu fahren. Jedes Mal, wenn ich die Kleine anschaue, weiß ich, worum es im Leben geht.

Benoten Sie bitte das Jahr.

Schäfer: Da ich noch Luft nach oben brauche, bekommt es eine 1. Gefühlt war es eine 1+. Mein ganzes Umfeld hat gepasst. Der Wohlfühlfaktor ist da. Kurzum: ein rundum glückliches und gelungenes Jahr.

Hat auch Ihr neuer Freund Jan Uder dazu beigetragen?

Schäfer: Natürlich. Er ist mein Partner und meine größte Stütze. Er stärkt mich und hält mir den Rücken frei. Und nebenbei: Er ist ehemaliger Weitspringer und konnte mir bereits gute Tipps geben, die auch in meinem Training Anwendung finden. Ich kann sagen: Auch privat verlief das Jahr rundum glücklich.

Gibt es Erinnerungen an den Wettkampf in London?

Schäfer: Nicht so viele. Ich hatte damals jede Disziplin im Hier und Jetzt erlebt. Die Erinnerungen kamen zuletzt meist bei Ehrungen oder Sportlerbällen, wenn kurze Videoclips von London eingespielt wurden. Da bekomme ich immer noch Gänsehaut.

Was bleibt also?

Schäfer: Ganz klar der 800-Meter-Lauf. Die letzten 50 Meter habe ich genossen – sonst sind die ja eher eine Qual. Ich dachte nur: Jetzt erreiche ich mein sportliches Lebensziel. Heute belohnst du dich für die harte Arbeit. Da lief ein Film in mir ab. Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen. Bereits vor dem Rennen hatte ich mit meinem Freund telefoniert und gesagt: „Wahnsinn, nachher laufe ich zwei Runden, dann habe ich die Medaille.“ Da hatte ich schon Tränen in den Augen.

Wann wussten Sie, dass Sie auf eine Medaille zusteuern?

Schäfer: Ehrlich gesagt schon nach dem Hochsprung, der zweiten Disziplin. Da wusste ich, wenn ich mich weiterhin nur auf meine Leistung konzentriere, hab ich das Ding. Die Konkurrenz hatte gepatzt oder musste verletzt aussteigen – und meine Stärke war ganz klar der Kopf.

Hatten Sie bislang Zeit zum Durchatmen und Abschalten?

Schäfer: Das geschieht bei meiner Familie in Bad Wildungen während der Feiertage. Über Neujahr fliege ich mit meinem Partner für vier Tage nach Malta. Da kann ich dieses tolle Jahr in Ruhe Revue passieren lassen.

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