MT-Spieler und Nationalspieler

"Oft nur die Decke angestarrt": MT-Profi Julius Kühn spricht erstmals über Verletzung

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Lang ist es her: Julius Kühn hat seit vier Monaten nicht mehr das MT-Trikot getragen. 

Lange Zeit wollte sich Julius Kühn nicht äußern. Zu tief saß der Frust. Nun spricht der Handballer der MT Melsungen erstmals über seine Leidenszeit nach dem Kreuzbandriss. 

Vor fast exakt vier Monaten ist es passiert. Im Testspiel der Handball-Nationalmannschaft gegen die Auswahl des Kosovo riss sich Julius Kühn das Kreuzband im rechten Knie. Seitdem ist der Profi der MT Melsungen zum Zuschauen verdammt. Auch am Donnerstag beim bereits ausverkauften Heimspiel gegen den THW Kiel wird Kühn den heimischen Bundesligisten nur von der Tribüne aus unterstützen können. Im Interview spricht er erstmals über seine Leidenszeit.

Herr Kühn, wie geht’s dem Knie?

Sehr gut, danke. Die Operation liegt nun 16 Wochen zurück. Ich habe schon länger keine Schmerzen mehr. Nach Wochen auf dem Laufband bin ich zuletzt sogar wieder draußen gelaufen – zwar nur eine halbe Stunde, aber es hat sich gut angefühlt. Vom Kopf her war das der nächste Meilenstein.

Heißt das etwa, dass sich die MT-Fans auf eine Rückkehr noch in dieser Saison freuen können?

Theoretisch ja. Aber ich will nichts überstürzen und vernünftig sein. Ich habe schlichtweg Angst davor, dass ich zu früh wieder loslege. Vor allem weil in der nächsten Saison eine Europameisterschaft und die Olympischen Spiele auf dem Programm stehen. Jetzt bei der WM zu fehlen, war hart genug. Auch vonseiten der MT wird kein Druck aufgebaut. Manager Axel Geerken und Trainer Heiko Grimm hatten mir sofort versichert, dass ich allein entscheide, wann ich wieder zurückkehre.

Dieser Kreuzbandriss ist Ihre erste schwerwiegende Verletzung. Wie haben Sie den Rückschlag mental weggesteckt?

Das war richtig brutal. Ich wusste, dass für mich die WM gelaufen ist und vermutlich auch die Saison. Damit hatte ich sehr zu kämpfen. Im November direkt nach der Operation konnte ich nichts machen. Ich lag nur auf dem Sofa und hatte zu nichts Lust. Ich habe oft nur die Decke angestarrt. So etwas will ich nie mehr erleben.

Wie haben Sie sich aus dem Tief herausgezogen?

Ich habe viel Zuspruch bekommen und viel mit meiner Familie gesprochen. Irgendwann habe ich mich mit der Situation abgefunden und eingesehen, dass es ja weitergehen muss. Und dann habe ich mich an kleinen Erfolgen hochgezogen – zum Beispiel, als ich endlich die Krücken nicht mehr brauchte und als sich zum ersten Mal das Knie wieder etwas beugen ließ.

In der kommenden Woche absolviert die Nationalmannschaft einen Lehrgang. Werden Sie beim Team vorbeischauen?

Bundestrainer Christian Prokop hat angerufen – er wollte mich dazu holen. Aber nächste Woche bin ich zur Reha in Donaustauf. Am Samstag beim Spiel gegen die Schweiz werde ich dabei sein.

Hat sich der Frust über Ihr WM-Aus inzwischen gelegt?

Ich hatte das Turnier ganz bewusst nicht verfolgt. Die Bilder hatte ich trotzdem mitbekommen und mit einem lachenden und weinenden Auge gesehen. Aber ganz ehrlich: Ich war froh und erleichtert, als die WM vorbei war. Danach ging es für mich kopfmäßig nur noch bergauf.

Wie eng ist derzeit Ihr Kontakt zum MT-Team?

Wir verletzten Spieler sind dreimal pro Woche im Mannschaftstraining anwesend. Macht ja auch Sinn bei so vielen Ausfällen. Mit den Jungs pflege ich jedenfalls wieder engen Kontakt. Und das tut mir gut. Schließlich war ich in den vergangenen Wochen wegen der Reha viel weg.

Apropos viele Verletzte: Wie sehen Sie die Entwicklung der Mannschaft vor diesem Hintergrund?

Die Mannschaft macht das Bestmögliche aus dieser Situation. Der Sieg zuletzt in Göppingen war sehr imposant. Jeder bringt sich ein. Die Last ist auf mehreren Schultern verteilt. Nur weil einige Spieler fehlen, heißt das nicht gleich, dass wir die Saison abgeschrieben haben.

Ist mit diesem Teamgeist gegen den THW etwas auszurichten?

Kiel hat für mich die ausgeglichenste Mannschaft der Liga und eine unglaubliche Qualität im Kader. Allerdings sind wir zu Hause schwer zu knacken, und wenn unsere Torhüter einen Top-Tag erwischen – wer weiß...

Inwieweit unterstützen Sie Ihre Mannschaft?

Ich bin nicht der Typ, der sich bei Ansprachen in den Vordergrund drängt. Diesen Job übernehmen ohnehin andere. Ich habe mich bislang auch mit Tipps zurückgehalten. Außerdem sind die Kollegen Profis genug. Und gegen den THW brauchen sie sowieso keine Extra-Motivation.

Mal abgesehen davon, dass Sie nicht spielen können: Was nervt am meisten an so einer aufgezwungenen Pause?

Auf jeden Fall ist es schöner, fit zu sein. Wegen Reha und Fitnesstraining war mein Terminplan noch nie so voll wie jetzt. Vor allem nervt es mich, dass ich nicht mit dem Ball trainieren kann. Ab April werde ich ins Mannschaftstraining einsteigen. Und endlich wieder Bälle aufs Tor werfen. Auf diesen Moment freue ich mich.

Zur Person

Julius Kühn steht seit Sommer 2017 beim Handball-Bundesligisten MT Melsungen unter Vertrag. Der 25-Jährige spielte zuvor für den VfL Gummersbach, Tusem Essen, HSG Düsseldorf und TV Aldekerk. Mit der Nationalmannschaft gewann der gebürtige Duisburger 2016 den EM-Titel. 

Die Heim-WM im Januar verpasste der Rückraumschütze wegen eines im Oktober erlittenen Kreuzbandrisses. Parallel zu seiner Karriere absolviert Kühn an der Fernuniversität Hagen ein Studium der Wirtschaftswissenschaften.Ende März stehen für ihn weitere Prüfungen an. Kühn ist in festen Händen.

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