Die Akte Johannes Sellin

Sellin bestreitet gegen die Rhein-Neckar Löwen sein letztes MT-Spiel

Spektakulär: Johannes Sellin mit Ehefrau Julia auf dem Pedra do Telegrafo in Rio de Janeiro. Foto:  privat

Kassel. Im Sommer 2013 trat Johannes Sellin ein schweres Erbe an. Der junge Mann mit den wilden Locken sollte die Lücke füllen, die Torjäger und Publikumsliebling Savas Karipidis auf Rechtsaußen bei der MT Melsungen hinterließ.

Nun muss Sellins Nachfolger Tobias Reichmann in verdammt große Fußstapfen treten. Wenn die Nordhessen heute zum Saisonfinale beim Deutschen Meister Rhein-Neckar Löwen antreten (16 Uhr), wird der 26 Jahre alte Rechtsaußen zum letzten Mal das MT-Trikot tragen.

In vier Jahren beim heimischen Handball-Bundesligisten hat der aus Berlin gekommene Linkshänder eine enorme Entwicklung genommen. „Ich hatte vier schöne Jahre hier. Ich bin den Melsungern dankbar, dass sie mich mit 21 verpflichtet haben“, sagt Sellin, „ich habe die Chance bekommen und genutzt.“ Europameister, Torschütze vom Dienst und: Es wurde selten langweilig mit ihm - wir denken an den Spaß mit der Raute beim Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel.

Die Akte Sellin wird nach der Partie in Mannheim geschlossen. Grund genug, an das eine oder andere Kapitel während seiner MT-Zeit zu erinnern:

• Kapitel eins - Gegenstoßspezialist: 603-mal traf er für die Nordhessen. Damit gehört er zu den erfolgreichsten Werfern der MT-Bundesliga-Geschichte - nach Savas Karipidis (996, von 2007 bis 2013), Nenad Vuckovic (915) und Michael Allendorf (865). In seinem letzten Jahr für die MT ließ es Sellin noch einmal richtig krachen - treffermäßig. „Unsere Hintermannschaft hat extrem für mich gespielt und mir viele Gegenstöße ermöglicht“, lobt der scheidende Außen die Kollegen.

Mit seinen fünf Treffern zuletzt gegen Leipzig knackte er erstmals die 200-Tore-Marke innerhalb einer Saison. Mit aktuell 201 Treffern liegt er hinter dem Wetzlarer Philipp Weber und dem Magdeburger Robert Weber (beide 210) an dritter Position. Wenn Sellin im März verletzungsbedingt nicht einige Partien verpasst hätte, wäre er wohl jetzt die Nummer eins. Vielleicht holt er sich bei seinem neuen Arbeitgeber HC Erlangen die Torjägerkrone: „Ich bin erst 26 und habe noch Entwicklungspotenzial.“

• Kapitel zwei - Facettenreichtum: Sellin passt in keine Schublade. Teamkollege Philipp Müller beschreibt ihn so: „Er ist ein sympathischer Chaot.“ Dazu passt, dass der Rechtsaußen auch schon mal seine Trainingsschuhe vergisst. Sellin habe zahlreiche Facetten, stecke voller Ideen und habe ständig irgendwelche Projekte am Laufen. Müller erklärt den Typ Sellin mithilfe eines Beispiels: „Einmal tritt er total souverän auf, und schon am nächsten Tag verkündet er voller Ernst, dass er Börsenmakler werden will.“

Gegenüber Journalisten zeigte Sellin ebenfalls seinen Facettenreichtum. Manchmal sprudelte es aus ihm heraus. Und dann erwies er sich als ein Gesprächspartner, für den das Wort einsilbig erfunden wurde. Wie gesagt: Langweilig wurde es selten mit ihm.

• Kapitel drei - Playstation: Wohin die MT auch zu Auswärtsspielen reisen musste, eines hatte Sellin bei Hotelübernachtungen immer dabei: die Playstation. „Während der Europapokal-Tour in dieser Saison hat er für die Jungs auf der Playstation ein Fußball-Turnier organisiert“, berichtet Philipp Müller. Und zwar mit voller Inbrunst. Bis in kleinste Detail geplant. Auch so eine Eigenschaft des gebürtigen Usedomers: Hat sich Sellin etwas in den Kopf gesetzt, will er es auf Teufel komm raus durchziehen - auch wenn es sich lediglich um ein Turnier auf einer Spielkonsole handelt.

• Kapitel vier - Vielflieger: Lange Zeit führte Sellin eine Fernbeziehung: Sie, Julia, lebte in Brasiliens Metropole Rio am Atlantik, er, Johannes, im beschaulichen Melsungen an der Fulda. Sobald er Urlaub hatte, ging es zu ihr nach Südamerika. Bei einem Besuch stieg er mit Julia zusammen auf den Pedro do Telegrafo. „Das war mega-anstrengend“, erinnert sich der Handball-Profi. Aber der Lohn war ein fantastischer Ausblick - und ein spektakulärer Schnappschuss. Im Juli 2016 kam Julia mit nach Melsungen. „Sie hat mir viel Kraft gegeben“, sagt Sellin, „das erklärt wohl auch meine Leistungsexplosion.“

Zur Person

Johannes Sellin (26) wird am 31. Dezember 27 Jahre alt. 2013 kam der Rechtsaußen von den Füchsen Berlin zur MT Melsungen. Das Handballspielen lernte er in seiner Heimat beim HSV Insel Usedom. Im Januar 2016 gewann er mit der Nationalmannschaft die Europameisterschaft. Der Linkshänder wird zukünftig für den HC Erlangen auf Torejagd gehen. Im vergangenen Winter heiratete Sellin seine brasilianische Freundin Julia.

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