Drei Trainer und eine Achterbahnfahrt

Die Unvollendete - ein Rückblick auf die Saison des Handball-Bundesligisten MT Melsungen

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Welch ein Blick: MT-Torjäger Julius Kühn schaut nach einem Wurf dem Ball hinterher. 

Wegen der Coronakrise ist die Handball-Saison bereits vorbei. Acht Spiele hätte die MT Melsungen allein in der Bundesliga noch zu absolvieren gehabt. Wir versuchen trotzdem, Bilanz zu ziehen.

So viel ist sicher. Die gerade erst abgebrochene Spielzeit in der Handball-Bundesliga wird als Corona-Saison in Erinnerung bleiben. Oder auch als die Unvollendete. Dieser, der klassischen Musik entliehene Begriff trifft insbesondere auf die MT Melsungen zu. In der Liga roch es nach einer Aufholjagd, im Europapokal war noch alles möglich, und nicht zu vergessen: Die Nordhessen hätten beim Final Four in Hamburg um den DHB-Pokal gespielt.

Ihren Humor haben die Profis dennoch nicht verloren. Neuzugang Stefan Salger, der mit seinen vorherigen Klubs meist gegen den Abstieg spielte, kommentiert den Saison-Abbruch zum Beispiel mit diesen Worten: „Ich habe noch nie so früh den Klassenerhalt geschafft.“ Routinier Michael Allendorf beschreibt die zurückliegenden Monate hingegen so: „Für den Kopf war es eine der anstrengendsten Saisons in meiner Karriere.“

Dabei denkt der Linksaußen auch an die Achterbahnfahrt der Mannschaft. Die Höhen, die Tiefen. Dass im Verlauf dieser Saison drei verschiedene Trainer auf der Bank saßen, verdeutlicht, dass nicht alles rund lief. Was von der Saison übrig bleibt:

Höhepunkte

3. Dezember 2019. Pokal-Viertelfinale in der Kasseler Rothenbach-Halle. Melsungen gegen die Füchse. „Wir hatten viel Druck“, erinnert sich Kapitän Finn Lemke. Zumal er und sein Team nur fünf Tage zuvor in Berlin ein wichtiges Bundesliga-Spiel verloren hatten. Lemke: „Mit dem Sieg ist eine große Last abgefallen.“ 33:30 gewannen die Nordhessen und schafften zum vierten Mal in der Vereinsgeschichte den Einzug ins Final Four, das aber erst in der nächsten Spielzeit ausgetragen werden kann.

Mindestens genauso umjubelt war der 31:26-Derbysieg im vergangenen Oktober in Wetzlar. 11:17 hatten die Nordhessen bereits zurückgelegen, ehe sie noch die Wende schafften.

Tiefpunkte

Rückschläge gab es genug. Enttäuschungen. Kurz vor Weihnachten etwa, als die Melsunger in Stuttgart kein Land sahen. Die meisten Auswärtsfahrten im EHF-Cup verliefen ebenfalls unter dem Motto: Wären wir doch daheim geblieben. Die größte Blamage ereignete sich allerdings am vierten Spieltag in Balingen. Sonntag, 8. September. Die Gäste aus Nordhessen gingen 23:36 unter. Dieser Auftritt dürfte als die Mutter aller Tiefpunkte in die MT-Geschichte eingehen. Danach entstand Unruhe rund um den Klub, und Trainer Heiko Grimm bekam erstmals heftige Kritik zu spüren.

Leckerbissen

An sehenswerten Toren hat es nicht gemangelt. Wie beispielsweise Marino Maric im Europacup-Heimspiel gegen Oppeln per No-Look-Pass das 11:5 von Lemke vorbereitete, verdiente kräftigen Beifall. Im EHF-Cup bewies auch Julius Kühn ein feines Händchen, als er vor der Pause gegen Bjerringbro-Silkeborg einen Freiwurf direkt zum 18:14 verwandelte. Doch der spektakulärste Treffer ging auf das Konto von Kai Häfner. So scharf wie der Neuzugang im Pokal gegen Berlin 90 Sekunden vor Ende aus der Hüfte zum 32:29 schoss, hätte es wohl kaum ein Western-Held besser hinbekommen.

Trainer

Es gehört zu den netten Anekdoten, dass Felix Danner ein Spiel als Trainer aushalf und gewann. Am 27. Februar war das beim 28:25 gegen den Bergischen HC. Zwei Tage zuvor war Grimm entlassen worden. Und nur einen Tag nach Danners Premierensieg stellte der Verein den neuen Trainer Gudmundur Gudmundsson vor.

Diese Woche wird als eine der aufregendsten in die MT-Geschichte eingehen. Zumal der Zeitpunkt von Grimms Beurlaubung etwas überraschte. Da hätte es während der Saison wahrlich günstigere Momente gegeben. Es hatte halt einfach nicht gepasst. So ist das manchmal. Nun hat ein Isländer das Sagen. Nach gerade einmal drei Spielen unter seiner Regie lässt sich noch nicht viel über Gudmundsson sagen. Allendorf ist sich aber sicher: „Wir haben jetzt einen Trainer, der dank seiner großen Erfahrung unser wahres Potenzial freilegen kann.“

MT-Saison in Zahlen

3 Tage lagen zwischen der Entlassung von Trainer Heiko Grimm und der Vorstellung des Nachfolgers Gudmundur Gudmundsson. Mittendrin half Felix Danner aus.

6 Mal war die Kasseler Rothenbach-Halle mit 4300 Zuschauern ausverkauft. Die Rede ist von Heimspielen in der Bundesliga. 13 gab es davon insgesamt – und im Schnitt kamen 4056 Fans.

31 Treffer sind eine starke Torausbeute. Die Melsunger gewannen im Herbst 2019 fünf Liga-Spiele in Folge und waren dabei immer exakt 31-mal erfolgreich.

125 Tore warf Kai Häfner in 25 Liga-Spielen für die MT. Er war damit der erfolgreichste MT-Werfer.

233 Bälle parierte Torwart Nebojsa Simic. Damit hatte er in der Liga die drittmeisten Paraden.

5650 Kilometer legte die MT mit Flugreisen nach Athen, Silkeborg und Lissabon im EHF-Cup zurück.

MT-Stimmen zur Saison

Marino Maric (MT-Kreisläufer): „Wir hatten viele verschiedene Phasen. Uns hat die Konstanz gefehlt. Balingen wird uns nun immer eine Warnung sein.“ 

Stefan Salger (Melsunger Neuzugang aus Ludwigshafen): „Eine spannende Saison. Mir bleiben vor allem meine ersten internationalen Spiele in positiver Erinnerung. Ich habe mir viel von meinen Kollegen abschauen können.“ 

Finn Lemke (Kapitän): „Es schmerzt, dass die Serie so abrupt zu Ende ging. Denn gerade in dieser Phase hatten wir mit unserem neuen Trainer viel Schwung aufgenommen. Deshalb tut der Saisonabbruch mehr weh als eine 13-Tore-Niederlage in Balingen."

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