Er weiß, wie er das Team packen muss

Handball-Bundestrainer Alfred Gislason ist der richtige Mann für eine schwere Mission

Handball-Bundestrainer Alfred Gislason (mit Taktiktafel) erläutert seiner Mannschaft seine nächsten Ideen.
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Besprechung beim Training in Düsseldorf: Nationalcoach Alfred Gislason (mit Taktiktafel) erläutert seiner Mannschaft seine nächsten Ideen. Links im Hintergrund stehend: Co-Trainer Erik Wudtke.

Die Hoffnungen der deutschen Handball-Nationalmannschaft für die WM in Ägypten ruhen auch auf Bundestrainer Alfred Gislason. Zuvor geht es am Sonntag in Köln in der EM-Qualifikation weiter. Ein Porträt des Isländers.

Kassel - Wie es sich genau anfühlt, wenn Handball-Bundestrainer Alfred Gislason zu seiner Mannschaft spricht, wissen nur die Nationalspieler selbst. Dass der 61-Jährige aber schon ein gutes Gespür dafür hat, wie er sein Team packen muss, zeigt ein Beispiel. Vor dem Abschlusstraining zum EM-Qualifikationsspiel in Graz holte Gislason seine Mannschaft am Dienstag in Düsseldorf zu einer kleinen Besprechung zusammen. Dabei appellierte er an den Teamgeist.

Die Aufforderung war so eindringlich, dass sie Torjäger Julius Kühn von der MT Melsungen beim digitalen Medientermin des Deutschen Handballbundes (DHB) einen Tag nach dem 36:27-Erfolg in Österreich wiedergab: „Wir müssen ab jetzt dieses Wir-Gefühl hinbekommen, wir müssen es hinbekommen, dass wir als Team zusammenwachsen, dass wir eine geile Stimmung erzeugen, dass jeder bei uns von der ersten Minute an extrem gepuscht ist.“

Der Isländer Gislason scheint genau der richtige Mann für eine besonders schwere Mission zu sein. Für die EM-Qualifikation, die am Sonntag ab 18.10 Uhr (ARD) in Köln mit dem Rückspiel gegen den Nachbarn fortgesetzt wird. Noch mehr aber für die WM in Ägypten, die für die DHB-Auswahl exakt heute in einer Woche mit einem Vorrundenspiel gegen Uruguay beginnt.

Vor fünf Jahren feierte die deutsche Mannschaft bei der EM in Polen ihren letzten großen Erfolg – unter einem isländischen Trainer. Und Dagur Sigurdsson war um seine Aufgabe damals auch nicht zu beneiden. Mit Kapitän Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki und Michael Allendorf fiel vor dem EM-Turnier zunächst ein Außen nach dem anderen aus.

Bei Gislason sind die Voraussetzungen noch um einiges extremer. Neun Leistungsträger sind verletzungs- und pandemiebedingt nicht dabei. Die Abwehr muss er praktisch neu aufstellen. Doch von Resignation war bislang nicht eine einzige Sekunde etwas zu spüren. Er lamentiert auch nicht – was sich für einen Isländer auch nicht gehört, der unter rauen klimatischen Bedingungen aufgewachsen ist.

Der ehemalige Kieler Erfolgscoach, der seit Jahren mit seiner Frau in der Nähe von Magdeburg in Wendgräben lebt, investiert vielmehr sein ganzes Herzblut in diese Mannschaft: „Das ist eine Herausforderung, die mir Spaß macht. Und ich glaube an diese Mannschaft.“

Und das Team an ihn. Flensburgs Johannes Golla, nach dem Verzicht von Patrik Wiencek, Hendrik Pekeler und Finn Lemke nun zum Hoffnungsträger der deutschen Abwehr aufgestiegen, sagt: „Alfred ist einer der erfahrensten Trainer im Welthandball. Er weiß genau, was er will und erwartet viel von seinen Spielern. Wenn wir das als Team umsetzen können, kann etwas wachsen.“

Gislason ist bekannt dafür, dass er seine Übungseinheiten gern schon einmal etwas ausdehnt – zwei Stunden sind bei ihm nichts. Die aktuelle Situation erfordert ohnehin eine akribische Vorgehensweise. Zumal zum 20-köpfigen Kader einige unerfahrene Kräfte und auch zwei Neulinge zählen.

Im Gegensatz zu Vor-Vorgänger Sigurdsson nutzt er eine Taktiktafel nur im Training – nicht beim Spiel. „Das Training ist zurzeit sehr taktisch geprägt. Und wie wir beim Spiel in Österreich gesehen haben, gibt es noch einige Abstimmungsschwierigkeiten“, erklärt Rechtsaußen Tobias Reichmann.

Gislason baut außer auf eine klassische 6:0- auch auf eine 5:1-Deckungsformation. Während seiner Zeit in Kiel schaffte er es, dass das THW-Team mühelos zwischen den Systemen wechselte. Mit der deutschen Mannschaft wird ihm das nicht so leicht gelingen. Aber das Vertrauen in das Team ist groß: „Keiner steckt den Kopf in den Sand, die Atmosphäre ist sehr positiv.“ (Björn Mahr)

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