Interview: MT-Außen kann Nicht-Nominierung nicht nachvollziehen

MT-Spieler Reichmann nicht in Nationalteam: "Ich bin enttäuscht"

Kassel. Die Woche begann für Tobias Reichmann nicht gut. Handball-Bundestrainer Christian Prokop teilte dem Außen des Bundesligisten MT Melsungen mit, dass er für die Länderspiele Ende des Monats ohne ihn plane. „Ich bin enttäuscht, weil ich damit nicht gerechnet habe.“

Das sagte Reichmann im Interview mit dieser Zeitung. Wir haben mit dem 29-Jährigen über die Nicht-Nominierung, seinen Start bei der MT und das heutige Spiel beim TuS N-Lübbecke (19 Uhr, Sky) gesprochen.

Herr Reichmann, wir haben gelesen, Sie könnten es sich vorstellen, nach Ihrer Karriere als Journalist zu arbeiten.

Tobias Reichmann: Wo stand das denn?

Dazu finden sich tatsächlich Artikel im Internet.

Reichmann: Also zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir das nicht vorstellen - übrigens genauso wenig wie als Trainer zu arbeiten. Grundsätzlich bin ich aber für alles offen, was nach dem Sport passiert.

Ihr Fokus liegt auf Ihrem neuen Klub. Wie fällt Ihre Bilanz nach drei Monaten MT aus?

Reichmann: Positiv, ich bin angekommen. Es gab zwar Startschwierigkeiten, aber in den letzten Spielen habe ich mich gefestigt, die Leistungen sind solide. Dass es anfangs nicht so gut lief, war aus meiner Sicht Kopfsache. Wenn ich gewusst hätte, woran es gelegen hat, hätte ich es schnell abgestellt.

Sie mussten sich auch erst an die neue Umgebung und das neue Umfeld gewöhnen.

Reichmann: Ich bin zwar in Berlin geboren, wir sind aber relativ schnell aufs Land gezogen. Seitdem habe ich ich nie in riesigen Städten gelebt. Kiel, Wetzlar und Kielce sind nicht so groß. Meine Familie und ich fühlen uns in Kassel sehr wohl.

Wie groß war die Umstellung von einer polnischen Weltklassemannschaft zu einem ambitionierten Bundesliga-Team?

Reichmann: Der Liga-Alltag ist auf jeden Fall anders. Da die Klasse dort nicht so ausgeglichen ist, war vieles auf die Champions League ausgelegt. Die ersten vier, fünf Punktspiele waren quasi Vorbeitungsspiele auf die Königsklasse. Erst wenn die Champions League anfängt, geht es richtig los. In Deutschland ist dies komplett anders. Da musst du in jedem Spiel Vollgas gehen.

Obwohl Sie erst ein paar Wochen da sind, hat man schon den Eindruck, dass Sie eine Führungsrolle im Team eingenommen haben. Wie war das möglich?

Reichmann: Mir kommt zugute, dass ich die beiden Müllers aus Wetzlar kannte und mit Michi Allendorf, Finn Lemke und Julius Kühn schon in der Nationalmannschaft zusammengespielt haben. Ich möchte natürlich auch die Erwartungen erfüllen und etwas von dem in mich gesetzten Vertrauen zurückzahlen. Unser Trainer möchte auch, dass sich jeder Spieler einbringt.

Der Bundestrainer hat Sie dennoch nicht zum Lehrgang eingeladen. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?

Reichmann: Ich hatte am Tag vor der Bekanntgabe mit Christian Prokop gesprochen. Ich war natürlich überrascht und auch ein bisschen enttäuscht, weil ich damit nicht gerechnet habe. Ich kann die Entscheidung nicht nachvollziehen, muss sie allerdings akzeptieren. Eine Welt bricht deswegen nicht für mich zusammen. Ich weiß, was ich kann, der Bundestrainer auch. Mal sehen, was die nächsten Wochen bringen. Die Tür zur EM ist nicht zu. Ich werde weiter an mir arbeiten und versuchen, mich zu verbessern.

Wie haben die Kollegen reagiert?

Reichmann: Sie können es auch nicht verstehen. Aber was will man jetzt noch lange lamentieren? Der Bundestrainer wird seine Gründe haben.

Es geht heute in der Liga weiter. Ihr bisheriger Eindruck?

Reichmann: Man spricht gern von den großen Drei. Kiel hat mit Sicherheit eine gewisse Qualität. Aber ich finde, dass die Löwen und Flensburg eine Stufe höher einzuordnen sind als die sieben, acht Mannschaften, die dahinter folgen. An einem guten Tag können wir auch eine Spitzenmannschaft schlagen. Es ist allerdings gut zu sehen: Wer mit nur 80 Prozent in eine Partie geht, der verliert - auch gegen einen Aufsteiger.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Reichmann: Für die Zuschauer ist dies super: Die Ausgeglichenheit bringt viel Spannung. Was die Sky-Übertragungen betrifft, erhalte ich ein geteiltes Echo. Einige freuen sich über die Berichterstattungen - auch, weil die Qualität besser ist als bei Sport 1. Andere ärgern sich, weil sie dafür zahlen müssen. Aus meiner Sicht sind die Anwurfzeiten am Sonntagmittag nicht das Gelbe vom Ei. Da spielen viele Amateure selbst.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Begegnung beim Schlusslicht in Lübbecke?

Reichmann: Wir haben uns in den letzten Spielen viel Selbstvertrauen geholt. Durch die Rückkehr der zuletzt verletzten Philipp Müller und Timm Schneider haben wir im Angriff wieder mehr Möglichkeiten und können in der Abwehr die Belastung besser verteilen. Wir sind gut vorbereitet und wollen den dritten Sieg in Folge.

Wenn Sie Journalist wären, welche Überschrift würden Sie der heutigen Partie geben?

Reichmann: Die MT darf Lübbecke nicht unterschätzen.

Zur Person

Tobias Reichmann (29) trägt seit Sommer das Trikot der MT Melsungen. Weitere Stationen des gebürtigen Ost-Berliners: Cottbus, SC Magdeburg, THW Kiel, HSG Wetzlar, Kielce/Polen. 2016 holte der Handballer mit dem deutschen Team EM-Gold und Olympia-Bronze. Reichmann ist verheiratet. Mit Frau Sarina hat er zwei Kinder: Karl Henry und Ella Sophie.

Von Björn Mahr und Torsten Kohlhaase

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