Niederlage der deutschen Handballer

MT-Trainer Michael Roth über das WM-Aus: „Ein riesiger Rückschlag“

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Melsungen. Auch für Michael Roth war das Ausscheiden der deutschen Handballer im WM-Achtelfinale gegen Katar (20:21) eine ganz böse Überraschung - der MT-Trainer im Interview.

Herr Roth, wo hat Sie der Schock aus Paris getroffen? 

Michael Roth: Auf der Heimfahrt vom Trainingslager. Ich bin vor der Wohnung im Auto geblieben und habe die Schlussphase auf dem iPad verfolgt.

Was waren die Gründe für das jähe Aus? 

Roth: Das ist allein eine mentale Geschichte. Die Jungs waren nicht fokussiert, haben Katar nicht ernst genommen - so wie wir bei der MT im ersten Bundesligaspiel damals Coburg. Die Jungs waren in Gedanken schon beim nächsten Spiel oder gar schon bei einem Halbfinal-Showdown gegen Frankreich. Und wenn wir ehrlich sind, waren wir das doch alle.

Wie meinen Sie das? 

Roth: Na, das Team hatte einen guten Lauf, eine gute Auslosung und somit tolle Perspektiven. Was soll da schon schiefgehen bis zum Halbfinale? Das haben wir doch alle gedacht, und auch bei der MT hatten wir schon ein Public Viewing fürs Viertelfinale geplant. Gegen Katar dann führst du früh und später 17:13, alles läuft, und dann läuft plötzlich nichts mehr. Gar nichts. Die Jungs bekommen Angst vor der Blamage, vor dem Aus, und es gab kein Entrinnen mehr aus diesem Teufelskreis.

Gab es auch Fehler von Bundestrainer Sigurdsson? 

Roth:  Das ist schwer zu beurteilen von außen, ich weiß ja um den Stress eines Trainers in solchen Situationen. Und Sigurdsson hat uns in den letzten Jahren ja weit vorangebracht. Nun aber bleibt unverständlich, warum er am Ende keine Auszeit mehr genommen hat, um das Team zu ordnen, Ruhe reinzubringen und in die Verlängerung zu kommen. So etwas hat er zuvor meist richtig gemacht.

Vorher wäre es eine Überlegung gewesen, Capote, den gefährlichsten Mann der Kataris, mit einer Abwehrvariante aus dem Spiel zu nehmen.

Ein anderes Thema sind die Personalwechsel während des Turniers - ohne jede Not. Ich bin kein Freund davon, denn sie haben Unruhe gebracht.

Die totale Leere: Torwart Andreas Wolff starrt nach dem Aus unters Hallendach.

Welche Bedeutung hat das frühe Aus? 

Roth: Die WM ist ein riesiger Rückschlag für den Handball, der schwer zu verarbeiten sein wird. Unser Sport wird rasch aus den Medien, aus der Öffentlichkeit verschwinden - obwohl die WM noch bis zu Sonntag dauert. Erst das Theater um fehlende TV-Übertragungen, jetzt auch noch der K.o. Es wird nun nicht über glanzvolle Erfolge berichtet und Begeisterung, sondern über Patzer und Pannen und Personal diskutiert.

Wegen des Abschiedes von Sigurdsson nach Japan? 

Roth: Ja. Dass er jetzt geht ist fatal. Da verlieren wir ein Zugpferd. Und es ist unprofessionell, dass noch kein Nachfolger verpflichtet ist und offenbar mit Bob Hanning eine einzelne Person darüber entscheidet. Diese Personaldiskussion ist ohnehin schon vertrackt und bekommt jetzt auch noch unnötig Druck. Diese Entscheidung muss absolute Priorität haben.

Wer ist denn Ihr Favorit auf den Bundestrainer-Posten, Markus Baur oder Christian Prokop? 

Roth: Mein Favorit gehört leider nicht einmal zum Kandidatenkreis: Martin Schwalb. Er hat die Champions League gewonnen, die deutsche Meisterschaft und viel mehr Erfahrung als Bundesliga-Trainer. Er weiß, wie der Hase läuft, ist sofort verfügbar und kostet keine Ablöse.

Nun weiß man, dass „Schwalbe“ ein alter Kumpel von Ihnen ist. Haben Sie denn selbst keine Ambitionen? 

Roth: Es gibt wohl keinen Coach, der nicht gern Bundestrainer wäre. Aber ich bin nie gefragt worden, meine Lobby ist wohl nicht stark genug.

Müssen wir auch Sorge haben ums Nationalteam? 

Roth: Nein, da gibt es keinen Anlass für Panik. Das ist eine junge Truppe mit Zukunft. Weitere Talente drängen nach. Und ein solcher Schock kann auch sehr lehrreich sein. Hoffentlich.

Zur Person

Michael Roth (54) trainiert seit 2010 den Bundesligisten MT Melsungen. Zuvor war der deutsche Nationalspieler und Olympiazweite von 1984 Coach in Wetzlar, Großwallstadt und Kronau/Östringen. Roth ist geschieden, hat zwei Kinder und ist liiert.

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