Er war eine Zeit lang sogar Kapitän

Mehr als neun Jahre bei der MT - Nenad Vuckovic wird verabschiedet: Sein Herz schlägt rot-weiß

So bleibt er in Erinnerung: Nenad Vuckovic als Antreiber im Oktober 2016. Foto:  Fischer

Kassel. Wenn die MT Melsungen am Sonntag den SC DHfK Leipzig zum letzten Heimspiel der Handball-Saison empfängt (15 Uhr), wird Nenad Vuckovic wegen eines Mittelhandbruchs nicht mitmischen können.

Trotzdem wird dieser Tag ein besonderer sein für den 36 Jahre alten Serben. Denn er wird nach mehr als neun Jahren im Trikot der MT verabschiedet. Kein Wunder, dass der Mittelmann Sätze wie diese sagt: „Ein komisches Gefühl. Das wird sehr emotional. Ein Abschied aus Melsungen - das passte nicht in meine Vorstellung. Aber so ist das nun mal im Profisport.“ 

Keine Frage, da endet eine Ära. Vuckovic war Antreiber, Spielgestalter und eine Zeit lang sogar Kapitän - in fast zehn Jahren kommen zahlreiche Erlebnisse zusammen.

Nenad Vuckovic über ...

sportliche Höhepunkte: „Zweimal am Final Four in Hamburg teilzunehmen, war schon klasse. Was sich aber richtig eingebrannt hat, ist der Auswärtssieg in Kiel im Dezember 2012. Der THW hatte davor eine gefühlte Ewigkeit zu Hause nicht mehr verloren. Unmittelbar nach dem Spiel hatte ich die Bedeutung noch gar nicht realisiert. Aber als wir dann in Melsungen ankamen, sind wir von 15 bis 20 Fans empfangen worden. Nachts um drei. Da habe ich gemerkt: Okay, wir haben etwas Sensationelles geschafft.“

sportliche Tiefpunkte: „Das war die knappe Heimniederlage gegen Göppingen im November 2010. Da waren wir Tabellenletzter mit 0:24 Punkten. Wir hatten mitgehalten. Das entscheidende Tor fiel erst in der letzten Sekunde. Normalerweise denke ich immer positiv. Doch da habe ich mich gefragt: Was sollen wir noch machen? Ich dachte ernsthaft, dass wir absteigen.“

die Entwicklung der MT: „Für so eine Entwicklung wie in den vergangenen Jahren bin ich im Januar 2008 zur MT gekommen. Europapokal, Top fünf/sechs in der Liga - ich bin froh und stolz, dass ich Teil dieser Entwicklung war. Ich hatte nur noch gehofft, mit der MT einen Champions-Legaue-Platz zu erreichen.“

wichtige Weggefährten: „Da gibt es so viele. Einen Einzelnen möchte ich gar nicht hervorheben.“

Dinge, die er vermissen wird: „Mal abgesehen von der leckeren Wurst in Nordhessen, wird mir die Stimmung in der Halle fehlen. Die Fans. Wir waren in Flensburg, in Kiel, aber die Atmosphäre in der Rothenbach-Halle ist etwas Besonderes. Mein Herz schlägt rot-weiß. Überhaupt ist mir die Region ans Herz gewachsen. Mit meiner Familie war ich zigmal am Herkules. In Melsungen haben wir uns pudelwohl gefühlt. Die Leute sind unglaublich nett. Mein Sohn Aleksa ist dort in den Kindergarten und in die Schule gegangen. Das alles hier bleibt immer in meinem Herzen.“

Dinge, die er gar nicht vermissen wird: „Das Wetter.“

Rückhalt: „Familie steht über allem. Ich bin meiner Frau Marija unglaublich dankbar. Ich weiß nicht, ob ich es ohne ihre Unterstützung geschafft hätte. Sie hat die Gabe, immer etwas zu finden, damit es mir gut geht. Und natürlich sind da meine beiden Jungs. Aleksa ist jetzt neun und Andrej zwei Jahre alt. Melsungen und Nordhessen sind fürs Familienleben super. Ich bin nicht umsonst neuneinhalb Jahre hier geblieben. Ich hatte zwar Angebote. Aber wenn du nicht mehr allein bist, bist du auch nicht mehr die wichtigste Person.“

seine persönliche Entwicklung: „Na ja, wenn ich mir alte Fotos angucke, muss ich schon ein bisschen lachen. Ansonsten kann ich mich nicht beschweren. Du bleibst nur so lang in der Bundesliga, wenn du ständig Qualität zeigst. Ich trainiere viel. Und dass ich als Ausländer Kapitän war, ist etwas Besonderes und eine Bestätigung. Insgesamt gefällt mir die deutsche Mentalität. Niemals aufhören, niemals aufgeben - das passt zu mir.“

Rückschläge: „Ich hatte immer mal wieder mit Verletzungen zu kämpfen. In Serbien gibt es ein Sprichwort, das übersetzt etwa so lautet: Man weiß nie, warum das gut ist. Ich habe die Rückschläge angenommen. Sie gehören zum Sport. Auch jetzt sehe ich den Mittelhandbruch nicht als Karriereende.“

die Zukunft: „Das wird schon seltsam. Früher sind wir in den Ferien zum Besuch nach Serbien gefahren. In Zukunft läuft es umgekehrt. Rein sportlich muss ich abwarten und erst mal 100 Prozent fit werden. Noch habe ich keinen Verein. Finanziell muss ich mir keine Sorgen machen. Aber ich würde gern noch ein Jahr oder zwei Jahre spielen - allerdings muss es sportlich passen. Auch mit 36 habe ich noch Lust zu trainieren. Wenn ich Handball gucke, brennt es immer noch.“

Im Mai 2016 besucht er mit Ehefrau Marija und den Söhnen Aleksa und Andrej die Wasserspiele im Bergpark Wilhelmshöhe.

Zur Person

Nenad Vuckovic (36) wird am 23. August 37 Jahre alt. Seit Januar 2008 trug der Serbe das Trikot des Handball-Bundesligisten MT Melsungen. Zuvor spielte er in seiner Heimat für Roter Stern Belgrad und in Frankreich für Chambery. Mehr als 100 Mal lief er für die serbische Auswahl auf. Sein größter Erfolg mit der Nationalmannschaft: der Gewinn der Vize-Europameisterschaft 2012 im eigenen Land. Auch bei den Olympischen Spielen 2012 in London war er dabei. Vuckovic ist mit Marija verheiratet. Sie haben zusammen zwei Söhne: Aleksa und Andrej.

Das sagen

Barbara Braun-Lüdicke, Aufsichtsratsvorsitzende

„Nenad und unser damaliger Sportlicher Leiter Alexander Fölker unterhielten sich meistens auf Französisch. Beide spielten jahrelang in Frankreich. Das war schon verrückt: Der eine Serbe, der andere Rumäne, verständigen sich auf Französisch, und eigentlich verstehe ich die Sprache ganz passabel - aber die beiden habe ich nie verstanden. Ansonsten ist Nenad für mich Mister Zuverlässig. Auch wenn es turbulent zuging, er blieb stets ruhig. “ 

Für eine HNA-Aktion schlüpft er im Dezember 2010 ins Weihnachtsmannkostüm

Matthias Horn, Mannschaftsbetreuer

„Damit sich die Spieler in lockerer Atmosphäre besser kennenlernen können, gab es bei mir den einen oder anderen Grillabend - mit kleiner Pokerrunde. Nenad liebt Pokerspiele, aber 2009 schaute er am Ende nur noch ratlos seinen Nebenmann an. Denn Robert Lechte, der damalige schwedische Torwart, hatte ihm regelrecht die Socken ausgezogen.“ 

Marion Viereck, Fanclub Bartenwetzer

„Auf Nenad Vuckovic war immer Verlass. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir 2008 zu einer unserer traditionellen Wanderungen mit der Mannschaft aufgebrochen sind. Unsere Vorsitzende Karin Wenderoth und ich hatten damals nicht damit gerechnet, dass er seine Frau Marija und den noch nicht einmal ein Jahr alten Sohn Aleksa mitbringen würde. Doch dann kam er mit Kind und Kegel. Als es über Stock und Stein ging, packten alle Kollegen mit an den Kinderwagen an. “ 

Felix Danner, Teamkollege

„Nenad ist ein Musterprofi. Als ich zur MT kam, war er schon ein Jahr da. Wir haben uns gleich gut verstanden. Er macht es einem leicht, ins Team zu kommen. Er ist einer, der vorangeht und alles für seinen Nebenmann macht - auch privat. Die Rolle als Kapitän hat er sehr gut ausgefüllt. Er hat immer darauf geachtet, dass es allen gut geht. Und als Familienmensch hat er stets versucht, bei Aktionen die Familien mit einzuschließen.“ 

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