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Wenn der EM-Besuch zum Abenteuer wird

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Von: Torsten Kohlhaase

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Wohlbehalten zurück in Niestetal: Jürgen Klee und seine beiden Töchter Sophia und Julia.
Wohlbehalten zurück in Niestetal: Jürgen Klee und seine beiden Töchter Sophia und Julia © Dieter Schachtschneider

Diese Geschichte ist unglaublich. Und sie beginnt in Niestetal-Heiligenrode, der Heimat von Tischtennisspielerin Sophia Klee. Nachdem die 19-Jährige mit der deutschen Nationalmannschaft zur Jugend-Europameisterschaft ins serbische Belgrad geflogen ist, wollen Vater Jürgen Klee und Schwester Julia nachkommen – um die Weinheimer Bundesligaspielerin vor Ort zu unterstützen. Doch die Reise wird zu einer abenteuerlichen Odyssee.

Der Start am 5. Juli

„Wir sind um 17 Uhr losgefahren nach Frankfurt-Hahn. Unser Flieger sollte um 22.10 Uhr gehen und gegen Mitternacht in Belgrad ankommen“, erzählt Jürgen Klee. Doch es kommt anders. Erst hat der Flug Verspätung, dann fällt er ganz aus. „Bis Samstag hätte man uns ein Hotel und Essen kostenfrei zur Verfügung gestellt, aber das half uns ja nicht weiter“, erzählt Klee. Er bezahlt sieben Euro für eine gute Stunde Parkzeit und steht dann 20 Minuten vor der Schranke – um zu überlegen. „Von Dortmund hätten wir am Donnerstag fliegen können, aber wir entschieden uns dann, mit dem Auto zu fahren“, erinnert sich Julia Klee. Um 23.30 Uhr ist der erste der knapp 1500 Kilometer geschafft. Es geht über Passau, Wien und Budapest bis an die ungarisch-serbische Grenze.

Die Einreise am 6. Juli

„Wir wollten das zweite Spiel von Sophia nicht verpassen und standen unter Zeitdruck. Mittwoch um 11 Uhr mussten wir dann eineinhalb Stunden bei der Einreise warten“, erzählt Jürgen Klee. Es ist die EU-Außengrenze, und der Zöllner verlangt den Fahrzeugschein. Klee hat nur eine Kopie dabei – der Beamte schüttelt den Kopf. Dann zeigt ihm der Niestetaler ein Foto von Sophia Klee, das im Handschuhfach liegt. Der Grenzbeamte bespricht sich mit seinen fünf Kollegen, schließlich macht dessen Chef eine Handbewegung, die so viel bedeutete wie: Dann lasst sie eben durch.

Der Blindflug

Die nächsten Probleme warten schon. Im Nicht-EU-Land Serbien kostet eine Gesprächsminute mindestens vier Euro, um an einer Kreuzung mit dem Handy mal schnell im Internet zu schauen, werden acht Euro pro Einheit fällig. „Da kommen dann schnell 80 Euro zustande. Ein weiteres Problem war, dass unser Navigationssystem im Skoda nur die Europäische Union gespeichert hat“, sagt Papa Klee. Und Julia Klee ergänzt: „Wir hatten Fotos von der Halle, und Belgrad war ja gut ausgeschildert. Aber die kyrillischen Schriftzeichen waren schwer zu lesen.“

Die Ankunft

24 Stunden nach dem Aufbruch in Niestetal kommen sie in Belgrad an. Ihre Unterkunft gehört einem Tischtennisspieler, um 17.30 Uhr ist das Vater-Tochter-Gespann pünktlich zum Spiel in der Halle. „Wir sind auf freundliche Leute in Serbien getroffen, die uns auch in englischer Sprache immer weitergeholfen haben“, sagt Julia Klee, die sich neben Papa Jürgen, der vor allem am Sport seiner Tochter interessiert ist, auch Sightseeing gönnt.

Das Aus am 9. Juli

Am Samstag kommt es dann knüppeldick. Im Halbfinale des Teamwettbewerbs verletzt sich Sophia Klee erneut am Knie, hat aber im fünften Satz des entscheidenden fünften Spiels beim Stand von 9:9 noch alle Chancen aufs Finale. Doch am Ende verliert sie 9:11 und holt die Bronzemedaille. Mama Susanne sagt später: „Als der Flug gestrichen wurde, habe ich mir gedacht: Wer weiß, für was es noch gut ist, dass mein Mann und meine Tochter mit dem Auto in Belgrad sind.“ Sie ist es auch, die Kontakt zum befreundeten Elgershäuser Tischtennisspieler Michael Oliv aufnimmt, der in der Orthopädischen Klinik Kassel arbeitet. Da in Belgrad kein MRT von Sophias Knie möglich ist, braucht es in Kassel Termine bei Dr. Rauch und Dr. Seitz. Die EM ist in jedem Fall gelaufen.

Die Abreise am 11. Juli

„Am Montag wollten wir um 8 Uhr los, aber dann sprang das Auto nicht an. Mit serbischer Hilfe haben wir es zum Laufen bekommen“, sagt Jürgen Klee. Einen Zwischenstop legt das Trio in Budapest ein. Dort wollte Sophia nach der EM ein Turnier spielen, hatte bereits das Flixbus-Ticket für 59 Euro gekauft. Daraus wird nichts, stattdessen gibt es eine dreistündige Stadtbesichtigung. Am Dienstagmorgen um 4.20 Uhr ist das Niestetaler Trio zurück in der Heimat. „Als ich um 9 Uhr Brötchen holen wollte, fiel mir auf, dass mein Portemonnaie weg ist. Ich habe sofort alle Karten sperren lassen“, sagt Jürgen Klee. Mehrfach wird das Auto auf links gedreht, und Sophia findet die Geldbörse unter dem Fahrersitz. Es ist der Schlusspunkt einer fast einwöchigen Reise, die zu einem unvergesslichen Abenteuer wurde.

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