Ein Blick mit Barbara Braun-Lüdicke auf das Jahr der Melsunger Handballer

MT-Chefin: "Deutscher Meister – das klingt auch nicht so verkehrt"

Konzentrierter Blick: MT-Aufsichtsratsvorsitzende Barbara Braun-Lüdicke verfolgt in der Rothenbach-Halle ein Spiel ihrer Mannschaft. Foto:  Schachtschneider

Melsungen. Ein Ortstermin bei Barbara Braun-Lüdicke. Die Aufsichtsratsvorsitzende der MT Melsungen empfängt uns in ihrem Haus in Melsungen.

Gemütlich in Jeans und Birkenstock blickt die 61-Jährige auf das vergangene Jahr des Handball-Bundesligisten zurück.

Frau Braun-Lüdicke, gehen Sie zufrieden ins neue Jahr?

Barbara Braun-Lüdicke: Auf jeden Fall. Wir hatten im Sommer relativ viele Neuzugänge. Dass es gleich so gut lief, war nicht unbedingt zu erwarten.

Wenn Sie sehen, wie sehr sich das Gesicht der MT verändert hat, müssen Sie sich dann manchmal kneifen?

Braun-Lüdicke: Die Mannschaft hat sich ja nicht von heute auf morgen verändert. Von daher blicke ich auf Veränderungen, die lange im Vorfeld geplant wurden. Wer heutzutage einen guten Spieler an Land ziehen will, muss mindestens ein Jahr vorher einen Vertrag abschließen.

Inwieweit hatten und haben Sie Einfluss auf die Entwicklung hin zur MT Deutschland?

Braun-Lüdicke: Ich sehe mir Videos an. Aber ich kann nicht Handball spielen. Für das aktive Scouting sind Trainer Michael Roth und Vorstand Axel Geerken zuständig. Bei Leuten wie Kühn habe ich sofort Ja gesagt. Grundsätzlich ist es so, dass wir drei dieselben Vorstellungen haben. Es passt einfach.

Was zudem passt, ist die Zuschauerentwicklung bei den Heimspielen, oder?

Braun-Lüdicke: Da können wir nicht meckern. Das ist eine Reaktion auf die neuen Spieler, aber auch auf unsere Aktionen außerhalb der Halle wie das Trainieren in Schulen. Wir haben in der Region viele Klinken geputzt.

Ihre Bilanz für 2017?

Braun-Lüdicke: Die Fäden laufen jetzt besser zusammen.

Was meinen Sie damit?

Braun-Lüdicke: Ich rede von den Abläufen innerhalb des Klubs. Die Zusammenarbeit zwischen Bundesliga-Team, zweiter Mannschaft und Jugend funktioniert besser. Da ist viel zusammengewachsen. In der kommenden Saison holen wir zwei junge Eigengewächse zu den Profis – Visionen dieser Art habe ich schon vor zehn Jahren gehabt. Trotzdem bin ich nicht zum Arzt gegangen, obwohl Altkanzler Helmut Schmidt immer Leuten, die Visionen haben, dazu geraten hat.

Gibt es für Sie den einen Moment 2017?

Braun-Lüdicke: Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Die Siege gegen Kiel und die Rhein-Neckar Löwen zum Beispiel, das kommt ja nicht allzu oft vor. Und wenn man eine längere Zeit vor dem großen THW Kiel in der Tabelle steht, zaubert einem das ein Grinsen auf die Lippen.

Welches negative Erlebnis fällt Ihnen ein?

Braun-Lüdicke: Gefühlsmäßig ganz klar die erneute Verletzung von Marino Maric. Und als dann auch noch die Müllers ausfielen, habe ich nur gedacht: Was machen wir denn jetzt? Dass ich selbst mitspiele, geht ja nun mal nicht.

Und der Europapokal: Wie groß ist der Wunsch nach einer Wiederholung?

Braun-Lüdicke: Sehr groß. In der vergangenen Saison waren wir vom Kopf her noch nicht so weit. Mit den jetzigen, international erfahreneren Spielern sähe das sicher besser aus. Aber ich halt’s in dieser Hinsicht mit dem ADAC: immer hübsch die Ruhe bewahren. Es macht keinen Sinn, von außen Druck aufzubauen. Streng zu sein, ist ohnehin nicht mein Ding. Gleichwohl sollten wir Ziele haben und Perspektiven, um gute Spieler zur MT zu holen. Ein Ziel des Trainers heißt ja, Champions League zu spielen.

Unter Umständen muss die MT dafür Meister werden.

Braun-Lüdicke: Deutscher Meister – das klingt auch nicht so verkehrt.

Erfüllt es Sie mit Stolz, dass bei der EM in Kroatien vermutlich drei Ihrer Spieler im deutschen Kader stehen?

Braun-Lüdicke: Natürlich. Das ist eine Bestätigung für die eigene Arbeit. Wenn ich dann noch an unsere anderen im Januar abwesenden Nationalspieler denke, kann ich nur sagen: Das wird ein preisgünstiges Trainingslager.

Mit Verlaub, es hat oft den Anschein, als seien Sie die Mutter des Teams. Täuscht der Eindruck?

Braun-Lüdicke: Das mag am Alter liegen.

Und ernsthaft?

Braun-Lüdicke: So einen Bezugspunkt braucht der eine oder andere Spieler. Und bei allem Respekt für unsere fähigen Herren an der Seitenlinie. Für manche Dinge ist eine Frau einfach besser geeignet. Früher war es schlimmer. Da war unser Telefonanschluss so etwas wie eine Handball-Seelsorge.

Blutet das Mutterherz, wenn Talente wie Johannes Golla der MT-Familie den Rücken kehren?

Braun-Lüdicke: Aber klar. Johannes ist so reflektiert, er wird sich was dabei gedacht haben. Trotzdem kann ich es bis heute nicht nachvollziehen.

Apropos Familie: Hier auf Ihrem Grundstück fanden früher die MT-Sommerfeste statt. Vermissen Sie manchmal das Beschauliche von einst?

Braun-Lüdicke: Eigentlich nicht. Wenn es immer noch so klein und überschaubar zuginge, würden wir nicht Erste Liga spielen. Entweder will ich’s gemütlich, oder ich will nach oben – und dann wird es halt etwas professioneller. Wichtig ist nur, dass man seine Seele nicht verkauft.

Barbara Braun-Lüdicke (61) ist die Aufsichtsratsvorsitzende des Handball-Bundesligisten MT Melsungen. Beim Familienunternehmen B.Braun ist sie Mitglied des Aufsichtsrats. Mit Ehemann Martin Lüdicke betreibt sie in Melsungen das Hotel Centrinum. Sie haben drei Kinder. Braun-Lüdicke gehört der CDU an und ist Mitglied des Melsunger Magistrats und Stadträtin.

Das Jahr der MT - eine Chronik

1. Januar: Bernd Kaiser ist seit genau 25 Jahren Hallensprecher der MT Melsungen.

21. Januar: Der scheidende Melsunger Rechtsaußen Johannes Sellin wird zu Nordhessens Sportler des Jahres gewählt.

8. Februar: Fehlstart in die Restrunde: Im Hessenderby gibt es für die MT in Wetzlar eine 22:27-Niederlage.

11. März: Nach dem 28:22-Heimsieg in der Europacup-Gruppenphase gegen Anaitasuna in Spanien erklärt Spielmacher Patrik Fahlgren sein Team zur Ketchup-MT: „Du haust ständig auf die Flasche, probierst alles – nichts passiert. Aber plötzlich geht’s, es flutscht, und alles kommt auf einmal heraus.“

1. April: Nerven behalten: Melsungen beschließt nach 33:19-Heimsieg gegen Cocks aus Finnland die Gruppenphase im EHF-Pokal als Erster und zieht in die Runde der letzten Acht ein.

29. April: Das Wunder bleibt aus. Nach einer 23:31-Heimpleite vor 3800 Zuschauern in Kassel gegen den französischen Spitzenklub St. Raphael Var scheidet die MT im Europapokal aus und verpasst damit das Final Four in Göppingen.

17. Mai: Der Wechsel des nächsten Europameisters ist fix. Melsungen gibt bekannt, dass neben Finn Lemke und Tobias Reichmann auch Gummersbachs Torjäger Julius Kühn im Sommer kommen wird.

4. Juni: Auch im zehnten Punktspiel in Folge bleibt die MT ungeschlagen. Mit dem 28:26 im letzten Saison-Heimspiel gegen Leipzig schraubt die Mannschaft ihre Erfolgsbilanz auf 19:1-Zähler. Nach dem Spiel werden unter anderen die langjährigen Leistungsträger Nenad Vuckovic, Patrik Fahlgren und Johannes Sellin verabschiedet.

10. Juni: Melsungen beschließt die Runde auf dem siebten Platz. Zum Abschluss gibt es eine 28:33-Niederlage beim designierten Meister Rhein-Neckar Löwen.

12. Juli: Es geht wieder los. Die MT startet mit einem straffen Programm in die Vorbereitung: Foto-Termine, Einkleiden, Laufanalysen. Und da Arjan Haenen 30 Jahre alt wird, bekommt er von den Kollegen spontan ein Ständchen.

10. August: MT-Sommerparty bei Sponsor Glinicke – und die Premiere im Autohaus Hessenkassel wird ein voller Erfolg. 1000 Fans feiern das Team in den Verkaufsräumen.

18. Oktober: Herbe Enttäuschung: Die MT verliert das Achtelfinal-Pokalspiel gegen Leipzig 22:27.

25. Oktober: Wichtige Personalien: Der Vertrag mit den Müllers wird vorzeitig um zwei Jahre verlängert. Daneben bestätigt Melsungen die Verpflichtung des Dänen Simon Birkefeldt zur Saison 2018/19.

3. November: Linksaußen Jeffrey Boomhouwer wird vorläufig suspendiert und aus dem Kader für die Partie in Leipzig gestrichen.

16. November: Die Rothenbach-Halle gleicht einem Tollhaus: Die MT bringt dem Meister Rhein-Neckar Löwen, zuvor neunmal in Folge siegreich, eine 26:29-Niederlage bei.

17. Dezember: Zum siebten Mal in dieser Hinserie ist die Kasseler Rothenbach-Halle ausverkauft. Nur das Ergebnis passt nicht: 27:30 gegen Göppingen.

26. Dezember: Erfolgreicher Jahresabschluss: Beim VfL Gummersbach feiert die MT einen 25:17-Kantersieg.

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