Viertelfinale im EHF-Pokal

Kein Urlaub an der Côte d’Azur: MT Melsungen heute zu Gast in St. Raphael

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Erinnerungsfoto an der Strandpromenade vor dem Spiel gegen St. Raphael: die Melsunger Profis (von links) Marino Maric, Patrik Fahlgren, Johannes Golla und Michael Allendorf am Freitag nach der Ankunft in St. Raphael.

St. Raphael. An der Côte d’Azur herrscht paradiesisches Wetter. Die MT Melsungen ist allerdings nicht zum Relaxen dort. Am Samstag steigt das Viertelfinalhinspiel im EHF-Pokal.

Das Spiel

In ein paar Wochen verabschiedet sich Patrik Fahlgren in seine schwedische Heimat. Sechs Jahre war der Spielmacher dann ein wichtiger Bestandteil des nordhessischen Handball-Bundesligisten MT Melsungen. Während in seiner Heimat schon über einen Wechsel des 31-Jährigen nach Hammarby spekuliert wird, hofft Fahlgren, dass sich für ihn mit der MT noch ein Traum erfüllt. „Natürlich wäre es schön, wenn wir in der Liga vielleicht noch bis auf Platz sechs klettern könnten. Ein Titel wäre aber etwas wirklich Tolles“, sagt der Regisseur.

Die letzte Chance dazu haben die Melsunger im Europacup – und heute ab 20.45 Uhr steigt das Viertelfinal-Hinspiel beim französischen Vertreter St. Raphael. Optimal wäre für die MT ein Sieg. „Wir nehmen durch das Unentschieden gegen Berlin am Mittwoch einiges Positives mit ans Mittelmeer“, weiß Fahlgren um die hervorragende Moral im Team.

Als der Bundesligist am Freitag ab 5 Uhr zum Flughafen nach Frankfurt aufbrach, war zudem ein Spieler an Bord, dessen Rückkehr die Mannschaft seit Wochen

herbeisehnt: Marino Maric. Der kroatische Kreisläufer wird nach überstandenem Mittelfußbruch wohl im 16-köpfigen Kader stehen. „Er kann eine Alternative für die Deckung sein“, ist Trainer Michael Roth überzeugt.

Maric selbst fiebert einem Einsatz regelrecht entgegen. „Ich fühle mich gut und will unbedingt wieder spielen“, betont der Kreisläufer, „allerdings wäre es auch mein erstes Spiel. Das ist nicht einfach.“

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Sollte er ein weiteres Mal aussetzen, hätte die MT neben Felix Danner ja auch noch Youngster Johannes Golla, der beim 28:28 gegen Berlin einen hervorragenden Eindruck hinterließ. Trotz seiner vielen Einsätze ist die Freude auf das Kräftemessen gegen St. Raphael riesig: „Ein Viertelfinale habe ich noch nie erlebt“, sagt Golla.

Überhaupt erst einmal stand Melsungen in einem europäischen Wettbewerb in der Runde der letzten Acht. 2015 verlor die MT 20:25 im dänischen Skjern – und scheiterte letztlich wegen der weniger erzielten Auswärtstore. Fahlgren hatte damals wegen eines kurz zuvor erlittenen Kreuzbandrisses gefehlt. Aber nicht nur deshalb geht der Skandinavier motiviert in die beiden Duelle mit den Franzosen.

Der Gegner

Das Team von St. Raphael Var HB liegt nach dem 37:31-Sieg am Mittwochabend bei US Créteil auf dem vierten Tabellenplatz in der französischen Liga – nur die Topklubs aus Paris, Nantes und Montpellier stehen besser da.

„Wir haben großen Respekt vor der MT, und Melsungen ist der Favorit gegen uns. Wir sind zurzeit allerdings gut in Form“, sagt Torwart-Routinier Slavisa Djukanovic nicht ohne Grund. In die Gruppenphase des EHF-Pokals waren der Serbe und seine Kollegen mit zwei Niederlagen gestartet. Weil sie aber danach alle weiteren Partien gewannen, zogen sie als Zweiter hinter Berlin ins Viertelfinale ein. Im französischen Pokal-Halbfinale scheiterte St. Raphael nur mit 31:32 an Paris Saint Germain.

Lenker und Denker im Team ist der langjährige spanische Nationalspieler Daniel Sarmiento. Über Bundesliga-Erfahrung verfügen dessen Nebenleute, der frühere Gummersbacher Geoffroy Krantz sowie der Ex-Hamburger Torjäger Alexandru Simicu. Torschütze vom Dienst ist Linksaußen Caucheteux. Vor Kurzem stellte der Zwei-Meter-Mann, der passend zum Verein auch noch Raphael mit Vornamen heißt, einen Ligarekord ein: Ihm gelangen 17 Treffer in einem Spiel.

„Wir wollen Melsungen einen heißen Kampf liefern“, betont Djukanovic. 1500 bis 2000 Fans werden ihn und seine Kollegen im 2300 Zuschauer fassenden Palais des Sports JF Krakowski anfeuern.

Der Spielort

St. Raphael hat 35.000 Einwohner und zieht genauso wie viele andere Städte an der Côte d’Azur auch unzählige Touristen an. Im Hafen liegen viele Luxusyachten vor Anker – ein bisschen wie in Monaco, nur eben überschaubarer.

Dabei wirkt St. Raphael größer, weil die Grenzen zum Nachbarort Fréjus regelrecht verschwimmen. Fréjus beheimatet noch 20.000 Menschen mehr, geriet in den vergangenen Jahren aber vor allem deshalb in die Schlagzeilen, weil der Front Nationale, die Partie der Rechtspopulistin Marine Le Pen, in dieser Stadt regiert.

Slavisa Djukanovic, der erfahrene Torwart des Handball-Klubs von St. Raphael, verdient seit nunmehr zehn Jahren sein Geld an der französischen Mittelmeerküste. Der 37-Jährige lebt mit seiner Familie gern hier.

„Hier kennt praktisch jeder jeden, das ist sehr familiär in St. Raphael“, erzählt Djukanovic, „ich denke, dass ich nach meinem Karriereende nicht nach Serbien zurückkehren werde, sondern hierbleibe.“ Die Menschen, so berichtet der Routinier, gingen zwar auch gern in den Palais des Sports JF Krakowski, um die Handball-Mannschaft zu unterstützen. Aber die Zuschauer seien nicht so fanatisch, wie bei anderen Vereinen in der höchsten französischen Liga: „Hier ist alles etwas ruhiger.“

Die Erinnerung

Im Frühling 2005 schafften die Melsunger Handballer den Aufstieg in die 1. Bundesliga – und als Belohnung für die Zweitliga-Meisterschaft durfte die Mannschaft kurz nach der Saison an die Cote d’Azur reisen. Aufgrund der guten Kontakte des damaligen Sportlichen Leiters Alexander Fölker nach Frankreich ließ sich für das Team an der Mittelmeerküste eine Mischung aus Trainingslager und Kurzurlaub ermöglichen.

Dabei bezog die MT in Fréjus Quartier – also im direkten Nachbarort von St. Raphael, wo die aktuelle Mannschaft der Nordhessen heute im Europapokal gefordert ist.

Erinnerungen an eine ungewöhnliche Abschlussfahrt:

  • Die Anreise: Weil Trainer Rastislav Trtik und einige Spieler seinerzeit mit ihren jeweiligen Nationalteams im Einsatz waren, machte sich der überschaubare MT-Tross um Fölker und Co-Trainer Sandor Balogh in Kleinbussen des Hauptsponsors B.Braun auf den Weg Richtung Süden. „Wir waren zwölf, 13 Stunden unterwegs“, erinnert sich Balogh.
  • Die Unterkunft: „Die Unterbringung in Fréjus hatte ein bisschen was von Seniorenresidenz“, sagt Sead Kurtagic, einer der Aufstiegshelden, rückblickend. Die Bungalows hatten schon ihre besten Zeiten hinter sich. „Aber der Pool und die Terrasse“, so Kurtagic, „waren spitze.“Der Wein: Für einen erwachsenen Franzosen ist es nicht ungewöhnlich, dass er zum Abendessen ein Glas Rotwein trinkt. Flaschen eines guten Tropfens standen auch am ersten Abend noch auf den Esstischen des Melsunger Teams. An den weiteren Tagen war von Wein weit und breit dann nichts mehr zu sehen. Er war zwar nicht vor Ort – Trtik soll aber über diese landestypische Aufmerksamkeit nicht sonderlich amüsiert gewesen sein und aus der Ferne ein Alkoholverbot ausgesprochen haben.
  • Die Testspiele: Die MT-Profis hatten gehofft, relaxen zu können. Während eines freundschaftlichen Vergleichs mit Nimes gerieten beide Seiten aber so heftig aneinander, dass das Duell dicht vor dem Abbruch stand. Gegen den damaligen Zweitligisten St. Raphael, der einige Wochen später zum Rückspiel nach Nordhessen kam, gewann Melsungen eine weitere Begegnung ohne größere Zwischenfälle.
  • Die Halle: Die MT trug ihr Spiel gegen St. Raphael noch nicht im Palais des Sports JF Krakowski aus. „Wir sind aber an dieser Halle vorbeigefahren, als sie noch im Rohbau war“, erzählt Kurtagic. Zwölf Jahre später hat ein Melsunger Team dort einen großen Auftritt.

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