Samstagsinterview vor dem Spiel in Eskilstuna

Melsungens Christian Hildebrand: „Was nervt, ist die Warterei“

Die Taschen sind gepackt: Christian Hildebrand vor der Abreise der MT Melsungen zum Flughafen Frankfurt. Foto: Kasiewicz

Mit der Teilnahme am europäischen Pokal ist die Zahl der Reisen für die Spieler des Handball-Bundesligisten MT Melsungen gestiegen.

Vor dem heutigen Spiel im schwedischen Eskilstuna (16 Uhr) sprachen wir mit Christian Hildebrand genau darüber: über das Reisen.

Christian Hildebrand, sind die Flitterwochen im Sommer schon gebucht? 

Hildebrand: Wir haben überlegt, ob wir nach unserer Hochzeit einen anderen Kontinent bereisen. Aber der Stress wäre zu groß. Die Saison hört erst Anfang Juni auf, und die Vorbereitung auf die neue Saison beginnt früh. Jetzt fahren wir wohl in ein schönes Hotel im österreichischen Lienz und dann ein paar Tage nach Italien.

Also haben Sie prinzipiell noch nicht genug vom Reisen?

Hildebrand: Nein, aber ich bin auch nicht der Typ, der für drei Wochen auf die Malediven fliegt und dort abhängt. Ich muss immer etwas machen.

Nervt das ewige Kofferpacken nicht?

Hildebrand: Das Kofferpacken ist halb so wild. Wir sind ja in der Regel immer nur zwei, drei Tage unterwegs. Im Koffer ist auch nicht viel mehr als in der Sporttasche fürs Training. Mehr Probleme habe ich mit dem Waschen meiner Sportklamotten. Da komme ich manchmal nicht mehr nach, wenn wir ständig unterwegs sind.

Ist das der einzige Nachteil vom vielen Reisen?

Hildebrand: Naja, den Hauptnachteil sehe ich darin, dass man permanent nicht zu Hause ist und stets in einer gewissen Unruhe lebt. Es fehlen die Erholungstage, um mal durchzuschnaufen, sich zu sammeln und auch mal für sich zu sein.

Stattdessen verbringen Sie die meiste Zeit im Bus oder im Flugzeug. Was ist angenehmer?

Hildebrand: Mit dem Flugzeug ist es an sich schneller als mit dem Bus. Aber was da nervt, ist die Warterei am Flughafen. Hinzu kommen die Sicherheitskontrollen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich meinen Laptop schon aus- und wieder eingepackt habe. Mit dem Bus ist es da schon einfacher: Da gibt es vor jeder Fahrt belegte Brötchen, dann geht jeder auf seinen Platz, und man kann machen, was man will.

Und was machen Sie?

Hildebrand: Ich packe meinen Laptop aus, schaue einen Film oder lese. Oder ich schlafe. Das ist schon ganz okay. Aber sieben Stunden Busfahrt bleiben sieben Stunden Busfahrt.

Da wäre genügend Zeit, um für das Jurastudium zu pauken.

Hildebrand: Ehrlich gesagt wird mir immer schlecht, wenn ich während der Fahrt etwas konzentriert lese. Deshalb nehme ich die Lernsachen nur deshalb mit, um mein Gewissen zu beruhigen.

„Die Lernsachen nehme ich nur deshalb mit, um mein Gewissen zu beruhigen.“

Von den Bayern-Spielern im Fußball ist bekannt, dass sie im Bus gern Schafkopf spielen. Gibt es so etwas bei Ihnen auch?

Hildebrand: Früher saß hinten im Bus mal eine Gruppe, die gepokert hat, aber heute gibt es das nicht mehr, da beschäftigt sich jeder eher für sich. Nenad Vuckovic zum Beispiel sitzt vor mir und hört viel Musik. Und Malte Schröder neben mir liest den „Spiegel“.

Schweißen die vermehrten Auswärtsfahrten so ein Team noch mehr zusammen oder geht man sich irgendwann nur noch auf den Keks?

Hildebrand: Das ist typabhängig. Es gibt Spieler, die finden das toll, dass wir ständig unterwegs sind. Und es gibt Spieler, die brauchen schon ab und zu mal ihre Privatsphäre. Dazu zähle ich mich auch. Ich muss mich auch nicht immer mit Handball beschäftigen.

Dann hätten Sie bestimmt Spaß an einem ausführlichen Sightseeing-Programm in den Orten, in denen Sie spielen. Oder bleibt dafür keine Zeit?

Hildebrand: Unser Trainer versucht schon immer, uns ein bisschen Abwechselung zu bieten. In Berlin sind wir zum Beispiel noch mal schnell zum Brandenburger Tor gefahren, was ganz cool war - alle im gleichen Trainingsanzug. Oder nach dem Spiel in Ungarn bei Balatonfüred sind wir gleich nach Wien. Unsere Chefin Barbara Braun-Lüdicke hat uns dort zum Essen eingeladen. Mit zwei Kollegen war ich dann auch noch in einem schönen Café am Stephansdom. Das ist schon schön. Aber die Regel ist das nicht: Normalerweise sehen wir nur Hotels und Sporthallen. In manchen Orten ist das ja auch ganz gut so.

Sie sprechen auf Nasice in Kroatien an?

Hildebrand: Das war schon hart. Da sind wir in Zagreb gelandet, und dann ging es noch einige Stunden im Bus durch die Provinz. Da habe ich mich schon gefragt: Wo bin ich denn jetzt hier gelandet? Da ist nichts mehr mit Wohlfühloase, das ist dann Abenteuer. Wobei: Ostrussland stelle ich mir noch schlimmer vor.

Das war wohl das schlimmste Europapokalerlebnis?

Hildebrand: Ja, wobei: Das stimmt nicht. Das Hotel war eine Katastrophe: Der Fernseher war so klein wie ein Telefon, die Betten standen hintereinander. Ich habe mit Malte Schröder Fuß an Fuß geschlafen. Aber: Die Leute haben sich Mühe gegeben. Nach dem Spiel waren wir noch in einer Bar. Und wer saß da schon? Die Spieler von Nexe Nasice. Nach einem echt harten Spiel haben wir uns gut verstanden. Durch so etwas bekommt man dann dieses Europapokalgefühl: Man trifft irgendwo auf der Welt Menschen, mit denen man durch den Handball verbunden ist. In Toulouse war das genauso. Da haben wir mit ein paar Spielern unseres Gegners nach dem Spiel bei lauem Herbstwetter noch eine Flasche Rotwein geleert. Das war toll.

Zur Person: Christian Hildebrand 

Christian Hildebrand (29) stammt aus Offenbach. Er begann bei der SG Dietesheim/Mühlheim mit dem Handballspielen. Später kam er über den TV Gelnhausen, die HSG Wetzlar, TuS Lübbecke und den TV Kirchzell zur MT Melsungen. Seit 2011 ist der Rechtsaußen nun für die Nordhessen aktiv, gerade hat er seinen Vertrag bis 2018 verlängert. Hildebrand studiert Rechtswissenschaften und ist an der Uni Frankfurt eingeschrieben. Im Sommer wird er seine Lebensgefährtin Kathrin heiraten.

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