Interview: Der zukünftige Melsunger Tobias Reichmann über EM-Triumph und Olympia-Bronze

EM-Triumph und Olympia: „Ein Schub für den Handball“

Freude pur: Tobias Reichmann (rechts) und Bundestrainer Dagur Sigurdsson bejubeln am 31. Januar 2016 den Triumph bei der Europameisterschaft. Foto:  dpa
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Freude pur: Tobias Reichmann (rechts) und Bundestrainer Dagur Sigurdsson bejubeln am 31. Januar 2016 den Triumph bei der Europameisterschaft. 

Kassel. Tobias Reichmann ist Deutschlands erfolgreichster Handballer des vergangenen Jahres. Mit der Nationalmannschaft gewann er die Europameisterschaft und die olympische Bronzemedaille.

Mit seinem Verein KS Kielce holte der Rechtsaußen Meisterschaft und Pokal in Polen, zudem feierte der zukünftige Spieler der MT Melsungen nach einem dramatischen Finale gegen Veszprem den Triumph in der Champions League.

Wer kommt noch zur MT Melsungen? Und was ändert sich in der Liga 2017/2018?

Herr Reichmann, wie groß ist das Bedürfnis, nach diesem Jahr durchzuschnaufen?

Tobias Reichmann: Die Liga in Polen ruht seit dem 9. Dezember. Ich genieße die freie Zeit mit meiner Familie. Nach so einem Jahr mit zwei Großereignissen ist man irgendwann satt und hat genug vom Handball. Von daher kommt die Pause sehr gelegen, um abzuschalten.

Haben Sie das Jahr dennoch mal Revue passieren lassen?

Reichmann: Na klar. Das war das bislang erfolgreichste Jahr in meiner Sportlerkarriere. In dieser Hinsicht bekommt es eine glatte Eins. Vor allem haben wir mit der Bronzemedaille in Rio bewiesen, dass der EM-Titel keine Eintagsfliege war.

Welcher Erfolg bedeutet Ihnen am meisten?

Reichmann: Das lässt sich so einfach nicht sagen. Wenn ich etwas hervorheben müsste, wäre es das Finale in der Champions League. Wir haben mit neun Toren zurück gelegen und doch noch gewonnen. Das war Wahnsinn. Außerdem: Bei den Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen, ist das Größte. Überhaupt das Gefühl, dort dabei zu sein. Diese Chance bekommt man nicht so oft.

Und was ist mit der EM?

Reichmann: Ja. Natürlich. Das war eine einzige Euphorie. Auch dank unseres Teamgeists haben wir uns in einen Rausch gespielt. Das war überragend. Den Dämpfer gegen Spanien zum Auftakt haben wir weggesteckt. Auch das Verletzungspech warf uns nicht aus der Bahn. Die Neuen haben sich direkt super eingefügt. Außerdem war das Turnier in Polen – also eine kleine Heim-EM für mich. Umso schöner, wie das Turnier für uns gelaufen ist.

Nebenbei haben Sie und Ihre Teamkollegen hierzulande eine Euphoriewelle ausgelöst.

Reichmann: Das war der positive Nebeneffekt. Aber nicht nur die EM, das ganze Jahr war wie ein Schub für den Handball. Mich macht es stolz, dass ich meinen Teil zu diesem Boom beigetragen habe. Das ist wunderbar für unsere Sportart. Und vor allem geht da noch was. Es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten.

Dabei rutschte der deutsche Handball nach dem WM-Titel 2007 mehr und mehr in die Krise. Was macht heute den Unterschied aus?

Reichmann: In der Mannschaft herrscht eine tolle Stimmung. Wir sind eine junge Truppe, in der alle auf einer Wellenlänge liegen. Egal, wer auf der Platte steht – es wird nicht infrage gestellt. Alle sind top ausgebildet. Und obwohl die meisten noch nicht so alt sind, nehmen sie tragende Rollen in ihren Klubs ein und sammeln Erfahrung in der Bundesliga. Das ist womöglich der größte Unterschied zu der jüngeren Vergangenheit.

Vor allem Sie haben sich bei der EM ins Rampenlicht gespielt. Woher kam die Leistungsexplosion?

Reichmann: Das Verletzungspech von Patrick Groetzki war mein Glück. Plötzlich war ich die Nummer eins – und die Chance habe ich genutzt. Ansonsten kann ich nur sagen: Die nun zweieinhalb Jahre in Kielce haben mich weiter gebracht. Ich bin selbstbewusster geworden. Damals wurde ich belächelt, als ich nach Polen gegangen bin. Die andere Sprache und die andere Kultur hatten mich damals gereizt. Heute kann ich sagen, dass ich den richtigen Weg gegangen bin.

Und der führt sie bald nach Nordhessen. Die Nachricht im Sommer von Ihrem Wechsel zur MT gehörte zu den großen Überraschungen 2016.

Reichmann: Für meine Freundin und mich war klar, dass es nach drei Jahren in Polen zurück nach Deutschland geht – zumal sie in Polen nicht so gut zurechtkam. Ich habe zwei Kinder, und da muss ich gucken, was für meine Familie das Beste ist. Deswegen wollte ich so früh wie möglich einen Verein in der Bundesliga finden. Kann gut sein, dass die Nachricht und vor allem der Zeitpunkt für einige überraschend kamen.

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