Meister ist auf der Suche nach neuer Teamhierarchie

Blick auf Kiel: Der THW ist vom Gejagten zum Jäger mutiert

Eigengewächs und Hoffnungsträger: Der Kieler Linksaußen Rune Dahmke (22), hier gegen die Pariser Samuel Honrubia (links) und Henrik Möllgaard Jensen, spielt sich in dieser Saison in den Vordergrund. Archivfoto:  dpa

Kiel/Melsungen. Tabellen lügen nicht. Und offenbaren im Fall der Handball-Bundesliga durchaus Erstaunliches.

Der THW Kiel, seit 2012 ununterbrochen Deutscher Meister, hat die MT Melsungen zu Gast (heute, 20.15 Uhr, Sparkassen-Arena, live bei sport1) - zum Verfolgerduell! Die Übermannschaft, die in der Saison 2011/2012 keinen einzigen Punkt abgab, ist vom Gejagten zum Jäger mutiert. Auch die sechs Minuspunkte nach 13 Spieltagen - so viele wie seit Jahren nicht mehr - sind ein klares Indiz dafür, dass es beim dreifachen Champions-League-Sieger in dieser Saison (noch) nicht so ganz rund läuft. Das hat durchaus seine Gründe:

1. Die Wechselbilanz: Insbesondere der kurzfristige Abschied von Filip Jicha, seit 2007 beim THW, hat der Mannschaft so richtig weh getan. Mit dem Tschechen ging nicht nur ein absoluter Leistungsträger in Abwehr und Angriff, sondern auch der Anführer der Zebras höchstpersönlich, die personalisierte Erfolgsgarantie. Ein neuer Chef ist immer noch nicht in Sicht und damit die notwendige Hierarchie im Team weiterhin in Mitleidenschaft gezogen.

2. Der ausgedünnte Rückraum: Mit Jicha ging (wie geplant) auch Aron Palmarsson und damit blieben Trainer Alfred Gislason nur noch vier statt sieben Rückraumspieler, wovon sich Joan Canellas und Marko Vujin mit einer kleinen Formkrise herumschlugen. Erlend Mamelund ist nur eine Alternative für die Abwehr und der junge Dissinger ein Mann für die Zukunft, selbst wenn der Hüne aus Nettelstedt sein Potenzial durchaus schon anzudeuten wusste. Von den ehemals vier Spielmachern ist nur Domagoj Duvnjak übrig geblieben, der fast immer durchspielen muss.

3. Verletzungspech: Insbesondere der verletzungsbedingte Ausfall von Patrick Wiencek war für die Nordlichter ein Schlag ins Kontor, denn damit wurde der überragende Abwehr-Mittelblock mit René Toft Hansen gesprengt. Der dänische Kapitän wiederum war plötzlich der einzige Kreisläufer und dieser Doppelrolle nicht immer gewachsen. Auch deshalb wurde Igor Anic nachverpflichtet.

4. Landins Anlaufzeit: Der Königswechsel schien in den ersten Spielen zum kapitalen Fehlgriff zu verkommen. Denn Neuzugang Niklas Landin kam zunächst nicht auf Touren, war von seiner Form, die ihn bei den Rhein-Neckar Löwen das Tor phasenweise zunageln ließ, weit entfernt. Doch derlei Anlaufprobleme hatten ihre Gründe. Wegen einer Schambeinentzündung verpasse der Däne fast die gesamte Vorbereitung, hat aber mittlerweile seinen Trainingsrückstand aufgeholt - und ist nun in Kiel angekommen.

5. Das Selbstverständnis: Es gab Zeiten, da hielten sich die Kieler für unschlagbar - und waren es auch. Der FC Bayern des Handballs. Von derlei Selbstverständnis ist die neue Mannschaft aber noch weit entfernt. Besonders an der 21:29-Niederlage in Göppingen hatten die Zebras zu knabbern. Und wurden prompt von den Rhein-Neckar Löwen erneut kalt erwischt. Mittlerweile haben vier Siege in Folge (u.a. in Berlin und Wetzlar) für neues Selbstvertrauen gesorgt, das die Unsicherheit etwas vertrieben hat.

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