Läufer vermisst den Respekt

Orth darf nicht zur WM: Leichtathletik-Verband pocht auf eigene Norm

Da war er für Deutschland dabei: Florian Orth bei der EM in Helsinki 2012. Foto:  dpa

Kassel. Obwohl er die internationale Norm geschafft hat, darf Florian Orth aus Treysa nicht zur WM nach Peking. Der Verband stünde einem im Weg, sagt der Leichtathlet im Interview.

Die international geforderte Zeit unterboten - trotzdem darf Florian Orth nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Peking. Der Deutsche Leichtathletik-Verand (DLV) pocht auf seine eigene Norm, und die hat der 1500-Meter-Läufer aus dem nordhessischen Treysa knapp verfehlt. Somit muss der Deutsche Meister die Titelkämpfe zu Hause verfolgen.

Herr Orth, wie tief sitzt die Enttäuschung? 

Florian Orth: Im Grunde wusste ich ja, was mir blüht. Die Gespräche mit dem Bundestrainer vor und nach der Deutschen Meisterschaft hatten es angedeutet. Norm ist nun mal Norm.

Aber die Norm des internationalen Verbandes IAAF haben Sie geschafft. Das muss Sie doch mächtig wurmen, oder? 

Orth: Der DLV orientiert sich halt an den Bestenlisten der Vorjahre. Uns Athleten wird immer gesagt, es gäbe den Anspruch, in den Endkampf zu kommen. Dabei wird bei großen Meisterschaften in erster Linie taktisch gelaufen. Da geht es Mann gegen Mann. Zeiten sind da im Vorfeld wenig aussagekräftig.

Warum setzt der DLV dann überhaupt Extra-Normen? 

Orth: Gute Frage. Für mich ist es bitter, weil ich die IAAF-Zeit gepackt hatte. Der DLV steht einem im Weg. Der eigene Verband macht den Türsteher. Da fehlt mir der Respekt - vor den Athleten und auch dem Weltverband, der ja nicht aus Lust und Laune die Zeiten vorschreibt. Jetzt startet in Peking ein US-Amerikaner, der in diesem Jahr nicht schneller gelaufen ist als ich. Wäre ich Österreicher oder Schweizer, wäre ich dabei. Als Deutscher bin ich nicht gut genug.

Hürdensprinter Alexander John darf nach Peking, obwohl er die Norm verpasst hat. 

Orth: Um eine Hundertstelsekunde. Bei mir ist es eine halbe Sekunde - aber über 1500 Meter. Das ist nichts. Ich will keinesfalls, dass John zu Hause bleiben muss. Aber der DLV misst hier mit zweierlei Maß. Zumal ich keinem deutschen Starter den Platz wegnehmen würde. Mir wird die Chance genommen, international zu starten.

Ihre Bestzeit liegt unter der DLV-Norm. Warum hat es in dieser Saison nicht gereicht? 

Orth: Im vergangenen halben Jahr habe ich mein Staatsexamen gemacht. Es war schwierig, Rennen zu finden, die sich nicht mit meinen Prüfungen überschnitten haben. Außerdem musste ich oft hören, dass die Starterfelder bereits voll seien. Viele Möglichkeiten hatte ich also nicht.

Gab es denn vom DLV keine Unterstützung? 

Orth: Es heißt immer, dass der duale Werdegang gefördert werden soll - also Ausbildung plus Leistungssport. Gut, bei der Staffel-WM auf den Bahamas habe ich ein Einzelzimmer bekommen, damit ich lernen konnte. Aber ansonsten? Sämtliche organisatorischen Fragen, Absprachen mit der Uni wegen Fehlzeiten, weil ich für den DLV bei Wettkämpfen war - da war ich auf mich allein gestellt. Zwischen den Zeilen hatte der Bundestrainer sogar mir die Schuld gegeben, weil ich mich für diesen dualen Weg entschieden habe.

Also nichts mit Sporthilfe? 

Orth: Finanziell werde ich schon unterstützt. Reich wird man davon aber nicht. Wäre ich dieses Wochenende zum Beispiel kurzfristig beim Diamond League Meeting in Stockholm gestartet, hätte ich die Flugkosten von etwa 1500 Euro allein stemmen müssen.

Fühlen Sie sich ein wenig im Stich gelassen? 

Orth: Das ist eine zu harte Formulierung. Das Frustrierende ist: Wenn der Verband mich brauchte wie zuletzt bei der Team-EM in Russland, habe ich trotz Prüfungsstress alles möglich gemacht. Und eine Team-EM ist nicht gerade die beste Möglichkeit, um schnelle Zeiten zu laufen. Jetzt hätte der Verband für mich etwas tun können. Aber Fehlanzeige. Darüber hinaus sehe ich eine gefährliche Entwicklung: Es wird lieber kein Athlet mitgenommen als einer.

Was muss im Sportförderungssystem besser werden? 

Orth: Natürlich gibt es die Fördergruppen bei der Polizei und der Bundeswehr. Aber was ist mit Leuten wie mir, die einen akademischen Weg einschlagen? Es muss eine engere Zusammenarbeit mit den Unis geben. Und wenn wir die Ausbildung erst mal hinten anstellen, steigen wird erst Mitte 30 ins Berufsleben ein. Wir haben keine Absicherung. Da bedarf es einer strukturellen Veränderung. Im Grunde müsste man den Beruf Sportler erfinden.

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