HNA-Kolumne "Mensch läuft"

Wenn es nicht läuft - die Sache mit der Zeit

Zeit ist für Läufer in vielerlei Hinsicht relevant. Dass es dabei nicht immer nur um Bestzeiten gehen muss, schreibt unser Redakteur Jens Nähler in seiner Kolumne "Mensch läuft". 

Manchmal läuft es nicht. Jedenfalls nicht so, wie man es sich vorstellt. Diese Kolumne beispielsweise hätte bereits am Montag erscheinen sollen. Dann kam das Kilometerspiel dazwischen - und die Zeit für diese Rubrik lief davon. Zwei Tage Verzug also - doch es könnte schlimmer sein. Weil Zeit beim Laufen oder beim Schreiben darüber nicht immer das Wichtigste ist. Jedenfalls nicht die ständige Jagd nach der Bestzeit.

2007 zum Beispiel benötigte Greg Billingham für den London Marathon eine ganze Woche. Schneckentempo für einen guten Zweck: der 39-jährige Architekt sammelte für leukämiekranke Kinder. Seine Lauftechnik, für jeden einzelnen Schritt fünf bis sechs Sekunden zu benötigen, entwickelte er übrigens in einer Tretmühle und auf einem Feld, auf dem ihn keiner sehen konnte. Eine zeitlos starke Aktion, für die man unendlich viel Geduld braucht.

Die braucht auch ein Bekannter. Er hat einen Fersensporn - ein Leiden, das unter Läufern weit verbreitet ist. Und der Bursche leidet! Weil er Zeit zum Laufen hat, es aber der Schmerzen wegen seit Wochen nicht tun kann. Er muss sich die Zeit nehmen, diese Verletzung in aller Ruhe auszukurieren. Manchmal sind Pausen wichtiger als Laufkilometer. Alternativtraining ist angesagt: Er steigt aufs Rad. Irgendwie nicht dasselbe, diese Sache mit den Pedalen... Aber die Zeit heilt alle Wunden. Sie wird auch für ihn wieder kommen.

Ein Freund wiederum startet erst jetzt mit dem Laufsport. Das ist toll, denn es ist nie zu spät, damit anzufangen. Im Gegenteil: Es ist Zeit, einen Anfang zu wagen - statt eine Chance zu verpassen. Das wusste schon ein kluger Mann namens George Orwell, dem das Zitat zugeschrieben wird: "Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei." Oder, um es mit den Höhnern zu singen: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Egal wie. Egal, wie schnell. Egal, wie weit. 

Zeit ist ein ganz wesentlicher Aspekt des Trainings. Langstreckenläufer wissen das. Und doch nehmen sie sich nur selten die Zeit, auch wirklich langsam zu laufen. Womit gemeint ist: richtig langsam! Sollen einen doch die anderen Läufer überholen. Lasst sie davonziehen! Wer zuletzt lacht, hat die Nase vorn - der schnellere Zieleinlauf winkt am Ende dem, der sich am Anfang die Zeit genommen hat. Zeit ist eben relativ. Und am Ende läuft man sowieso nur gegen sich selbst.

Das sagte sich vielleicht auch der Japaner Shisō Kanaguri, der den bisher langsamsten Marathon aller Zeiten gelaufen ist. Der Mann ist eine Zeitmaschine! 1912 trat er bei den Olympischen Spielen in Stockholm an. Bei extremer Hitze legte er eine Pause ein und schlief darüber vor Erschöpfung ein - den Wettkampf konnte er nicht rechtzeitig beenden. Fast 55 Jahre später kehrte er zurück und setzte seinen Lauf an der Stelle fort, an der er 1912 abgebrochen hatte. Am Ende benötigte er für die volle Distanz 54 Jahre, acht Monate, sechs Tage, drei Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden. Ein Rekord für die Ewigkeit.

Zeit, zum Ende zu kommen. Das Schlusswort soll dem Slo-Mo-Marathonläufer Greg Billingham gehören. Der kommentierte seine Leistung stolz mit den schlichten Worten: "Even though I am last, there are a lot behind me."

Daraus spricht die Einsamkeit aber auch die Weisheit des (langsamen) Langstreckenläufers. 

Ich gehe heute trainieren, nehme mir die Zeit. Langsam. Weil es so läuft.

Über den Autor

"Mensch läuft" ist die Kolumne eines Läufers für andere Läufer – und solche, die es noch werden wollen. Jens Nähler (42) ist Online-Ressortleiter der HNA und erst mit 39 über eine Redaktionsstaffel beim Kassel Marathon zum Laufen gekommen. Mittlerweile trainiert er für seine vierte Teilnahme auf die volle Distanz in Kassel und bereitet sich auf seinen ersten 100-Kilometer-Ultralauf im Oktober vor.

Jeden Dienstag erzählt er auf HNA.de Schritt für Schritt, wie’s läuft – und betreut das Team „HNA Roadrunners“ im Kilometerspiel.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.