1. Startseite
  2. Sport
  3. MT Melsungen

Dänischer Ex-Handballer Klitgaard über Eriksen-Drama:„Einige hatten Tränen in den Augen“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Björn Mahr

Kommentare

Ein Bild, das um die Welt ging: Die dänischen Nationalspieler schirmen ihren Teamkollegen Christian Eriksen ab, der auf dem Platz zusammengebrochen war.
Ein Bild, das um die Welt ging: Die dänischen Nationalspieler schirmen ihren Teamkollegen Christian Eriksen ab, der auf dem Platz zusammengebrochen war. ©  Friedemann Vogel/afp

Wir haben mit einem Dänen über die dramatischen Ereignisse vom 12. Juni gesprochen: Thomas Klitgaard, ein früherer Handball-Spieler des Bundesligisten MT Melsungen, zitterte damals wie viele Landsleute mit Eriksen.

Es waren Schreckminuten, als der dänische Profi Christian Eriksen bei der Fußball-EM im Sommer kurz vor Ende der ersten Halbzeit im Spiel gegen Finnland plötzlich auf dem Spielfeld ohne Einwirkung eines Gegenspielers zusammengebrochen war. Auf dem Rasen der Arena in Kopenhagen musste der 29-Jährige wiederbelebt werden. Nach einer Zeit des Bangens und Hoffens konnte Eriksen in ein nahe gelegenes Krankenhaus transportiert werden.Als der europäische Verband Uefa die Information bekam, dass der Zustand des Nationalspielers stabil sei, wurde die Partie fortgesetzt.

Herr Klitgaard, wissen Sie, was heute vor genau 200 Tagen in Kopenhagen passierte?

Wenn Sie so fragen, dann geht es bestimmt um den Unfall des dänischen Fußballers Christian Eriksen bei der EM.

Thomas Klitgaard
Thomas Klitgaard © IMAGO/CHRISTIAN Schroedter

Ja, genau. Wie haben Sie den Abend damals erlebt?

Ich war mit zehn Freunden unterwegs. Wir treffen uns zweimal pro Jahr. Erst haben wir an dem Tag Paddle-Tennis gespielt, dann sind wir noch in ein Restaurant gegangen. Dort wollten wir auch das Spiel schauen. Gerade, als wir unser Essen bekommen haben, geschah das mit Eriksen. Im Lokal hat es nicht nur uns die Sprache verschlagen. Ich habe andere Gäste gesehen, die Tränen in den Augen hatten. Viele von uns haben Kinder. Wir haben sofort zu Hause angerufen und versucht, sie zu beruhigen.

Können Sie uns erklären, welchen Stellenwert Christian Eriksen für den dänischen Fußball hat?

Bis zu dieser EM war er unser einziger echter Star. Über viele Jahre hat er Top-Leistungen gezeigt. Wenn Kinder ein Trikot eines dänischen Fußballers hatten, dann war es das von Eriksen.

Ihre auch?

Das ist kurios. Sie haben die Trikots erst nach diesem Tag bekommen.

Welche Bilder sind Ihnen von diesem Abend am meisten in Erinnerung geblieben?

Natürlich die Szenen, als ihm der Arzt wieder und wieder auf die Brust gedrückt hat. Da hast du ja gewusst, hier ist etwas Schlimmes geschehen. Dann kam die lange Zeit des Wartens. Mal hieß es, er sei auf dem Weg ins Krankenhaus und es ginge ihm besser. Mal kamen Nachrichten, Eriksens Zustand sei immer noch besorgniserregend. Für mich war es ein Schock, dass das Spiel noch fortgesetzt wurde.

Wie stolz sind Sie darauf, wie sich Ihre Landsleute in diesem schwierigen Moment verhalten haben?

Es ist doch ganz normal, dass man sich ruhig verhält. Ich habe Freunde, die im Stadion waren. Dort standen alle unter Schock. Ich weiß, dass Kinder an diesem Abend große Angst verspürt haben. Ich muss aber auch sagen, dass Eriksens Mitspieler Simon Kjaer die Situation schnell erfasst hat. Er hat einen sehr guten Job gemacht, als er die anderen Spieler zu sich holte, sie einen Kreis um Eriksen bildeten und damit die Blicke auf den am Boden um sein Leben kämpfenden Eriksen versperrten.

Es ist jetzt die Zeit der Jahresrückblicke. Wird in diesen Tagen in Dänemark noch oft daran erinnert?

Selbstverständlich. Aber es wird auch auf den weiteren Turnierverlauf geschaut. Denn die Mannschaft ist ja unter diesem schlimmen Eindruck noch bis ins Halbfinale gekommen. Es gibt jetzt noch viel Lob für den dänischen Trainer Kasper Hjulmand. Vor der Europameisterschaft war unsere Fußball-Nationalmannschaft kein Team, mit dem sich jeder Däne identifizieren konnte. Jetzt tritt sie sehr offen auf. Sie genießt große Sympathien und hat sich wirklich in die Herzen der Dänen gespielt.

Christian Eriksen
Christian Eriksen © Tim Goode/dpa

Sie sind Manager eines dänischen Handball-Erstligisten. Was haben die Sport-Vereine in Ihrer Heimat aus diesem Abend gelernt?

Schon vorher kam zweimal pro Jahr ein Arzt zu uns und hat unseren Spielern erklärt, was in einem solchen Fall zu tun ist, wenn es um das Leben eines anderen geht. Dieser Abend hat uns darin noch einmal bestätigt, dass es eine gute Sache ist.

Christian Eriksen steht vor seinem Comeback. Wie bewerten Sie seine Entscheidung?

Ich hoffe, dass es bei ihm klappt. Beim Niederländer Daley Blind, der mittlerweile mit einem Defibrillator wieder spielen kann, hat es schon funktioniert. Zu hundert Prozent bin ich mir aber nicht sicher, dass es gelingt. Eriksen trainiert jetzt bei seinem alten Klub. Wir Dänen drücken ihm fest die Daumen, dass er wieder spielen kann.

Von Björn Mahr

ZUR PERSON

Thomas Klitgaard (44) ist als Sportlicher Leiter beim dänischen Handball-Erstligisten Skjern Handbold tätig. Für diesen Verein spielte der Mann aus Aalborg auch über viele Jahre am Kreis. In Deutschland machte sich Klitgaard einen Namen als Profi des Bundesligisten MT Melsungen, für den er von 2007 bis 2010 im Einsatz war. Er bestritt ein Länderspiel für die dänische Nationalmannschaft. Klitgaard ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Auch interessant

Kommentare