Argentinier, Kasseler, Musiker – Diego Jascalevich über Maradona

„Mit seinen Füßen war er ein Magier“

Hier trauert ein Mann um Diego Maradona. Er reißt den Mund auf und hält etwas in der Hand.
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Trauer um eine Fußball-Legende: In Buenos Aires haben sich nach dem Tod von Diego Maradona viele Fans auf den großen Plätzen der Stadt versammelt.

Auch zwei Tage später herrscht in der Fußball-Welt Trauer. Diego Armando Maradona und sein Heimatland Argentinien – das war stets ein Auf und Ab zwischen Euphorie und Enttäuschung.

Kassel - Fiel er auf dem Feld durch spektakuläre, unvergessliche Szenen auf, sorgte er abseits dessen für negative Schlagzeilen. Doch Maradona liebte sein Land – und sein Land liebt ihn. Sein Leichnam wurde gestern zur Verabschiedung in den Präsidentenpalast nach Buenos Aires gebracht. Wie haben die Argentinier auf seinen Tod reagiert? Wir haben mit einem in Kassel lebenden Argentinier gesprochen. Der Musiker Diego Jascalevich erinnert sich.

Herr Jascalevich, was verbinden Sie mit Maradona?
Einiges. Ich bin 55 Jahre alt, also war Maradona nur fünf Jahre älter als ich. Man hat mich in meiner Kindheit oft mit ihm verwechselt. Ich sah ihm wohl vom Gesicht her sehr ähnlich. Früher hatte ich natürlich noch Haare (lacht). Maradona war ein Phänomen. Er hat uns allen unglaubliche und unvergessliche Momente geschenkt. Für mich als Kind war er ein Held. Vor allem, weil er aus sehr armen Verhältnissen stammt. Das hat alle so fasziniert: Er hat mit seinem fußballerischen Talent etwas aus sich gemacht. Dieser soziale Aspekt hat immer eine große Rolle gespielt. Es gab da zum Beispiel auch den sehr guten Tennisspieler Guillermo Vilas bei uns. Vilas hat aber nie so viel Aufmerksamkeit geschenkt bekommen, weil er nicht wie Maradona aus ärmlichen Verhältnissen kam.
Was bedeutet Maradona für das Land?
Maradona hat uns viel Freude gegeben. Mit seinen Füßen war er ein Magier. Maradona hatte so viel Talent. Er hat einfach alle Bälle so reingemacht, wie wir es wollten. Glauben Sie mir, nach ihm werden nicht mehr viele kommen, die sind, wie er es war. Er hat den Stil verändert. Damit meine ich, dass er die Tore so harmonisch und kunstvoll erzielt hat. Das kann nicht jeder, vielleicht konnte das nur er. Es war einfach toll, ihm dabei zuzusehen. Nach seiner Karriere hat das alles eine andere Ebene angenommen. Es war ein bisschen zu wild, was er da getrieben hat. Dennoch war er nach wie vor für das Volk erreichbar. Man hat sich als seinen Kumpel identifiziert.
Haben ihm die Argentinier seine negativen Schlagzeilen verziehen?
Es kursierten schon viele Gerüchte um Drogen und Alkohol. Das zu hören, war für uns alle traurig. Dennoch hatten wir alle nach wie vor Respekt vor ihm, weil er ein Sportler war. Neben Musikern und Politikern sind Sportler die wichtigsten Personen für unser Land. Und er hat dazu gehört. Es waren viele meiner Landsleute böse auf ihn. Ich aber nicht.
Warum nicht?
Mich haben die Schlagzeilen eher traurig gemacht, weil sein Leben danach vorbei war. In Argentinien nehmen viele Menschen Drogen. Man kann sie an jeder Ecke für ganz wenig Geld kaufen. Weil er als unser Fußballer so bekannt und göttlich war, wurden seine Probleme meiner Meinung nach noch größer und unverzeihlich. Viele haben ihm während der Spiele zugeschaut und gehofft, dass er solche Probleme ausgleichen kann. Er fiel dann aber negativ auf. Maradona war ein Teufel, aber immer auch der großartige Sportler.
Warum wurde er in Argentinien mit Gott verglichen?
Viele Leute brauchen einen Gott, die Verbindung mit ihm. Und das war für einige eben Maradona. Er war übermenschlich, spontan, intuitiv – vielleicht so wie Gott. Seine Kunststücke vor dem Tor und seine Inspiration allgemein haben uns begeistert.
Wie wird die Verabschiedung aussehen?
Das ist eine sehr gute, aber auch sehr schwierige Frage. So viele Menschen konnten sich nicht von ihren verstorbenen Verwandten wegen Corona verabschieden, und jetzt wollen alle Maradona Lebewohl sagen, weil er unser Idol ist. Ich denke, dass trotz Corona viele auf dem Plaza de Mayo in Buenos Aires sein und trauern werden.
Wie werden die Argentinier „ihren“ Maradona in Erinnerung behalten?
Er wird für immer in unseren Herzen bleiben. Für mich wird er so in Erinnerung bleiben, als ob ich ihn persönlich kennengelernt hätte. Maradona bleibt für uns durch sein Werk am Leben. Er war nicht nur ein Fußballer, er war jemand, der die Wahrheit gesagt hat. Damit hat er viele fasziniert, viele aber auch nicht. Für mich persönlich wird er immer gut in Erinnerung bleiben. Maradona ist schließlich mein großes Idol. Und das wird er auch immer sein.

Zur Person

Diego Jascalevich (55) wurde in Argentinien geboren. Der Berufsmusiker und Musiklehrer ist 1996 nach Deutschland gekommen. Er spielt Charango (Zupfinstrument). In seiner Jugend hat Jascalevich Fußball gespielt, doch nach einem Bruch des Fußgelenks hat er sich ganz auf die Musik konzentriert. Er lebt in Kassel. (Cora Zinn)

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