Interview

„Handball-WM in Ägypten derzeit schwer vorstellbar“

Bundesliga HBL Rothenbach-Halle Kassel: Engagiert für den Handball: Michael Roth hier als Trainer der MT Melsungen.  
Archivfoto: DIETER SCHACHTSCHNEIDER/NH
+
Engagiert für den Handball: Michael Roth hier als Trainer der MT Melsungen. Archivfoto: DIETER SCHACHTSCHNEIDER/NH

„Eine Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten vom 13. bis 30. Januar, das ist für mich zum jetzigen Zeitpunkt schwer vorstellbar“, sagt Michael Roth, von 2010 bis 2018 Trainer der MT Melsungen und zuletzt Nationaltrainer in Bahrain.

Kassel/Hamburg - Und der 58-Jährige weiß im Gegensatz zu vielen anderen Diskutanten derzeit, wovon er spricht: Mit dem Team aus Bahrain war er erst kürzlich mit seinem Team zu zwei Länderspielen in Kairo.

Herr Roth, was haben Sie in Ägyptens Hauptstadt erlebt?

„Viele, viele Menschen in einer pulsierenden Stadt – ohne spürbare Hygienekonzepte, einen sehr laxen Umgang mit den Gefahren der Pandemie, keine Kontaktbeschränkungen, keine Maskenpflicht. In unserem Hotel wurde drei große Hochzeiten gefeiert, die Sporthalle war relativ offen. Bei einem Spiel waren sogar zwei, drei Schulklassen da. Vor uns hat eine Vereinsmannschaft trainiert, danach gab es keine Säuberung, keine Desinfektion, nichts.“

Hat Sie das überrascht?

„Ja, absolut. Ich hatte erwartet, dass die beiden Länderspiele wie ein WM-Test unter Coronabedingungen ausgerichtet werden können. Die Chance wurde verpasst. Stattdessen habe ich erfahren, dass Ägypten mit Corona wenig zu tun hat oder zu tun haben will.“

Macht unter diesen Voraussetzungen eine WM mit 32 Mannschaft dort Sinn?

„Nein, natürlich nicht. Eine Handball-Weltmeisterschaft dort vom 13. bis 30. Januar, das ist für mich nach diesen Erfahrungen zum jetzigen Zeitpunkt schwer vorstellbar. Es gibt viel Chaos in Kairo, den offiziell genannten Infektionszahlen traue ich nicht. Zumal bei der WM ja viele Menschen zusammenkommen von vielen Kontinenten und aus vielen Ländern, wo wir teilweise sehr wenig wissen über den Umgang mit der Pandemie.

Natürlich kann es sein, dass die Ägypter für die WM viel mehr tun werden als heute, dass sie dann ganz andere, europäische Standards erfüllen. Aber jetzt bin ich da sehr kritisch, sehe große Probleme. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich über fast drei Wochen niemand aus dieser Blase infiziert. Gerade in der Kontaktsportart Handball kann sich das Virus dann entsprechend einfach verbreiten.“

Sie raten also dem Deutschen Handball-Bund zu einem WM-Verzicht oder zu einer Verlegung des Turniers?

„Das maße ich mir nicht an. Ich berichte, was ich erlebt habe. Aber ein Verzicht auf das Turnier würde der Bundesliga Luft verschaffen in der aktuellen Terminhatz. Eine Verlegung ist das Nachdenken wert. Momentan fällt wegen mehrerer Corona-Infektionen ein Spiel nach dem anderen aus. Und ich bin sicher: Bei den bisherigen Absagen wird es nicht bleiben, da werden noch weitere hinzukommen.“

War die Reise nach Ägypten der Grund für ihren Abschied aus Bahrain nach nur sechs Wochen?

„Die Erlebnisse waren der letzte Mosaikstein für die Entscheidung, da kam einiges zusammen. Als ich im August unterschrieben habe, deutete in Europa vieles auf ein Ende der Pandemie hin. Und auch in Bahrain habe ich sehr sicher gefühlt. Und ich wusste, dass dort zumindest mittelfristig Aufbauarbeit nötig sein wird. Aber ich bekam dann vor Ort nicht den Eindruck, dass der Verband offen ist für Neuerungen. Die fünf besten Spieler waren in meiner Zeit nie anwesend. Und so kamen mir erste Zweifel, ob sich ein Einsatz lohnt, ob es Sinn macht, da Energie reinzustecken.“

Und sonst?

„Na ja, in Ägypten habe ich mich dann gefragt, ob ich zwischen den Jahren zu Länderspielen nach Polen reisen möchte, ob ich bei einer WM dann drei Wochen isoliert in einer Blase leben möchte. Ob ich da rumhängen will, auf meine Frau, meine Familie und Freunde verzichten will. Unter dem Strich finde ich es unter den momentanen Umständen unangebracht, munter durch die Welt zu fliegen oder mich länger außerhalb Deutschlands und seiner medizinischen Versorgung aufzuhalten. Schließlich bin ich nach meiner überstandenen Krebserkrankung doch noch ein leichter Risikopatient.

Das Coronavirus hatte ich im März, bis heute habe ich Probleme mit dem Geruchssinn und schwitze bei Belastung mehr als früher. Nein, ich bin zu alt für dieses Risiko. Dafür verzichte ich auch auf Geld und erst einmal auf das, was ich am liebsten mache – Handball.“ (Gerald Schaumburg)

Zur Person

Michael Roth (58) begann als Handballer mit Zwillingsbruder Uli in Leutershausen, spielte danach für Großwallstadt, Eitra und Essen. Der 44-fache Nationalspieler wurde 1984 Olympiazweiter und später Trainer in Kronau-Östringen, Großwallstadt, Wetzlar, Melsungen (2010 - 18) und Berlin. Die Mannschaft der Uni Sydney betreute er zweimal unentgeltlich bei der Klub-WM. Vom 1. Oktober bis Mitte November war Nationaltrainer Bahrains. Roth hat zwei Kinder, ist in zweiter Ehe verheiratet mit Katrin in Hamburg. Er unterstützt diverse Initiativen, die sich mit dem Kampf gegen den Krebs beschäftigen. www.roth-zwillinge.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.