Gernot Emberger: „MT ist ein sensibles Gebilde“

Interview: Melsungens Sportpsychologe über die Probleme in dieser Saison

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Stehen mittlerweile auch in schwierigen Zeiten eng zusammen: Die MT-Spieler nach dem 24:24 gegen Flensburg.

Kassel. Bis zum Montag haben sie noch Urlaub. Dann reisen die Spieler des Handball-Bundesligisten MT Melsungen ins Winter-Trainingslager nach Fuerteventura.

Dort soll es eine Analyse der enttäuschenden Hinrunde geben. Wir sprachen mit Gernot Emberger, dem Sportpsychologen der MT, über das bisherige Abschneiden. „Die Melsunger Mannschaft ist ein sensibles Gebilde“, sagt der 48 Jahre alte Kölner.

Wie oft haben Sie sich Videos von den ersten MT-Saisonspielen noch mal angesehen? 

Gernot Emberger: Normalerweise reicht es, wenn ich mir jedes Spiel einmal anschaue - egal, ob live in der Halle oder auf Video. Bei der Niederlage in Balingen war ich nicht dabei. Da habe ich mir tatsächlich einige Szenen aus der zweiten Halbzeit noch einmal genauer angesehen.

Wie überrascht waren Sie von den Undiszipliniertheiten, die sich das Team geleistet hat? 

Gernot Emberger

Emberger: Ausgehend von der mentalen Stärke, die sich die Mannschaft in den letzten beiden Jahren erarbeitet hat, war ich schon überrascht. Die Gründe liegen aber in der besonderen Situation begraben, die wir uns am Anfang der Saison selbst geschaffen haben. Die völlig unerwartete Auftaktniederlage im Spiel gegen Coburg, in das wir wohl etwas zu locker gegangen sind, hat bei uns Ratlosigkeit ausgelöst. Danach ist schnell etwas entstanden, was man mit negativer Macht der Situation umschreiben kann. Das hat unser Spiel unruhig und letztlich auch undisziplinierter werden lassen.

Weshalb fehlt der Mannschaft die nötige Stabilität? 

Emberger: Es hat in meinen Augen durchaus auch mit der rasanten Entwicklung der vergangenen Jahre zu tun. So war es spürbar, dass sich die Mannschaft an den Gedanken, so langsam ein Team geworden zu sein, dass näher an die Spitze der Liga gerückt ist, noch recht schwer getan hat. Im Sommer hat sie dann begonnen, diese Rolle anzunehmen - und wurde sofort entsprechend bestraft.

Wo liegt das Problem? 

Emberger: Die Mannschaft kann in der Liga jedes andere Team schlagen, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnt. Gleichzeitig ploppen aber gerade in unruhigen Zeiten und stressgeladenen Situationen immer mal wieder alte Verhaltensmuster auf, mit denen sie sich selbst vor allem gegen vermeintlich schwächere Gegner gern mal ein Bein stellt. Dazu gilt: Ein Team kann solche Muster nie ganz ablegen.

Um welche Muster geht es? 

Emberger: Übermäßige Unruhe und zu große Lässigkeit. Ein Beispiel: Die Vorbereitung verlief unruhig. Einer der Auslöser dafür war, dass Torwart Johan Sjöstrand, ein Sicherheitsfaktor im Kader, bis zum Saisonstart noch nicht fit sein würde. Nach dem Erfolg in der ersten Pokalrunde machte sich das gegenteilige Gefühl breit: Gegen Coburg klappt es mit links! Dieser Hochmut wurde bestraft. Dabei muss aber auch erwähnt werden, dass nicht nur die MT ein solch sensibles Gebilde ist.

Was hat die Mannschaft im Dezember besser gemacht als in den Monaten zuvor? 

Emberger: Mit den Niederlagen im November fing wieder das Hadern an. Niemand wollte so richtig akzeptieren, wie die Situation tatsächlich war. Im Dezember war zunehmend zu spüren und zu sehen: Die Situation wurde so akzeptiert, wie sie war. Die Mannschaft verhält sich dabei grundlegend anders als noch vor drei Jahren. Damals hätten sich die Spieler gegenseitig die Schuld zugewiesen, jetzt stehen sie zusammen und kümmern sich gemeinsam darum, dass es besser wird.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es in der Rückserie deutlich besser läuft? 

Emberger: Die Art und Weise, wie sie im Dezember ihre letzten Spiele angegangen und durchgezogen hat. Es ist wichtig, dass sich die Spieler sehr bewusst machen, dass dies zu einem Zeitpunkt war, als einige unserer wichtigsten Spieler ausgefallen waren. Für mich ist spätestens da das Team durch ein härtendes Feuer gegangen.

Welche Erwartungen knüpfen Sie an das Trainingslager? 

Emberger: Wichtig ist, nicht nur über Analyse zu sprechen, sondern diese auch ohne Rücksicht auf etwaige Befindlichkeiten vornzunehmen. Ich erwarte, dass alles mal auf den Prüfstand kommt.

Manager Axel Geerken wird auch dabei sein. Er saß in den letzten Spielen bis zur WM-Pause mit auf der Bank. Wie bewerten Sie dies? 

Emberger: Ich habe dies als ebenso wohltuend wie effektiv empfunden. Ich glaube aber, dass dies nur ein Intermezzo sein kann. Immerhin scheint nun langsam wieder die nötige Ruhe und Souveränität eingekehrt zu sein, die uns in der Vorsaison so stark gemacht hat.

Zur Person

Gernot Emberger, 48 Jahre, ist in Köln als Sportpsychologe tätig. Seit der Serie 2014/15 arbeitet er für Handball-Bundesligist MT Melsungen. Regelmäßig reist er zu den MT-Spielan an und arbeitet auch in Trainingslagern mit den Spielern. Er hat zwei Bücher geschrieben. Sein zweites Werk trägt den Titel „Erfolgreicher Umgang mit Stress“. Emberger ist liiert und hat mit seiner Partnerin eine Tochter.

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