Philipp und Michael Müller über ihren Abschied im Sommer

Müller-Abschied bei der MT Melsungen: Es brach eine kleine Welt zusammen

+
Im Sommer trennen sich ihre Wege: Philipp (links) und Michael Müller. 

Sie haben sechs Jahre das Bild des Handball-Bundesligisten MT Melsungen geprägt. Im Sommer verlassen Philipp und Michael Müller Nordhessen. Wir sprachen mit den Brüdern.

Am Montag teilte die MT mit, dass die Müller-Zwillinge Philipp und Michael keine Rolle mehr in den Planungen spielen werden und bereits im Sommer gehen müssen. Einen Tag nach der Bekanntgabe haben wir Michael und Philipp Müller zum Interview getroffen.

Zwar freuen sie sich darüber, dass sie mit den Füchsen Berlin beziehungsweise dem SC DHfK Leipzig schon neue Klubs gefunden haben, die Enttäuschung über den vorzeitigen Abschied war aber auch spürbar.

Vor fast genau elf Jahren haben sich Ihre beruflichen Wege schon einmal getrennt. Wie blicken Sie jetzt auf Ihre bevorstehende Trennung?

Michael Müller: Damals war es etwas anderes. Wir sind zusammen nach Großwallstadt gegangen, erstmals von zu Hause weg. Da war vieles neu. Jetzt sind wir reifer, haben beide schon eigene Familien und wissen auch, wie das Handball-Geschäft läuft.

Philipp Müller: Gerade den Faktor Familie hat man im Kopf. Richtig realisieren werden wir die Trennung erst, wenn wir in unterschiedlichen Städten morgens aufwachen, wenn die Vorbereitung bei einem anderen Verein beginnt.Das 

Wie groß ist die Enttäuschung, dass Sie nun schon vor dem ursprünglichen Vertragsende die MT verlassen werden?

M. Müller: Schon sehr groß, weil wir uns die Zukunft bis vor ein paar Wochen anders vorgestellt hatten. Bei unseren Planungen ging es um die Zeit ab 2020, nicht ab 2019. Als uns mitgeteilt wurde, dass ab diesem Sommer nicht mehr mit uns geplant wird, ist für mich eine kleine Welt zusammengebrochen. Handball ist seit Jahren meine Leidenschaft, und diese Entwicklung ist sehr schade, weil ich gern selbst den Zeitpunkt meines Karriereendes bestimmt hätte. Zumal wir uns sehr wohl fühlen hier. Unsere Kinder sind hier geboren, unsere Partnerinnen haben hier Jobs, und wir haben auch außerhalb des Handballs viele Freunde gefunden.

Inwieweit ist das Ego angekratzt?

P. Müller: Als ich meinen Vertrag 2017 verlängerte, da waren Julius Kühn und Finn Lemke schon für den linken Rückraum da. Ich wusste, welche Rolle ich haben werde und dass ich vermehrt Abwehr spielen werde. Wir haben in den letzten sechs Jahren mit der MT viel erreicht, so hat das Ganze für uns einen faden Beigeschmack. Ich bin auch davon überzeugt, dass es in Melsungen noch ein Jahr sportlich gereicht hätte. Es tut weh, aber wir sind Profisportler und können mit der neuen Situation leben.

Wie oft haben Sie daran gedacht, die Karriere in diesem Sommer zu beenden?

P. Müller: Natürlich haben wir uns damit beschäftigt. Wir haben auch Weltmeisterschaft geschaut und uns die Kaderlisten mit den Jahrgängen der Spieler angesehen. Die meisten sind deutlich jünger. Ich weiß gar nicht, wie viele Feldspieler es in der Bundesliga noch gibt, die älter sind als wir. Wir sind die Dinosaurier. Und da ist es nicht selbstverständlich, dass jetzt solche Vereine wie Leipzig und Berlin auf uns zukommen. Doch diese Klubs haben unsere Qualitäten erkannt.

M. Müller: Die letzten Wochen gab es ein primäres Gesprächsthema. Wie geht es weiter? Bis vor einer Woche war ich eigentlich so weit zu sagen, dass ich im Sommer mit Handball aufhöre. Ich wollte nicht mehr zu einem Team, das gegen den Abstieg spielt. Ich habe zu meiner Freundin gesagt: Wir gehen nur noch dahin, wenn es für zwei Jahre ist, wenn alles passt, uns die Stadt gefällt und es auch sportlich reizvoll ist. Über das Angebot aus Berlin habe ich mich riesig gefreut.

Sie werden zu interessanten Klubs wechseln. Wie viel Genugtuung empfinden Sie dabei?

M. Müller: Es ist auf jeden Fall eine Bestätigung für unsere Leistung in den vergangenen zehn Jahren. Wir haben eine Marke hinterlassen, die andere gut finden. Wir passen offenbar nicht mehr in die Melsunger Spielphilosophie.

P. Müller: Unsere Mannschaftskollegen bedauern es, dass wir gehen müssen, haben sich zugleich aber auch mit uns gefreut, dass wir anderswo solche Wertschätzung erfahren. Wer uns kennt, der weiß, dass wir auch schon mal anecken, aber dass man sich auf uns immer zu 100 Prozent verlassen kann.

Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen blicken Sie auf den Rest dieser Saison?

M. Müller: Es ist schon eine gewisse Befreiung, dass wir nun wissen, wie es weitergeht. Mit diesem Gefühl freue ich mich auf die nächsten Wochen, auf die Halle, auf die gute Stimmung. Und sportlich ist ja auch noch ein Europapokalplatz erreichbar. Für uns steht der Erfolg des Vereins, für den wir spielen, im Vordergrund. Warum werden wir denn von gegnerischen Fans schnell mal ausgepfiffen? Weil wir immer unbedingt gewinnen wollen. Vielleicht ist es manchmal etwas zu viel Gemotze, zu viel Aggressivität. Aber auch das nur, weil wir nie aufgeben. Und das wird auch in den letzten Spielen bei der MT so sein.

P. Müller: Wir sind Profis. Wir haben immer noch das Melsunger Trikot an. Und wir sind nicht nur uns selbst, sondern auch der Mannschaft und den Fans schuldig, dass wir uns keine Sekunde hängen lassen. Wenn ich irgendwann mal zurückkomme, möchte ich mir nicht nachsagen lassen, ich hätte in den letzten Spielen keine Lust mehr gehabt.

Handball-Bundesliga: Das ist der Spielplan der MT Melsungen für die Saison 2018/2019

Zu den Personen

Michael Müller (34 Jahre) kam wie sein Bruder Philipp im Sommer von der HSG Wetzlar 2013 zur MT Melsungen. Seine vorherigen Stationen: Rhein-Neckar Löwen, TV Großwallstadt, Tuspo Obernburg, Haspo Bayreuth. Der Rückraum-Rechte bestritt 78 Länderspiele für Deutschland. Er ist in festen Händen und hat ein Kind.

Philipp Müller (34) spielte von 2008 bis 2010 in Balingen, stand aber sonst die meiste Zeit für denselben Verein unter Vertrag wie sein Bruder Michael. Der Halblinke kam auf zwei Länderspiele. Auch Philipp Müller ist vergeben und hat ein Kind.

Aus dem Archiv:  Michael und Philipp Müller: „Wir verlieren äußerst ungern“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.