HNA-Kolumne "Mensch läuft"

Laufen im Winter: Wenn selbst der innere Schweinehund friert

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Wen die Kälte nicht schreckt: Ein unerschrockener Läufer beim Sibirischen Eismarathon in Omsk.

Schnee, Eis und Kälte - manch einer fühlt sich angesichts des Wintereinbruchs wie schockgefrostet. Warum sich Läufer trotzdem trainierend ins Freie wagen sollten, verrät Jens Nähler in seiner Kolumne "Mensch läuft".

Wir Läufer zittern. Bibbern. Es ist kalt draußen, eiskalt, Minusgrade. Da wärmen auch keine Gedanken daran, das einem beim Laufen schon irgendwann warm wird - im besten Fall. Selbst der innere Schweinehund friert, der ganz besonders. Doch eine Pause einlegen? Kommt nicht in Frage.

Sieger werden im Winter gemacht. Weiß jeder Läufer. Aber muss der gleich so kalt sein? Nicht wenige treibt der Frost jetzt in die vier heimischen Wände. Aus Läufern werden Couchpotatoes, schlimmer noch: Ofenkartoffeln! Vor dem wärmenden Feuer trinken sie heißen Ingwertee und jammern darüber, nicht trainieren zu können. Weil es zu glatt ist. Man kaum atmen kann. Es zu dunkel ist. Und sowieso: Im letzten Jahr war der Winter viel angenehmer. Jetzt heiße es wirklich: Hessisch-Sibirien. Wann nochmal werden Sieger gemacht?

Russische Weihnachten beim Eismarathon

Ganz anders in Russland. Im echten Sibirien kann man über die Temperaturen hierzulande nur schmunzeln. So wie die Starter bei einem der kältesten Rennen der Welt: dem Sibirischen Eismarathon in Omsk. In diesem Jahr wurde der Lauf, der immer am 7. Januar, dem Tag der Russischen Weihnacht, stattfindet, zum 25. Mal veranstaltet. Bei Temperaturen von deutlich unter minus 20 Grad.

Satte 494 Läufer aus elf Ländern wagten sich in diesem Jahr auf die 21,1 Kilometer lange Strecke. Bei den Frauen siegte Marina Kovalev in 1:22.33, bei den Männern Wassili Minajew in 1:08.32 Stunden. Sagenhaft. Und wo sich trainierte Spaßvögel hierzulande bei Marathonläufen in Feuerwehrmonturen oder sonstige Kostüme stürzen, lässt man in Russland eben kurzerhand die Kleidung weg. Andere Länder, andere Läufer, andere Sitten

Sibirischer Eismarathon in Omsk

Na klar: kein Ding für Jedermann. "Каждый сходит с ума по свойму." oder: "Jeder verliert den Verstand auf seine Weise."

Je kälter es draußen ist, desto größer ist die Gefahr von Gewebeschäden. Aber der Russe an sich ist ja ohnehin ein besonderes Völkchen und mit dem Deutschen an sich nicht zu vergleichen. Was wohl schon mit der Wahl des Getränkes nach einem Kältelauf beginnt (den viele hierzulande gar nicht erst beginnen, siehe eingangs). Nastrovje!

Zurück in die Heimat, und zugegeben: Der Winter kam überraschend. Schnee und Frost im Januar? Konnte ja keiner ahnen, der Klimawandel hat da ganz anderes vorhergesagt! Doch jetzt, wo er denn schon einmal da ist, der Winter, pfeift er uns nach draußen. Denn er ist ein eisiger Trainer, rauh und fordernd. Sommer? Kann schließlich jeder.

Eigentlich ist es ganz einfach. Denn es gibt kein schlechtes Wetter – nur schlechte Kleidung. Also muss es heißen: nichts wie rein in die richtigen Klamotten. Dabei handelt es sich übrigens nicht um die einstige Modesünde Jogginghose, die am 21. Januar in aller Welt - vermutlich abgesehen von Russland - mit einem eigenen Tag gewürdigt wird. Es ist vielmehr Funktionskleidung, die nach dem Zwiebelschalenprinzip vor Kälte und Nässe schützt und am Ende auch bei Minusgraden für wohlige Wärme im Laufe des Trainings sorgt. Versprochen.

Das Fazit muss also laufen: Winterschlaf war gestern. Kampf dem inneren Schweinehund! Wer jetzt die Laufschuhe schnürt, könnte im Herbst tatsächlich zum Sieger werden. Es sei denn, vermutlich, er tritt gegen diese eiskalten russischen Nackedeis an.

Wir sehen uns draußen!

Über den Autor

"Mensch läuft" ist die Kolumne eines Läufers für andere Läufer – und solche, die es noch werden wollen. Jens Nähler (42) ist Online-Ressortleiter der HNA und erst mit 39 über eine Redaktionsstaffel beim Kassel Marathon zum Laufen gekommen. Mittlerweile trainiert er für seine vierte Teilnahme auf die volle Distanz in Kassel und bereitet sich auf seinen ersten 100-Kilometer-Ultralauf im Oktober vor.

Jeden Dienstag erzählt er auf HNA.de Schritt für Schritt, wie’s läuft – und betreut das Team „HNA Roadrunners“ im Kilometerspiel.

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