Eine schwere Krankheit, viele Entlassungen und einen Sonnenkönig

Fußballtrainer Peter Neururer im Interview: „Oft habe ich selbst gekündigt“

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Ansteckendes Lachen: Peter Neururer hat sich auch von schweren Rückschlägen nicht unterkriegen lassen.

Kassel. Peter Neururer hat innerhalb von 30 Jahren 16 Fußballmannschaften trainiert. Der 62-Jährige, der zurzeit die arbeitslosen Fußballprofis trainiert, war am Samstag bei den Deutschen Krankenhausmeisterschaften in Melsungen zu Gast. Wir haben mit Neururer gesprochen.

„Ich war tot“. Das haben Sie rückblickend auf Ihren Herzinfarkt im Juni 2012 gesagt. Leben Sie nach der Auferstehung anders als vor der schweren Krankheit? 

Peter Neururer: Ich hatte schon vor meinem Herzinfarkt das Leben sehr genossen. Aber jetzt genieße ich es noch intensiver. Allerdings muss ich auf meine geliebte Zigarette verzichten.

Haben Sie hier in Melsungen jemanden getroffen, der Sie damals auf der Intensivstation betreut hat? 

Neururer: Leider nicht. Ich wurde damals in einem Gelsenkirchener Krankenhaus behandelt, aber aus Gelsenkirchen ist keine Mannschaft hier in Melsungen dabei.

Sie sind jetzt Trainer der arbeitslosen Profifußballer. Wie muss man sich diesen Job vorstellen? 

Neururer: Job ist schon zuviel gesagt. In der kommenden Woche findet in Duisburg ein internationales Turnier der vertragslosen Profis statt. Ich trainiere und coache die deutsche Mannschaft.

Warum gibt es dieses Turnier? 

Neururer: Das ist praktisch ein Casting von vertragslosen Profis. Die dürfen vorspielen, und es werden viele Scouts von Profiklubs in Duisburg sein. Wenn nur ein Spieler aus meiner Mannschaft einen Vertrag bekommt, ist das schon ein Erfolg.

Sie waren von 2001 bis 2005 Trainer in Bochum. Der VfL war mit Abstand Ihre längste Station. Warum hat es nur dieses eine Mal mit einem relativ langen Engagement geklappt? 

Neururer: Wer hört, dass ich schon 16 Mannschaften trainiert habe, der denkt ich wäre schon 16-mal entlassen worden. Aber das muss man differenzierter sehen. Oft habe ich selbst gekündigt. In Bochum hätte ich beispielsweise noch länger als die von Ihnen angesprochenen vier Jahre bleiben können. Zudem bin ich einmal aus einem Vertrag herausgekauft worden. Das war bei meinem Wechsel von Aachen nach Schalke.

In einem Wikipedia-Eintrag heißt es, dass sie im Dezember 2014 - bei ihrem zweiten Engagement in Bochum - wegen vereinsschädigenden Verhaltens entlassen wurden. Womit haben Sie dem VfL geschadet? 

Neururer: Weiß ich nicht, aber ich weiß, dass unser Manager Christian Hochstätter mich loswerden wollte und nach einem Anlass gesucht hat. Dann kam es zu einem öffentlichen verbalen Schlagabtausch zwischen einem Aufsichtsratsmitglied und unserem Kapitän Andreas Luthe, weil das Aufsichtsratsmitglied nach einer 1:3-Niederlage in Ingolstadt von einer charakterlosen Mannschaft gesprochen hatte. Als ich dazu befragt wurde, habe ich natürlich Andreas Luthe zur Seite gestanden. Daraus hat dann der VfL ein vereinsschädigendes Verhalten konstruiert.

Erzählen Sie uns bitte, was im November 1990 auf Schalke passiert ist, obwohl Sie damals als Schalker Trainer sehr erfolgreich waren. 

Neururer: Das ist eine wirklich unglaubliche Geschichte. Wir waren Tabellenführer der 2. Liga, als ich zum Präsidenten Günter Eichberg kommen sollte. Ich stellte mir vor, dass mein Vertrag verlängert werden sollte. Stattdessen bekam ich die fristlose Kündigung.

Warum? 

Neururer: Eichberg, der Sonnenkönig, wollte - wie er es formuliert hat - die Krone des Aufstiegs allein sich selbst aufsetzen.

Das war aber nicht die offizielle Erklärung. 

Neururer: Natürlich nicht.

Wie lautete denn die offizielle Erklärung? 

Neururer: Eichberg und ich hatten zusammen einen Text formuliert, den Eichberg dann vorgetragen hat: „Wir haben Peter Neururer einen Vertrag angeboten, der nur für die Bundesliga gelten sollte. Das hat er abgelehnt. Er glaubt wohl nicht an den Aufstieg. Deshalb mussten wir ihm kündigen.“

Warum haben Sie denn diesen Schmarrn mitgemacht? 

Neururer: Warum wohl?

Geld?

Neururer: Die Abfindung war entsprechend.

Themenwechsel: Was war Ihr größter Erfolg als Trainer? 

Neururer: Die Qualifikation für den Uefa-Cup mit dem VfL Bochum nach der Saison 2003/2004.

Das schönste Erlebnis? 

Neururer: Der Klassenerhalt mit dem FC Köln 1996, denn ich war schon als Kind ein großer Fan des FC.

Und die größte Enttäuschung? 

Neururer: Der erwähnte Rausschmiss in Bochum wegen des angeblichen vereinsschädigenden Verhaltens.

Werden wir Sie noch mal als Trainer von nicht arbeitslosen Fußballprofis erleben? 

Neururer: Das hoffe ich doch. Jedenfalls würde ich mir Angebote von den meisten Bundesligaklubs, einigen ambitionierten Zweitligisten und interessanten ausländischen Vereinen ansehen.

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