Kasseler Sportmediziner Dr. Gerd Rauch klärt über Ursachen auf

Diagnose Kreuzbandriss: Handball-Talente bereiten zunehmend Sorgen

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Fällt monatelang aus: Tim Suton vom TBV Lemgo erlitt einen Kreuzbandriss.

Immer mehr deutsche Handball-Talente erleiden einen Kreuzbandriss. Der Kasseler Sportmediziner und Mannschaftsarzt des Bundesligisten MT Melsungen, Dr. Gerd Rauch, erläutert die Ursachen.  

In diesen Wochen können sich die ambitionierten Handball-Bundesligisten über mangelnde Beschäftigung nicht beklagen. Während die Spieler des THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt schon seit zwei Monaten im Reisestress sind, kommen mit dem Einstieg in den EHF-Cup noch auf vier weitere deutsche Teilnehmer besondere Strapazen hinzu. Jetzt heißt es auch für den SC Magdeburg, die Rhein-Neckar Löwen, die MT Melsungen und die Füchse Berlin: heute hier, morgen dort.

Das Problem der zu hohen Belastung ist nicht neu – zunehmend Kummer bereiten aber zurzeit die sich häufenden Kreuzbandverletzungen bei den deutschen Top-Talenten. Gerade erst hat Alt-Bundestrainer Heiner Brand auf dieses sensible Thema bei einer Podiumsdiskussion der Löwen hingewiesen.

Aktuell fallen die Nationalspieler Tim Suton (23 Jahre), Sebastian Heymann (21) und Simon Ernst (25) jeweils nach einem Kreuzbandriss aus. Den Berliner Ernst erwischte es sogar schon dreimal im selben Knie. Dabei war der Mittelmann erst in diesem Sommer aufs Spielfeld zurückgekehrt – genauso wie Melsungens TorjägerJulius Kühn (25), der sich im vergangenen Oktober bei einem EM-Qualifikationsspiel im Kosovo schwer am Kreuzband verletzt hatte.

Der Kasseler Sportmediziner Dr. Gerd Rauch sieht die Entwicklung mit Sorge. Für den Melsunger Mannschaftsarzt liegen die Ursachen auf der Hand:

Der Übergang: Für junge Handballer ist es längst normal, dass sie schon als Jugendliche in einer Erwachsenenmannschaft eingesetzt werden. „Die Gegenspieler sind dann aber viel kräftiger“, verdeutlicht Rauch ein Problem. Der Übergang müsse deshalb viel behutsamer geschehen. Spieler sollten besser darauf vorbereitet werden.

Die Belastung: Talente werden heutzutage viel früher in die Förderung genommen. Teilweise trainieren schon A- und sogar B-Jugendliche bei den Männerteams des Vereins mit. „Der Trainingsumfang ist dadurch viel höher“, erklärt Rauch. Und nicht nur das: Nachwuchsspieler kommen an einem Wochenende nicht mehr nur in der Jugend, sondern auch schon in der Reserve der ersten Mannschaft zum Einsatz. Macht zusammen schon mal zwei Wettkämpfe innerhalb von 48 Stunden.

Der Handballsport: Das Spiel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verändert. „Es gibt deutlich mehr Tempowechsel, die Schnelligkeit ist viel höher“, betont der MT-Teamarzt. Verliert ein Handballer nach einem Sprung oder beim Abbremsen die Kontrolle, kann das Kreuzband arg beschädigt werden.

Die Vorgeschichte: Nicht selten verletzt sich ein Spieler am Innenband. Oft geschieht es, dass das Kreuzband dabei in Mitleidenschaft gezogen wird. Das kann dazu führen, dass das Kreuzband schon bei einer vermeintlich harmloseren Aktion reißt.

Wie schwerwiegend eine Kreuzbandverletzung ist, zeigen neueste Studien. Demnach erreichen nur 54,9 Prozent der Sportler nach der Rückkehr ihr vorheriges Niveau. Damit die Gefahr verringert wird, nutzen viele Bundesliga-Klubs spezielle Präventionsprogramme. „Dadurch gibt es erwiesenermaßen 50 Prozent weniger Verletzungen“, sagt Rauch.

Dazu ist es wichtig, die Reisestrapazen gering zu halten. Die Spieler bräuchten ausreichend Schlaf, ergänzt der Kasseler Sportmediziner. Bei der MT steht der Kniespezialist im ständigen Austausch mit Manager Axel Geerken, Trainer Heiko Grimm und Athletikcoach Dr. Florian Sölter.

Rauch empfiehlt, nach einem überstandenen Kreuzbandriss nicht zu früh einzusteigen – mindestens acht Monate Pause, wie bei Julius Kühn. 

Update vom 21.11.2019: Die Handballer der MT Melsungen treffen in der Bundesliga auf Göppingen. Es ist das dritte Spiel innerhalb von acht Tagen.

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