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Oliver Bierhoff: Ein Visionär, der den Kreis nicht schließen konnte

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Von: Jan Christian Müller

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Vor der Fußball-WM in Katar - PK Deutschland
Zeit zu gehen: Oliver Bierhoff. © Federico Gambarini/dpa

Oliver Bierhoff spürt, dass es Zeit ist zu gehen. Er hinterlässt ein Lebenswerk in Frankfurt und an der brasilianischen Atlantikküste.

Frankfurt am Main – Zum dann doch recht überstürzten Abschied zu einer ungewöhnlich späten Zeit am Montagabend hat Oliver Bierhoff eine längere persönliche Erklärung abgegeben. Sie war schon am Abend zuvor angefangen und dann über den Tag seines Rücktritts präzise ausformuliert worden. Sie liest sich zweigeteilt. Erstens übernimmt der 54-Jährige nach 18 anfangs überaus erfolgreichen, am Ende aber auch lähmenden Jahren die politische und operative Mitverantwortung für das zweifache Scheitern in Folge in den Gruppenspielen der Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar. Das war überfällig. Der durchaus zur Hybris neigende Bierhoff sollte es besser aus Überzeugung getan haben und nicht ausschließlich, um dem Druck der Öffentlichkeit zu entgehen.

Zweitens verweist der einstige Visionär aber auch selbstbewusst auf das, was er beim Deutschen Fußball-Bund in jahrelanger Überzeugungsarbeit durchgesetzt hat und was dort in Stein gemeißelt mehrere Generationen an Fußballspielern begleiten wird: den DFB-Campus mit der Innovations-Akademie auf der alten Galopprennbahn in Frankfurt. Den 150 Millionen teuren Bau könnte man jetzt, da er nicht mehr da ist und sein gläsernes Büro mit Blick auf den Trainingsplatz schon wieder räumen muss, in Oliver-Bierhoff-Campus umbenennen. Denn eines ist unzweifelhaft: Ohne die Hartnäckigkeit des Ex-Nationalspielers, der draußen wenig geliebt und drinnen doch meist geschätzt wurde, wäre dieses Zukunftsprojekt niemals zustande gekommen. Denn es gab sonst lange Zeit niemanden im Deutschen Fußball-Bund, der dieses Unternehmen von Herzen unterstützt hätte.

Oliver Bierhoff: Bekannt auch als Werbeikone

Er hat verdammt dicke Bretter gebohrt. Darauf darf er zurecht stolz sein. Der Campus ist sein Lebenswerk, genau wie sein Anteil am WM-Titel 2014, für den er mit einer halsbrecherischen Entscheidung den Grundstein legte. Morgenmuffel Bierhoff ließ von einem Münchner Unternehmer unter hohem Zeitdruck an der brasilianischen Atlantikküste eine ganz nach den Wünschen des DFB ausgestattete Unterkunft direkt am Strand bauen, die seit dem Abzug des Weltmeisters als exklusive Urlaubsanlage dient. Das Campo Bahia erlangte Weltruhm. Man erreicht es nur über eine 15minütige Fährverbindung. Dahinter steckt ein typisches Bierhoff-Konzept. Der über ein Fernstudium parallel zu seiner Profikarriere zum Diplom-Kaufmann gelangte ehemalige Strafraumstürmer, Spross eines RWE-Topmanagers, pflegt grundsätzlich groß zu denken. Die kleinen Karos sind ihm immer fremd geblieben. Die Niederungen des Amateurfußballs ebenso.

Das mag auch daran liegen, dass er aufgrund seines Elternhauses bescheidene Lebensumstände nie erlebt hat. Daheim am Starnberger See besitzt der mit seiner Schwester in Essen aufgewachsene Unternehmersohn mit seiner Familie ein opulentes Anwesen. Geld genug hat er verdient in seiner aktiven Karriere, danach mit einer florierenden Werbeagentur und 18 Jahren als Führungskraft in Diensten des DFB.

Er musste als Profi einige mühselige Umwege gehen und schmerzliche Rückschläge hinnehmen, ehe die Laufbahn erst recht spät in Italien Fahrt aufnahm. Nach seinem „Golden Goal“ als Einwechselspieler bei der EM 1996 wurde er auch aufgrund seines guten Aussehens zur Werbeikone. Dennoch fühlte er sich als Fußballprofi nie ganz anerkannt. Gerne verwies er darauf, dass der „Anti-Kicker” immerhin zweimal Torschützenkönig in der Serie A wurde. Er hat sich immer irgendwie durchgesetzt, auch gegen Anfeindungen. Denn er ist auch stoisch und von unerschütterlichem Selbstvertrauen, das bisweilen die Grenze der Arroganz geringfügig überschreitet. Das gilt ja auch für sein Buch „Spielunterbrechung – man muss nicht schnell laufen, man kann auch richtig stehen“, in dem er seine Werte und Ansichten verkaufte. Mit eher mäßigen Erfolg.

Als Kapitän der Nationalmannschaft setzte der unbequeme Mittelstürmer durch, dass jeder Spieler bei Länderspielen das Schuhwerk des individuellen Vertragspartners tragen darf und nicht, wie seit dem WM-Titel 1954 üblich, die von Adidas. Später kam es nicht von ungefähr, dass er dem DFB ein Angebot von Adidas-Konkurrent Nike zutrug, was im Verband und bei dessen fränkischen Ausrüster als Affront interpretiert wurde. Der Manager sorgte freilich mit dieser Volte dafür, dass die über das A-Team generierten Marketingeinnahmen sich vervielfachten.

Persönliche Erklärung von Oliver Bierhoff Frankfurt, 05. Dezember 2022.

Nach 18 Jahren in verantwortlichen Positionen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) habe ich mit sofortiger Wirkung meine Tätigkeit als Geschäftsführer Nationalmannschaften & Akademie beendet. Darauf habe ich mich heute mit Präsident Bernd Neuendorf verständigt. Ich mache damit den Weg frei für neue Weichenstellungen.

Es war eine intensive, spannende und lehrreiche Zeit, in der wir gemeinsam große Erfolge feiern konnten, Rückschläge verarbeiten mussten und außergewöhnliche Projekte umsetzen durften. Meine Aufgabe war vom ersten bis zum letzten Tag Teamwork. Ich danke all den Menschen von Herzen, die mir in dieser Zeit mit ihrem Einsatz, ihren Ideen und ihrer Leidenschaft zur Seite gestanden haben. Ich bin stolz auf das, was ich gemeinsam mit meinen Mitarbeitern, unseren Nationaltrainerinnen und Nationaltrainern und den Betreuerstäben geleistet habe. Solche Teams um sich zu haben, war ein Privileg.

Mein Wirken war stets getrieben von der Überzeugung, mein Bestes für den DFB und die Nationalmannschaften zu geben. Umso mehr schmerzt mich das Abschneiden der Männer Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften in Russland und Katar. Ich gehe deshalb auch nicht ohne die nötige Selbstkritik. In den vergangenen vier Jahren haben wir es nicht geschafft, an frühere Erfolge anzuknüpfen und den Fans wieder Grund zum Jubeln zu geben. Einige Entscheidungen, von denen wir überzeugt waren, haben sich nicht als die richtigen erwiesen. Das bedauert niemand mehr als ich. Dafür übernehme ich die Verantwortung.

Voller Stolz blicke ich auf die Fortschritte und die Arbeit der DFB-Akademie. Ich bin überzeugt davon, dass sie einen maßgebenden Beitrag zur Entwicklung des deutschen Fußballs leisten wird. Dass ich dieses ehrgeizige Großprojekt von der Idee bis zur Realisierung über Jahrzehnte hinweg unter hohem persönlichem Einsatz begleiten durfte, war eine einzigartige Erfahrung. Dass nun unsere Nationalmannschaften auf dem neuen DFB-Campus eine Heimat gefunden haben, macht mich glücklich.

Ich wünsche dem DFB, seinen vielen engagierten Mitarbeitern, allen unter seinem Dach versammelten Verbänden und Klubs, Einrichtungen und Initiativen sowie unseren Nationalmannschaften viel Erfolg bei ihren wichtigen Aufgaben. Ich wünsche mir, dass die Fußball Fans unsere Teams – ob Frauen, Männer oder Junioren – auch in Zukunft voller Leidenschaft unterstützen. Das gilt insbesondere für unsere Männer-Nationalmannschaft bei der Heim-Europameisterschaft 2024, bei der wir zehn Jahre nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft in Brasilien wieder erfolgreich sein können.

Der Fußball hat mein Leben geprägt und wird mich weiter begleiten. Es war mir eine große Ehre, so lange für den deutschen Fußball gearbeitet zu haben.

Und er gab auch im Auftrag von Joachim Löw Ratschläge für einen moderneren, angriffslustigeren Fußball, die bei den Traditionalisten der Bundesliga gar nicht gut ankamen. Karl-Heinz Rummenigge schalt ihn einst die „Ich-AG vom Starnberger See“, Uli Hoeneß wütete, Bierhoff solle „diese permanenten Schlaumeiereien“ sein lassen, Rudi Völler riet ihm zu mehr Demut und einem Besuch beim Orthopäden („Er sollte sich in den nächsten Tagen bei Dr. Müller-Wohlfahrt untersuchen lassen. Das permanente Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen muss doch schmerzhafte Schädigungen nach sich ziehen“) und zog Bierhoffs Fähigkeiten als Fußballer ins Lächerliche. „Jeder Trainer würde gerne offensiv spielen lassen. Aber wenn du zum Beispiel einen Spielertypen wie Bierhoff im Team hast, kannst du eben auch nicht brasilianisch spielen.“

Der alerte Bierhoff ging seinen Weg unverdrossen. Er modernisierte den rückständigen Verband, seine Methoden strahlten auch auf die tradierten Managementstrukturen in vielen Klubs ab. Nach dem WM-Titel 2014 ließ er eine Studie in englischer Sprache anfertigen, in der seine Klugheit und Weitsicht in höchsten Tönen gelobt wurde. Anerkennung war ihm wichtig. Er sprach schon im Jahr vor dem WM-Titelgewinn davon, die Nationalmannschaft sei „quasi die vierte Macht“ im Staate Deutschland. Bescheidenheit war seine Sache nie. Aber hat dann auch meist geliefert.

Oliver Bierhoff: Der Rückzug dürfte ihm schwerfallen

Aber die Marke „Die Mannschaft“ polierte er irgendwann zu blank, und er verstand nicht, warum die Menschen im Land seinen Ideen nicht mehr folgen wollten. Dass der Claim in diesem Sommer auf Druck des neuen Präsidenten Bernd Neuendorf und des Liga-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Joachim Watzke abgeschafft wurde, hinterließ Bierhoff als Verlierer. Schon da waren Risse im Verhältnis zu den beiden neuen führenden Köpfen im deutschen Fußball erkennbar. Die Machtverhältnisse verschoben sich. Mit dem vormaligen DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hatte Bierhoff ganz anders kommunizieren können. Die beiden waren sich in ihrer Denke grundsätzlich einig. Davon kann im Verhältnis zu Neuendorf und Watzke keine Rede sein.

Insoweit hat Oliver Bierhoff es vermieden, sich bei einer Krisensitzung am Mittwoch vorgeführt vorkommen zu müssen. Diesem Szenario ist er lieber aus eigenem Antrieb zuvorgekommen. Denn er hatte ja die Skepsis aus den Worten von Neuendorf vor dem Abflug am Freitag aus Katar deutlich vernommen. Der überzeugte Liberale Bierhoff hält den ihm auch parteipolitisch fremden SPD-Politiker nicht für einen Mann, der Grundsätze vertritt, sondern für jemanden, der sein Fähnchen in den Wind hängt. Unter diesen Umständen, noch dazu mit Watzke als Kontrolleur, hätte es keine gemeinsamen Weg geben können.

Gerne hätte Bierhoff die Nationalmannschaft bis zur Europameisterschaft 2024 im eigenen Land begleitet. Der Rückzug dürfte ihm deshalb besonders schwergefallen sein. Es wäre die Abrundung seiner DFB-Karriere gewesen, die 2004 mit den Planungen zum Sommermärchen 2006 als Teammanager an der Seite von Jürgen Klinsmann begann. Zuletzt firmierte der gebürtige Karlsruher als Geschäftsführer der DFB-GmbH mit fast 200 Mitarbeitenden in seinem Ressort Nationalmannschaften und Akademie. Als Vordenker hinterlässt er eine Lücke. Und auch für Hansi Flick dürfte die Arbeit, so der Bundestrainer sie denn unter diesen Umständen überhaupt fortzusetzen gedenkt, nun schwieriger werden. Bierhoff gilt als großer Unterstützer des Coaches, dessen Verpflichtung von ihm entscheidend vorangetrieben wurde.

Oliver Bierhoff: Durchaus eitel

Sollte Watzke und Neuendorf, anders als im Fall Bierhoff, an einer weiteren Zusammenarbeit mit Flick gelegen sein, erscheint es angeraten, sorgsam mit dem 57-Jährigen umzugehen. Vorhaltungen dürfte Flick sich eher nicht gefallen lassen. Sein Vertrag ist bestens dotiert. Der DFB, der sein Geld ja eigentlich für seine ursächlichen gemeinnützigen Aufgaben beieinander halten sollte, kann es sich nach der sicher auch kostspieligen Vertragsauflösung mit Bierhoff nur unter erheblichen Mühen leisten, auch Flick abzufinden. Denn aufgrund von Steuerrückstellungen schreibt der Verband ohnehin tiefrote Zahlen. Der Verlust für das Geschäftsjahr 2021 beträgt allein mehr als 30 Millionen Euro. Bei der WM wurden aufgrund des frühen Ausscheidens wie schon 2018 keinerlei Überschüsse erwirtschaftet.

Mit Oliver Bierhoff verlässt ein durchaus eitler Mensch den DFB, bei dem man sich mitunter des Gefühls nicht erwehren konnte, es ginge ihm nicht immer nur um die Sache, sondern bisweilen auch sehr um sich. Gerade nach der gründlich misslungenen WM 2018 stützte er mit Joachim Löw auch seinen Einflussbereich. Desgleichen gilt für die Verpflichtung von Flick 2021.

Aber er war auch ein Pionier, er führte Medien- und Marketingtage für die Spieler ein und potenzierte die Einnahmen, er stand den Trainern Klinsmann, Löw und Flick zur Seite, steigerte für einen stetig wachsenden Betreuerstab und hochpreisige Herbergen aber auch die Ausgaben um ein Vielfaches. Die Spieler dankten die perfekte Betreuung lange mit Erfolgen. Aber nicht lange genug, um für Oliver Bierhoff den Kreis 2024 zu schließen. (Jan Christian Müller)

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