Blick auf 2019

Jahresrückblick-Interview mit Jenny Perlwitz von der MT Melsungen: „Bei der Behandlung bestimme ich“

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Bei der Arbeit: Physiotherapeutin Jenny Perlwitz behandelt in der Kabine der MT den Knöchel von Kreisläufer Felix Danner. 

Zum Erfolg einer Mannschaft tragen nicht nur Spieler und Trainer bei. Auch das Team hinter dem Team spielt eine wichtige Rolle. Bei der MT Melsungen gehört Jenny Perlwitz zu den Akteuren in der zweiten Reihe. Mit der Physiotherapeutin blicken wir zurück auf das Jahr des Handball-Bundesligisten:

Frau Perlwitz, sind Sie froh, dass jetzt erst einmal Pause ist?

Allerdings. Am Ende eines Jahres merke ich schon, dass die Luft raus ist. Ein bisschen Durchatmen wird auch den Spielern nicht schaden.

Für die medizinische Abteilung war ja gerade die Vorsaison stressig, oder?

Das kann man wohl sagen. Die betroffenen Spieler waren gleichzeitig verletzt. So geballt – das habe ich bei der MT noch nie erlebt. Zumal es allesamt schwerwiegende Verletzungen waren. Bis ins Frühjahr waren wir mit Reha und Aufbautraining beschäftigt. Kompliziert war es vor allem bei Domagoj Pavlovics Knöchelbruch. Sehr zeitintensiv. Das kam mir unendlich lang vor.

Dagegen verlief nun die erste Saisonhälfte doch recht entspannend.

Ich klopfe sicherheitshalber mal auf Holz. Aber ja, abgesehen von kleineren Blessuren, die im Profisport immer mal auftreten, sind wir bislang von Verletzungen verschont geblieben. In dieser Hinsicht war es schon entspannter.

Auch während der Englischen Wochen zuletzt?

Nun ja, das ist etwas anderes. Da bist du permanent dran an den Spielern. Wer hat was abbekommen? Wenn die Belastung so hoch ist, geht es vor allem um präventive Geschichten. Entweder schnappe ich mir den einen oder anderen, bei dem mir etwas auffällt. Manche Spieler kommen aber auch direkt auf mich zu, wenn es bei ihnen nicht rundläuft.

Stimmt es, dass Physiotherapeuten nicht nur die Muskeln, sondern mitunter auch die Seelen der Spieler behandeln?

Sagen wir es mal so: Ich weiß sehr viel über die Spieler. Bevor Sie fragen: Das werde ich hier nicht erzählen (lacht). Aber wenn man über so einen langen Zeitraum zusammenarbeitet, entwickelt sich eine Vertrauensbasis. Wir reden über allgemeine Dinge, über die Familie und über Probleme. Ich werde auch manchmal um Rat gefragt.

Gab es im vergangenen Jahr einen Profi, der etwas mehr Zuspruch brauchte?

Eigentlich nicht. Jeder tickt auch anders. Manchmal wird bei einer Behandlung gar nicht gequatscht. Der eine will Musik hören, der andere den Fernseher laufen lassen – das geht, wenn wir in Hotels sind. Es gibt Spieler, die gucken gern Trash-TV, also Sendungen wie Love Island. Das geht aber nur, solange es mich nicht nervt. Bei der Behandlung bestimme ich. Zur Not werden Fernseher und Musik einfach abgestellt.

Formulieren wir die Frage etwas anders: Mit welchem Spieler war es aus therapeutischer Sicht besonders reizvoll?

Die Arbeit mit Julius Kühn hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ab dem Tag nach seiner Kreuzband-Operation war ich für ihn da. Ich bin jeden Tag zu ihm gefahren. Interessant war das. Er war verständlicherweise mental nicht gut drauf. Ich habe ihm immer Mut gemacht, und er hat’s gut hinbekommen. Allerdings habe ich ihm nie versprochen, dass alles wieder super in Ordnung kommt. Das darfst du als Therapeut nicht machen. Dafür gibt es keine Garantie.

Wie sehr hat Sie der Abschied von Ihren Freunden Michael und Philipp Müller getroffen?

Das war schon sehr emotional. Wie immer, wenn jemand geht. Ich persönlich finde es schade, dass sie weg sind. Aber wir haben regelmäßig Kontakt und sind weiterhin gute Freunde.

Würden Sie sagen, dass das vergangene Jahr zu einem der unruhigsten des MT-Bundesligateams gehörte?

Die ganze Kritik und Unruhe habe ich eigentlich nur durch die Medien mitbekommen. Ich konzentriere mich auf das Medizinische. Wenn ich alles gut mache, wird nicht auf mich gezeigt. Aber natürlich kriegst du mit, dass es nicht ganz so rundlief. Auf der Heimfahrt von Balingen zum Beispiel war es sehr ruhig. Ich bin dann irgendwann im Bus eingeschlafen.

Spüren Sie, welche Stimmung in der Mannschaft herrscht?

Manchmal sehe ich beim Warmmachen, ob es locker von der Hand geht oder ob es eine Quälerei wird. Grundsätzlich habe ich aber gar nichts mehr im Gefühl. Spiele der MT waren in den vergangenen Monaten schwer vorherzusagen.

Welches Spiel oder welcher Moment hat Sie besonders bewegt?

Der Pokalsieg vor Kurzem gegen Berlin. Geile Stimmung in der Halle. Und ich freue mich riesig auf das Final Four in Hamburg. Wäre doch schön, wenn es dort mit einem Titel klappt.

Zur Person

Jenny Perlwitz (31) stammt aus Villingen-Schwenningen am Schwarzwald. Nach der Mittleren Reife machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, danach zur Physiotherapeutin. Ab 2013 arbeitete sie im Kasseler Therapiezentrum Rehamed und betreute zudem die MT Melsungen. Seit 2015 ist sie fest beim Handball-Bundesligisten angestellt. Parallel absolviert sie in Düsseldorf ein Osteopathie-Studium, das sie nächstes Jahr abschließt. Perlwitz ist seit vergangenen Juni verheiratet. Sie lebt in Kassel und macht sich gerade selbstständig.

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